Reportage

Die Gaudi-Macher

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Die Casanovas aus dem Zillertal musizieren seit 50 Jahren. Stars sind Hans Kirchebner und Max Kröll zwar nie geworden. Aber viele Reiche und Berühmte lieben das Duo.

Ja mei, die Casanovas. Mit dem Namen seines Musik-Duos war er zwar „nie so richtig glücklich“, aber mit seinem Leben als Casanova ist Hans Kirchebner sehr zufrieden. Und das nicht nur, wenn er es mal wieder zum jährlichen Klassentreffen schafft. „Dann fragen meine Schulkameraden: Hans ...“ – er sackt ein bisschen in sich zusammen und wimmert: „... wie lange musst du denn noch spielen?“ Dann richtet er sich ruckartig wieder auf: „Ich muss gar nix“, sagt er mit fester Stimme. „Ich spiele, weil ich das will. Das ist das Schöne. Wir müssen nicht aufhören. So lange wir können, machen wir Musik.“

Hans Kirchebner lässt den Rotwein im Glas kreisen. Wenn der 76-Jährige von „wir“ spricht, meint er damit sich und seinen Duo-Partner Max Kröll. Der ist mit seinen 72 Jahren etwas jünger als Kirchebner, aber da beide ohnehin zehn Jahre jünger wirken, fällt der Altersunterschied kaum ins Gewicht. Über die Musik hinaus verbindet sie eine tiefe Freundschaft. Und die Heirat der Zwillingsschwestern Margit und Ilse. Und das seit fast 50 Jahren.

Um die Form zu wahren, müsste in dieser Geschichte über das Volksmusik-Duo „Die Casanovas aus dem Zillertal“ immer von den Herren Kirchebner und Kröll gesprochen werden. Aber da die beiden lustige Musikanten aus Tirol sind und dazu seit Jahrzehnten auf Du und Du mit Schickeria und Hochfinanz, würde das etwas gestelzt wirken. Nein, die Casanovas aus dem Zillertal, das sind der Hans und der Max. Und während der Hans zufrieden in sich hineinlächelt, zündet sich der Max einen krummen Hund, einen dieser langen, gedrehten Zigarillos an, und lehnt sich an den Kachelofen der Zirbelstube. Die ist ein mit hellem Holz vertäfeltes Hinterzimmer im Hennersbergerhof, einem kleinen Hotel auf einer Lichtung oberhalb des Städtchens Wörgl am Inn. Neben dem Hotel steht noch ein Dutzend Häuser hier oben. Bei gutem Wetter reicht der Blick bis Kufstein. Hier leben der Hans und der Max, Haus an Haus, mit ihren Familien. Seit mehr als 30 Jahren.

Gar nicht weit von hier hat im Jahr 1969 alles angefangen. Der Max spielte damals unten im Café mit seiner Steirischen Harmonika. „Der hat immer a gute Stimmung gemacht“, erzählt Hans, der zu dieser Zeit schon einige Jahre als Profimusiker mit einer Sixties-Swing-Kapelle unterwegs gewesen war. Aber „weil bei fünf Leuten immer einer spinnt“ und ihm das irgendwann auf die Nerven gegangen ist, hat er die Band aufgelöst und den Max gefragt, ob sie nicht was aufziehen wollen. „Im Herbst 1969 haben wir angefangen zu üben“, sagt Hans, „und seitdem sind wir zusammen.“ Sie zogen von Dorffest zu Dorffest, spielten in Bierzelten und Skihütten. Als es irgendwann nicht mehr reichte, einfach nur der Hans und der Max zu sein, haben sie ihre Fans gefragt, wie sie sich nennen sollen. Da hat’s als Vorschläge die Playboys gegeben, die Lausbuben, Schürzenjäger, alles Mögliche. Das hätte auch alles gepasst, sagt Max, aber „dann haben die Mädels gesagt, ihr seid die Casanovas, das passt am besten“. – „Also haben wir uns die Casanovas genannt“, sagt Hans feierlich: „Die Casanovas aus dem Zillertal.“ Und so leben sie noch heute, der Hans und der Max: Es wird nicht gezögert. Wenn das Leben ein gutes Angebot macht oder einen Vorschlag, der gar nicht so schlecht ist – dann greifen sie zu.

