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"Wenn man sie ansah, war man regelrecht geblendet."

Schmuck

Gecko im Dekolleté

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Broschen können mehr als bloß protzen.

Insgeheim nannten wir sie das Funkenmariechen. Wenn Tante Adele sich zweimal jährlich aufmachte, uns in der Großstadt zu besuchen, legte sie zuvor das ihr metropolengemäß erscheinende Ornat an. Darunter befanden sich stets zwei goldene Broschen, die Tante Adele ordengleich ans Revers ihres Kostümjäckchens geheftet hatte. Eine davon hatte die Form eines Papageis. Sein Gefieder schimmerte metallisch rot, grün und blau, sein Auge markierte ein funkelnder Rubin. Schmuckstück Nummer zwei war womöglich noch mondäner: eine Art Strass-Sonne, deren Durchmesser nur unwesentlich kleiner war als der eines Bierdeckels. Wenn man sie ansah, war man regelrecht geblendet.

Tante Adele ist schon lange tot, doch ihre Strass-Sonne ward kürzlich in einer Frankfurter Szenebar gesehen – in Gesellschaft eines Seestern-Abzeichens und eines Libellen-Ansteckers, die an den Krägen und im oberen Brustbereich junger Damen prangten, als handelte es sich um Auszeichnungen in einer exotischen Sportart. Vermutlich war es nicht exakt jenes Modell, dass die Tante seinerzeit beim Kleinstadtjuwelier Rimbach erstanden hatte, sondern die brandaktuelle Kreation eines Brüsseler Modegurus. Ebenso wenig, wie der glitzernde Lippenstift, der unlängst am Rollkragen einer Mittzwanzigerin in einer Off-Szene-Galerie spazieren getragen wurde, vom Flohmarkt stammte, sondern von Topdesigner Marc Jacobs. Und die hellgelbe Plastikrose am Blusenkragen der trendorientierten Kollegin nicht vom Wühltisch bei Woolworth, sondern von H&M.

Eine der Ersten, die den Trend prominent gemacht haben, war die Schauspielerin Uma Thurman, als sie 2016 bei der Met-Gala in New York mit einem gigantischen, diamantbesetzten Silberpfau von Cartier auftauchte. Seither gibt es kaum einen Designer, der in seinen Kollektionen auf das piekfeine Schmuckstück verzichtet. Alexander McQueen schickte diesen Sommer sogar Models mit Dutzenden von Glitzerbroschen auf den Catwalk, die wild auf einem schlichten Strickpulli verteilt waren. Gucci hat riesige Schleifen-Broschen im Angebot, die wie eine Mischung aus Kleinmädchenaccessoire und Mutterkreuz anmuten. Dazu passen dann wohl die Tea-Dresses und Volantblusen im Gouvernantenlook, die derzeit überall in den Boutiquen hängen. Wer hätte gedacht, dass in den Metropolen der Welt einmal der Strass-Igel das Zungenpiercing auf die Plätze verweisen würde? Dass die Schildpatt-Rose dem Flesh Tunnel die Schau stehlen würde? Bemerkenswert daran ist nicht etwa die Tatsache, dass stets genau das Avantgarde ist, was kurz zuvor noch als das Allergeschmackloseste verpönt war. Das ist normal. Man denke nur an die Farben Pink und Gold, die alle paar Jahre wieder ins Rampenlicht der Laufstege gezerrt werden. Oder an den hellblauen Lidschatten, der sich mittlerweile auch jenseits der Solariumszene einer gewissen Beliebtheit erfreut.

