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Melanie Levensohn wurde 1970 in der Nähe von Frankfurt geboren, studierte Politikwissenschaften und Literatur in Frankreich und Chile und arbeitete als Pressereferentin für die Weltgesundheitsorganisation in Genf und bei der Weltbank in Washington, D. C. Mit ihrem Roman "Zwischen uns ein ganzes Leben" (S. Fischer) ist sie am 27. November, 19 Uhr, im Literaturhaus Darmstadt zu Gast.

Kolumne

Ich wär so gerne ... eine Zeitreisende

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Eine Namensvetterin zu treffen, die nach Auschwitz deportiert wurde - könnte man was ändern? Heute bleibt nur die Möglichkeit, ein Andenken zu schaffen.

Glauben Sie an das Schicksal? Diese höhere Macht, die unser Leben lenkt und bestimmt? Die Menschen zusammenführt, die zusammengehören? Früher hätte ich diese Frage mit einem vehementen „Nein“ beantwortet. Früher war ich Single, kopfgesteuert und auf meine Karriere fixiert. Die Welt gehörte mir, das Glück lag in meiner Hand. Dann lernte ich meinen Mann kennen. Unsere Begegnung war ein emotionales Erdbeben, sie drehte mein Leben um 180 Grad. Ich hängte meinen Job an den Nagel, packte die Koffer in Washington, D. C. ein und auf einem idyllischen Weingut in Kalifornien wieder aus.

Erst später begriff ich, wie schicksalhaft und bedeutend unsere Verbindung wirklich war: Als ich bei der Hochzeit den Familiennamen meines Mannes annahm, wurde ich, ohne es zunächst zu wissen, die Namensvetterin seiner französischen Großcousine: Melanie Levensohn lebte als junge Studentin in Paris und wurde 1943 nach Auschwitz deportiert.

Mein Mann erfuhr erst 2005 von diesem Teil seiner Familiengeschichte, als Melanies Halbschwester, Jacobina Löwensohn, sie nebenbei erwähnte. Auf dem Sterbebett hatte ihr Vater Lica Jacobina von der unbekannten Schwester erzählt und ihr das Versprechen abgenommen, sie zu suchen. Zehn Jahre hat Jacobina nach Melanie Levensohn recherchiert, unzählige Menschen kontaktiert und Institutionen besucht. Alle Spuren endeten in Auschwitz.

Es gibt einen Ordner von Jacobina, mit Faxen, Briefen und Dokumenten. Vor ein paar Jahren habe ich ihn entdeckt und bin in Melanies trauriges Schicksal eingetaucht. Ich fand das einzige Foto, das von ihr existiert, ihren Aufnahmeschein in das Durchgangslager Drancy und ein Fernschreiben an Adolf Eichmann.

Jedes Mal, wenn ich den Ordner aufschlug, stellte ich mir vor, wie es wohl wäre, als Zeitreisende 70 Jahre in die Vergangenheit zurückzufliegen, um meine Namensvetterin persönlich kennenzulernen. In meinem Kopf sah ich alles genau vor mir: Paris 1940, die Wehrmacht marschierte siegesgewiss durch die Straßen, hatte Wohnungen, Cafés und Restaurants besetzt. Am Eiffelturm flatterte das Hakenkreuz, und die Uhren waren nach Berliner Zeit um eine Stunde vorgestellt.

In meiner Fantasie traf ich Melanie auf dem Boulevard Saint-Germain, im Café de Flore. Auch ich habe lange in Paris gelebt, und das ist einer meiner Lieblingsorte. Mir gegenüber saß ein Mädchen mit frischen Wangen, welligen Haaren und einem undurchdringlichen Blick. So wie auf dem Foto. Am Nebentisch befanden sich deutsche Soldaten in sauber gebügelten Uniformen. Ihre Haare waren kurz, die Beine kräftig. Sie strahlten Männlichkeit und Stärke aus. Melanie und ich bestellten uns eine Tasse Chicorée-Kaffee, denn echten Kaffee gab es nur noch auf dem Schwarzmarkt.

Wir begannen eine Unterhaltung. Als ich ihr sagte, dass ich Deutsche bin, verstummte sie. Sofort versicherte ich ihr, dass ich nicht zu den Nazis gehörte und dass Frankreich nicht mehr lange unter deutscher Besatzung bleiben würde. Am liebsten hätte ich ihr die Frage gestellt, die mich am meisten beschäftigte, die sie zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht hätte beantworten können: Würde sie Auschwitz überleben?

Die Papiere in Jacobinas Ordner widersprechen sich diesbezüglich. Der Forscher George Dreyfus schrieb, dass Melanie eine Rescapée war, eine Überlebende. Das Rote Kreuz jedoch war vom Gegenteil überzeugt und zitierte die „Chronik der aus Frankreich deportierten Juden“ von Serge Klarsfeld, einem französischen Rechtsanwalt, der in den 80er und 90er Jahren viele unbehelligte NS-Täter der Justiz zugeführt hat. „Wenn Melanie überlebt hätte, wäre auf Klarsfelds Liste ein Punkt hinter ihrem Namen“, hatte die Organisation Jacobina mitgeteilt.

Doch da war kein Punkt.

Die Frage, ob Melanie Auschwitz überlebt hat oder nicht, wird für immer unbeantwortet bleiben, und mein Wunsch, in die Vergangenheit zu reisen, unerfüllt. Aber mein identischer Name und Melanies Schicksal haben mich nicht mehr losgelassen. Schnell wurde mir klar, dass ich ihr ein Andenken schaffen musste. Und so ist mein erster Roman entstanden, „Zwischen uns ein ganzes Leben“. Es ist jedoch keine Biografie, sondern eine Liebesgeschichte auf zwei Zeitebenen.

Manchmal frage ich mich, ob die höhere Bedeutung meiner Ehe vielleicht im hebräischen „Tikkun Olam“ liegt, was mit „die Welt reparieren“ übersetzt werden kann. Im Alltag heißt das, anderen zu helfen und sich gemeinsame Ziele zu setzen. Für mich als Deutsche heißt es, die Erinnerung an Melanie aufrechtzuerhalten.

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