Hans sucht auf seinem Smartphone nach einem Foto vom Vorabend, an dem die Casanovas für einen befreundeten Geschäftsmann eine Stubenmusik gespielt haben. „Schau, wer gestern auch da war“, sagt Hans, „der Fürst Albert.“ Im rot-weiß karierten Hemd steht er da, mit ihm – in Lederhosen und weißen Trachtenhemden – lächeln der Hans und der Max in die Kamera. „Ganz ein Netter, ganz leger“ sei er, der Albert. Nett, leger – das sagt der Hans oft über die Damen und Herren, deren Namen regelmäßig in Boulevard- und Sportmagazinen stehen oder im Wirtschaftsteil zu lesen sind. Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz? „Ganz ein Legerer.“ So leger, dass er die Casanovas mit dem Helikopter einfliegen lässt, wenn er ein Fest ausrichtet. Gerhard Berger? Ganz ein Netter. Und der Bernie Ecclestone! „Ein ganz großer Fan von uns“, Hans breitet die Arme aus. „I’m so happy to see you again, sagt er immer, der Bernie.“ Hans spricht ein lustiges Englisch, man könnte sagen: Önglisch. Genug, um sich gut unterhalten zu können. Und einen guten Eindruck zu hinterlassen.

Aber der gute Eindruck ist ja nicht alles. Der Max sagt: „Wie man in den Wald ruft, so kommt meistens das Echo zurück. Wenn man selbst ein Arschloch ist, kann man nicht verlangen, dass alle anderen gut sind, oder? Aber wenn du ein freundlicher Mensch bist, dann mögen sie dich überall.“ Natürlich muss man sein Geschäft gut machen. Heißt auch: „Nie besoffen zum Auftritt, denn wenn du einmal ein Scheiß baust, macht das gleich die Runde.“ Es geht also um die richtige Mischung aus Gaudi machen und Gaudi haben. Deswegen hätten sie sich auch nie verbiegen müssen, sagt der Max, der gar nicht so gern erzählt, wen sie alles kennengelernt haben in den 50 Jahren. „Das kommt mir so übertrieben vor.“ Das Wichtigste war ohnehin, eine Haltung zu finden, sich nicht korrumpieren zu lassen in einer Welt, in der Geld und Schampus fließen und jede noch so private Feier doch auch immer irgendwie ein Geschäft ist. Max schaut zu, wie der Rauch seines Zigarillos in Kringeln aufsteigt. „Mir reicht, wenn einer Anstand hat. Ich mag überhaupt nicht, wenn einer sagt: Mach mal! Manche meinen, weil sie Geld haben, könnten sie sagen: Mach mal!“ Dann hat der Max plötzlich einen sehr bestimmten Ton. „Ich sag’ dann: I mach’ dir das scho’, aber nicht so! Ich lass’ mich zwar kaufen, aber nicht so! Weil ich’s sowieso machen will. Ich geb’ sowieso Vollgas, für mich!“ Und Hans schickt hinterher: „Fünf Stunden nonstop!“

Sich unter all den reichen und berühmten Menschen zu behaupten, die nicht so nett und unkompliziert sind wie die, mit denen der Hans und der Max inzwischen befreundet sind, das ist auch Teil der Übung, ein erfolgreicher Casanova zu sein. Immer verfügbar, ohne sich anzudienen, immer gut drauf, ohne etwas vorzuspielen – diesen Spagat beherrschen sie. Bis heute.

Vielleicht kommt ihnen da die Kindheit in den Bergen zugute? Die war karg und rau, auch, weil die Alpen nicht die Côte d’Azur sind, aber vor allem, weil bei Max noch acht und bei Hans noch neun Geschwister da waren, wo es doch Ende der 1940er Jahre auch in Österreich von allem eigentlich zu wenig gab. Aber irgendwie habe sie schon immer die Gewissheit getragen: „Wenn du pfiffig bist und a bisserl fleißig, dann kannst du die ganze Welt bereisen.“

Dass sie einmal tatsächlich die Welt bereisen würden, hat nicht nur mit Fleiß und Witz, sondern auch mit Glück zu tun. Sicher, damals in den 1980er Jahren, als sie schon recht populär waren, haben sie sich geärgert, dass sie partout nicht im Fernsehen landen konnten. Die Casanovas hatten ein paar gute Stimmungslieder, der Manager schlug dem Plattenchef vor, immer Mitschnitte zu machen und das Duo so nach vorne zu bringen. „Aber der Plattenchef, ganz ein Lieber, aber sehr geizig, der hat das nicht gewollt.“ Keine Videos, keine Fernsehkarriere. Mit Schlagermoderator Karl Moik haben sie „eh nicht gut können“. Und als der blondgelockte Stefan Mross Ende der Achtziger die Bühne betrat, haben sie eingesehen: Sie können zwar im Festzelt die Menschen auf den Tischen tanzen lassen, „aber sobald ein Kind dabei ist, kannst du nicht gewinnen“. Andererseits, sagt Max, sind sie heute froh, dass sie nicht vom „Musikantenstadl“ zu „Mei liabste Weis“ gehetzt sind und nach ein paar Jahren wieder weg vom Fenster waren.