Die Brosche jedoch war bei jungen Menschen noch nie wirklich in, und genau das macht sie verdächtig. Margaret Thatcher als Stilikone? Kann das sein? Eher nicht. Offenbar geht es in diesem Fall gar nicht um das gewagte Recycling alter Modesünden. Vielmehr scheint die Brosche, ähnlich den Buttons der Achtzigerjahre („Schwerter zu Pflugscharen“), inzwischen als Bekenntnisträger zu fungieren. Gemeint ist nicht das Bekenntnis zu Konservatismus und traditionellen Werten. Eher andersherum: Man will den Spießern ihre Insignien wegnehmen. Ungefähr so, als würden sich Hipster im ganzen Land verabreden, ab sofort grüne Hundekrawatten zu tragen, um Alexander Gauland sein Markenzeichen madig zu machen. Oder als begrüßte man sich im Berghain neuerdings mit der Rautengeste.

Madonna hat das in den achtziger Jahren vorgemacht, als sie das Christuskreuz in die Disco gebracht und damit für religiöse Inhalte entwertet hat. Augenscheinlich handelt es sich beim Spießerschick-Trend um ein weltweites Phänomen. In New York etwa tragen sie gerade viktorianische Boho-Kleider, die aussehen, als wären sie aus „Unsere kleine Farm“ oder der Colonia Dignidad entsprungen. Ganz Paris läuft in Glencheck und Pullunder herum, und London schwelgt in Rüschen, Schluppen und Rosenornamentik, als sei man mit dem Brexit ins vorletzte Jahrhundert zurückkatapultiert worden.

Dass sich die Brosche auch als subtiles Kommunikationsmittel nutzen lässt, das den biederen Style auf subtile Weise ins Raffinierte transferiert, macht sie für Trend-Addicts, die nicht mit ihrer braven Cousine aus Klein-Kleckersdorf verwechselt werden wollen, zum unverzichtbaren Accessoire.

Wie das mit der nonverbalen Botschaft funktioniert, hat die ehemalige US-Außenministerin Madeleine Albright einst virtuos vorgemacht. Als irakische Medien sie in den neunziger Jahren wegen ihrer Kritik an Saddam Hussein als „beispiellose Schlange“ bezeichneten, trug Albright beim nächsten Zusammentreffen mit den Journalisten rotzfrech eine Brosche in Schlangenform. Auch wenn der Sicherheitsrat tagte, habe Albright ihre Anstecknadeln mit Bedacht gewählt, erzählte sie 2010 in einem Interview. An guten Tagen habe sie ihre Blazer mit Blumen, Schmetterlingen oder Luftballons verziert. Vor schwierigen Beratungen allerdings habe sie Käfer oder fleischfressende Tiere am Revers getragen. Da wusste das Gegenüber doch gleich, wo es dran war.

Auch Queen Elizabeth II. weiß haargenau, wie man das Kommunikationpotenzial von Broschen souverän einsetzt, ohne sich angreifbar zu machen. Als Donald Trump und First Lady Melania im Sommer nach London kamen, ließ sich die Königin entschuldigen. Sie wurde dann bei einem anderen Termin mit einer Brosche gesichtet, die ihr Barack Obama und seine Frau Michelle einst geschenkt hatten. Zufall? Wohl kaum.

Melania wiederum trägt bei offiziellen Terminen keine Broschen. Vermutlich will sie nichts falsch machen. Als sie jedoch im Sommer bei einem Treffen mit Wladimir Putin in Helsinki eine Schmetterlingsgürtelschnalle über ihrem Gucci-Mantel trug, spekulierte man in den sozialen Netzwerken, sie flöge am liebsten ganz weit weg.

Weniger charmant war der Fauxpas, den sich die Princess Michael of Kent vergangene Weihnachten geleistet hat, als sie zum royalen Dinner im Buckingham Palast mit einer gigantischen Mohrenbrosche auftauchte. Man vermutete einen Seitenhieb auf die afrikanischen Wurzeln von Meghan Markle, die bei dem Essen erstmals dabei war. So oder so: Das Teil war nicht nur optisch geschmacklos.

Vielleicht lässt sich Markle ja kommende Weihnachten zu einer Revanche hinreißen. Passend wären die Motive Giftspinne, Schlange oder Kuh.

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