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Kolumne

Ich wär so gerne am Anfang

Wenn alles neu ist, gibt es viele Möglichkeiten. Man muss es nur wollen.

Ich liebe Anfänge. Nicht nur in beruflicher Hinsicht, aber da natürlich auch. Nicht alle Schriftsteller haben Angst vor der leeren Seite, warum auch? Alles ist möglich auf einem DIN-A4-Blatt, das weiß und wehrlos vor einem liegt. Als Leserin suche ich mir Romane aus, deren erste Sätze mir gefallen, im Fernsehen schaue ich nichts lieber als die Pilotfolgen neuer Serien – da ist die gezeigte Welt noch neu und verständlich, und die Charaktere machen Lust darauf, mehr von ihnen zu erfahren. (Zehn Tage später bereits finde ich mich verwirrt an der siebenten Staffel klebend und weiß längst nicht mehr, wer mit wem noch nicht und warum eigentlich konspiriert/schläft/verfeindet ist.)

Im nonfiktionalen Bereich – dem sogenannten wahren Leben – kommen Anfänge nicht unbedingt nach Wunsch auf einen zuspaziert. Ein Anfangsjunkie wie ich muss sie manchmal willentlich herbeiführen. Früher bewarb ich mich um Förderstipendien, lebte drei Monate in New York oder Los Angeles oder Kyoto. Alles neu: der absolute Kick. Heute, wo ich ruhiger geworden und aus haustiertechnischen Gründen weniger mobil bin, melde ich mich, wenn es ganz schlimm wird, bei irgendeinem „Schnupper“- oder Wochenendkursus an, wo ich unter anderen Neulingen meinen Anfang mache in Disziplinen wie Ikebana, Linoldruck, Jiu Jitsu oder französischer veganer Soßenküche. Mein Herz pocht, freudige Erwartung schwappt in mir herum, bis ich endlich die Blüten sortieren, die Druckerpresse bedienen oder die Luft mit ersten Kampfsporttritten malträtieren darf.

„Allem Anfang wohnt ein Zauber inne“: Der Beginn (!) von Hermann Hesses Gedicht „Stufen“ ist Ihnen vermutlich nicht nur bekannt; vermutlich können Sie ihn, genau wie ich, längst nicht mehr hören. Doch lesen Sie den Satz mit Betonung auf dem ersten Wort, dann haben Sie den Knackpunkt: Es wohnt nämlich wirklich jedem Anfang ein Zauber inne. Einfach weil es sonst ja kein Anfang wäre, nur eine unglückliche Begebenheit, die man sofort vergäße, da sie zu nichts führte.

Ob es sich nun um den Beginn einer neuen Bekannt-, einer Freundschaft oder gar einer neuen Liebe handelt: Es gilt, die nötige Mischung aus Begeisterung und Wachsamkeit zu behalten, um nicht gleich alles zu versauen, schließlich liegt in diesen Fällen ein 500-Blatt-Stapel Papier neben einem, gibt es keine Rückspultaste und keine Unfallversicherung.

Wer weiß schon, was noch kommt?

Zwischenmenschliche Anfänge sind am kompliziertesten, aber sie bieten eben auch den größten Möglichkeitsraum: Weiß ich denn, ob die süße Blondine da nicht in drei Jahren meine beste Freundin ist und ich bei ihr übernachten darf, wenn ich Krach mit meinem Freund hatte? Ob nicht der völlig underdresste Typ, der auf der Party allen die Garnelenspieße wegfrisst, nicht nächstes Jahr zu Silvester meine Hand hält und wir gemeinsam in den böller- und lichtzersprengten Himmel sehen?

Apropos Beziehung: Meine Freundin N. versucht sich geradean einem großen Neuanfang, und nie war ihr Leben so spannend. Nachdem sie geschlagene zwei Jahre lang um ihre kaputtgegangene Ehe trauerte, stand sie eines Tages von der Couch auf und begann mit dem Internetdating. „Ich bin so weit, mich auf was Neues einzulassen“; erklärte sie mir am Telefon. Ich stimmte ihr zweihundertprozentig zu.

Der Mensch ist von Anfang an beschriftet

Das „Ich bin so weit“ ist übrigens ganz wichtig: Man muss bereit sein zu einem Anfang, sollte mit Altem abgeschlossen haben. Vergessen ist manchmal eine feine Sache. Nicht immer reicht es, wie im Jiu-Jitsu-Kurs, an einem bestimmten Zeitpunkt am richtigen Ort und in der angemessen bequemen Kleidung aufzutauchen. Vielleicht braucht man dazu ein besonderes Talent, vielleicht Naivität, vielleicht ist es gar nicht möglich – man ist, zumal ab einem bestimmten Alter, eben kein leeres Blatt; man hat halt schon gelebt. Der Philosoph Peter Sloterdijk, der seine Frankfurter Poetikvorlesungen gänzlich dem Thema des Anfangens widmete, sprach dort von Tätowierungen des Lebens, der Seele, der Existenz. Und natürlich ist das richtig: Der Mensch ist von Anfang an beschriftet. Er hat eine Herkunft, er hat eine Sprache, er hat ein Milieu. Aber er hat eben auch, denke ich, allerhand Möglichkeiten, sich daraus zu entfernen und einen Neuanfang zu unternehmen.

N. rief übrigens gerade an: Sie hat anscheinend den Richtigen gefunden, ein Kerl fast ohne Altlasten, der bereit ist, sich auf etwas Neues mit ihr einzulassen. Auch wenn er, wie sie zugibt (auch sie hat Sloterdijk gelesen), natürlich tätowiert sei, wie sollte es mit fünfzig auch anders sein. Aber mit diesem Tattoo käme sie zurecht: Das Motiv sei zwar noch zu erkennen, andererseits aber schon so verwaschen, dass es keine dringende Bedeutung mehr besäße. Ich brauchte eine Weile, bis ich begriff, dass sie von einer realen körperlichen Tätowierung sprach: Am linken Schulterblatt trug ihr Neuer ein Schiff-Tattoo.

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