Denn während die Casanovas nach knapp 20 Jahren auf der Bühne das Glück im Fernsehen zu finden hofften, öffnete ihnen das Leben die Tür zu einer Welt jenseits von Playback und Spotlight. Auf einer privaten Feier lernten sie Franz Beckenbauer kennen, der sie für ein Fest in Kitzbühel buchte. „Da haben die Leute gesagt, komisch, dass wir euch nicht kennen“, erzählt Max. Wenig später hat Beckenbauers Mutter ihren 80. Geburtstag gefeiert, beim Stanglwirt am Fuße des Wilden Kaisers. Da durften die Casanovas auch aufspielen. „Danach ist es losgegangen“, sagt Max. Anfang der Neunziger avancierte der von Max komponierte Titel „Frau Meier“ zum Wiesnhit, es gab sogar eine kleine goldene Schallplatte.

Karikatur eines Seehofer-Besuchs

Doch es blieb nicht bei Hüttengaudi mit der Hautevolee. Bei einem Dämmerschoppen in Zell am Ziller Ende der 80er Jahre kam ein Herr auf die Casanovas zu und lud sie nach Kuwait ein. „Und dann sind wir mit Gitarre und Harmonika dorthin geflogen.“ Über dem Irak mussten sie die Jalousien vor den Fenstern runterziehen, weil zu dieser Zeit schon Explosionen die Nacht erhellten. „Da war mir das erste Mal nicht so wohl beim Fliegen“, erinnert sich Max. Abgesehen davon dürfte die Reise zu den skurrilsten Anekdoten im Repertoire der Casanovas gehören. Zwei Burschen in Lederhosen, die in der Wüste jodeln. „A Wahnsinn“, sagt der Hans. Es gibt ein Foto vom Max, wie er den Scheichs etwas vorspielt. Das Bild könnte heute als Karikatur eines Seehofer-Besuchs in der islamischen Welt funktionieren. Oder auch als Symbol dafür, dass Freundschaft über alle geografischen und kulturellen Grenzen hinweg möglich ist. Ein Jahr später marschierten Saddam Husseins Truppen ein und von dem Freund, der sie eingeladen hat, haben die Casanovas nie wieder etwas gehört.

Aber sie waren nicht nur in Kuwait oder auf Kuba, in Australien oder New York. Sie haben auch viele Jahre in der DDR kleine Tourneen gespielt. Auch dort wurde ihnen meist ein Platz an der Sonne angeboten. Sie trafen die Leute, die Volvo fuhren, Kaviar und Champagner genossen und zu jeder Zeit in jeden Nachtclub reinkamen. Ost-Mark-Millionäre hätten sie werden können, Häuser bekamen sie angeboten, Künstlerverträge, Annehmlichkeiten. Das war im Sommer 1989. Noch heute schütteln beide den Kopf. „Diese Willkür, mit der mit den Menschen umgegangen wurde, das hat uns schon erschrocken“, sagt Max. Man sollte seine Chancen nutzen, was aber nicht heißt, jeder Versuchung zu erliegen.

Überhaupt sollte klar sein, wofür man steht, sagt Hans. Er ist der mit dem Büro im Keller, er organisiert auch die Fanreisen: Im Winter Skifahren in Ischgl, im Herbst Mallorca, Musik und Spaß mit Hans und Max inklusive. Hans fährt auch meistens den Bandbus, während Max auf dem Beifahrersitz schläft. Dafür macht der Max mehr Action auf der Bühne. Das hat sich bewährt, seit 50 Jahren. Sicher, Streit gab’s schon auch. „Aber was es nie gab“, Hans hebt Augenbrauen und Zeigefinger, „dass einer den anderen ein Arschloch genannt hat. Wenn es so weit kommt, ist es vorbei. Wir sind eine Familie und halten zusammen. Weil: Zusammen sind wir stark.“ Hans lässt auch nichts auf seine Ilse und seinen Sohn Martin kommen. Und auch für Max sind seine Margit und Sohn Daniel sein „Heiligtum“. Dennoch gibt es eine Trennung von Privatleben und Beruf. Hin und wieder sind die Frauen zwar dabei, aber grundsätzlich gilt: „Das ist die Zeit, in der Hans und ich zusammen sind, wir machen Musik, und dann haben wir Zeit für die Fans, das passt einfach besser so.“

