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Verdammt lang her: 1976 gründete Wolfgang Niedecken die Kölschrock-Band BAP, und ist bis heute deren Sänger und Frontman. Studiert hat er Malerei. BAP ist noch bis Oktober auf Deutschlandtour und gastiert unter anderem am 8. Juni in Frankfurt und am 30. September in Mainz. Alle Termine unter: www.bap.de oder www.semmel.de
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Verdammt lang her: 1976 gründete Wolfgang Niedecken die Kölschrock-Band BAP, und ist bis heute deren Sänger und Frontman. Studiert hat er Malerei. BAP ist noch bis Oktober auf Deutschlandtour und gastiert unter anderem am 8. Juni in Frankfurt und am 30. September in Mainz. Alle Termine unter: www.bap.de oder www.semmel.de

Kolumne

Ich wär so gerne im eigenen Atelier auf Kreta

  • VonWolfgang Niedecken
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Für großformatige Material-Montagen braucht es viel Platz - und Kraft. Unser Autor träumt davon.

Eigentlich kann ich mich ja glücklich schätzen, dass mein Hobby mehr oder weniger durch einen Zufall zu meinem Beruf geworden ist. Insofern ist es schon fast vermessen, wenn ich mir überhaupt Gedanken darüber mache, was ich lieber täte, wer ich lieber wäre oder was mir zu meinem Glück noch fehlen würde. Ich bin schon ganz gerne dieser „Niedecken“, denn ich kann weitgehend selbstbestimmt leben und entscheiden was ich tue und was ich sein lasse. Die einzige Einschränkung ist die, dass ich leider nie die Zeit habe, mich auch mal in meinem erlernten Beruf auszutoben, der Malerei.

In der ersten Hälfte der siebziger Jahre habe ich nämlich Kunst studiert und nach dem Examen tatsächlich auch einige Jahre von meinen Arbeiten gelebt, bis mir (siehe oben) mein Hobby dazwischen kam. Das war eine spannende Zeit und ich hätte es nie für möglich gehalten, dass die Geschichte mit meiner Band ab dem überregionalen Durchbruch länger als maximal drei Jahre dauern würde. Mittlerweile sind es fast vier Jahrzehnte. Bis einschließlich 1979 habe ich noch regelmäßig gemalt, danach nur noch in den Pausenjahren, in denen wir nicht getourt sind und an neuen Songs gearbeitet haben. In diesen Phasen habe ich zwar das Live-spielen vermisst, konnte dafür aber flexibel auf beiden Hochzeiten tanzen, denn die Malerei und das Texten ließ sich hervorragend miteinander vereinbaren. Immer hatte ich irgendwo einen Zettel rumliegen, auf dem ich mir meine Reime notieren konnte, bis ich Ende des Jahrtausends, nach einer ziemlich radikalen Umbesetzung, immer mehr ins Organisatorische reingezogen wurde. Mir blieb einfach keine Zeit mehr für meinen erlernten Beruf.

Ich schreibe diesen kleinen Text vor der kommenden Tournee auf Kreta, wohin ich mich zum Entspannen und zur Vorbereitung auf den großen Sturm zurückgezogen habe. Und fast immer, wenn ich in diesen Gefilden unterwegs bin, bin ich fasziniert von den rohen Materialien, mit denen beispielsweise Jannis Kounellis seine Arte Povera-Kunstwerke gefertigt hat. Und genau dann kommt regelmäßig der Wunsch in mir hoch, mir irgendwo hier eine Halle, eine Werkstatt oder eine Garage zu mieten und vom Frühjahr bis in den Herbst hinein mit vorgefundenen Materialien riesige Bilder zu kollagieren, zu montieren, mit breiten Pinseln, Teer, Lack oder Wandfarbe aufzutragen, und sie danach der Witterung auszusetzen, die dann den Rest erledigt.

Gegen Ende meines Studiums habe ich eine Zeit lang in New York gelebt und gesehen, wie Larry Rivers, der Urvater der Pop Art förmlich in seine Bilder eingetaucht ist. Das hat mich ebenso beeindruckt wie die Arbeitsweise vom leider viel zu früh verstorbenen Michael Buthe, mit dem ich befreundet war. Ich mochte immer ganz besonders die Künstler, bei denen Werk und Vita untrennbar ineinander verwoben waren. Die gar nicht anders konnten, als ihrem Gestaltungswillen zu gehorchen.

Auch bei mir hat es Zeiten gegeben, wo ich irgendwo hier in der Gegend, in Griechenland oder in der Türkei mit meiner roten Kastenente unterwegs war und jeden Tag ein Bild gemalt habe, das irgendwas mit dem Vortag zutun hatte. Diese glücklichen, sorglosen Monate fallen mir hier natürlich auch ab und zu wieder ein und manchmal kommt es mir so vor, als hätte ich bestimmte „Tagesbilder“ erst vorgestern gemalt. Dabei ist das fast vierzig Jahre her.

Vorgestern erst habe ich am Straßenrand neben einem Müllcontainer das angerostete Wellblechdach einer Hundehütte gesehen. Hätte ich meine Werkstatt vor Ort, würde ich mit diesem Fundstück anfangen. Aber dann fällt mir ein, dass ich hierfür auch eine Menge Werkzeug bräuchte, denn große Material-Montagen lassen sich nun mal nicht mit dem Pritt-Stift zusammenkleben. Und mal ganz abgesehen davon, dass ich vor drei Jahren einen Bandscheibenvorfall erlitten hatte, ist diese Art von künstlerischer Tätigkeit sowieso eine körperlich ziemlich anstrengende. Als 67-Jähriger bräuchte ich hierzu auf jeden Fall einen kräftigen Assistenten, der mir zumindest die schwersten Kraftakte abnehmen würde.

Wie ich das so sehe, wird es wohl bei dem Traum von einem Atelier auf Kreta bleiben, denn der Aufwand, der zu betreiben wäre, stünde in keinem Verhältnis. Es sei denn ich würde mich auf kleinere Formate beschränken, aber da träum’ ich halt nicht von. Sowas könnte ich auch zu Hause machen – wenn ich einen 48 Stunden-Tag zur Verfügung hätte.

Wie man es auch dreht und wendet, die Würfel sind längst gefallen. Ich bin seit vier Jahrzehnten in erster Linie als Musiker unterwegs und glücklich damit. Wenn ich daran denke, dass das alte Zirkuspferd jetzt wieder in die Manege darf, schlägt mein Herz schneller. Es riecht schon die Sägespäne.

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