Während also Hans und Max eine Gaudi machen, haben es die Zwillingsschwestern, die Anfang April ihren 70. Geburtstag feiern, lieber gemütlich. Mit den Casanovas unterwegs sein? Ilse winkt ab. „Früher ja, aber irgendwann war’s gut. Jetzt bin ich lieber hier, zu Hause.“ Außerdem haben es sie und ihr Casanova – dank der Work-Life-Balance von höchstens drei Tagen Musik und mindestens vier Tagen Freizeit – meist eh recht fein. Mit Ausnahmen: Irgendein „Kollege“ – Hans schnaubt, während er das Wort ausspricht – hat sie vor ein paar Jahren angezeigt. Steuerhinterziehung. Und? „Nix haben sie gefunden“, sagt Hans, ein sehr langgezogenes Nix. Warum sollten sie tricksen? Sie hätten doch ihre Pension, ihre Gagen. „Und das geht sich aus.“ Außerdem sei es nicht ums Geld gegangen. „Manche sind neidisch, weil sie gern spielen würden, wo wir spielen. Aber da kommen sie nicht hin, weil sie die Connections nicht haben.“

Beständigkeit als Duo, Allgemeingut und kollektives Wesen

Immer donnerstags gegen 15 Uhr lenkt Hans den Casanova-Bandbus über Autobahn und Landstraße ins 1400 Meter hoch gelegene Ischgl. Geparkt wird direkt vorm Eingang zum Hotel Post. „Sondergenehmigung“, sagt Hans. Und meint: Gewohnheitsrecht. Seit mehr als 30 Jahren machen sie hier schon Musik. Und immer gibt’s ein großes Hallo. Zunächst ein Plausch mit der Junior-Chefin des Vier-Sterne-Hotels. Hans und Max haben schon zu ihrer Taufe gespielt, vor 29 Jahren. Und vor Kurzem zur Taufe des Kindes. Beständigkeit, das ist wohl, was die Casanovas auszeichnet, nicht nur als Duo, sondern auch als Allgemeingut, als kollektives Wesen. Die Musik des Duos dürfte für manchen Stammgast so etwas wie der Soundtrack des Lebens geworden sein. Die Casanovas verbinden, was für viele unvereinbar scheint: Lebenslust und Kontinuität, Behaglichkeit und Abenteuer.

Max entlädt den Bus, Hans fährt die Container im Aufzug hoch. Alles eingespielt, auch jenseits der Bühne. In violettes Licht getaucht, hängt am Keyboard ein Banner: „Musik und Spaß mit den Casanovas“ steht da, und am unteren Rand der Verweis auf den „Welthit die Frau Meier“.

Zum Essen spielen sie mit Harfe und Gitarre auf. Die „Behaglichkeitsmelodie“ erklingt, auch „Herzflimmern“ darf nicht fehlen. Gemächlich wandern sie von Tisch zu Tisch, Hans lächelt in die Runde, Max wird eins mit der Harfe. Besteckklappern, hier und da ein Lachen. Eine Stunde lang spielen sie sich durch den Speisesaal, um schließlich wie zufällig wieder in der Nähe der Bühne zu landen. Dort wird getanzt zu „Schickeria“ und den Casanova-Hits „Stimmungsraketen“ und „Du bist a Wahnsinnsfrau für mi“. Es wird getanzt und geschäkert, und wer nach dem Essen direkt ins Bett wankt, bekommt von den Musikern ein „Wir sehen uns nächstes Mal“ hinterhergerufen.

Kurz vorm Finale kommt der Max-Moment: Mit seiner Steirischen und Tirolerhut betritt er die Tanzfläche, lässt die Finger über die Knöpfe fliegen, beginnt sich zu drehen, links herum, rechts herum. Ein glücklicher Tanzbär. Und Hans? Lächelt. Und spielt seine Akkorde auf der Gitarre. Und sagt, nachdem Instrumente und Musikanlage verstaut sind, immer noch lächelnd: Gute Nacht.

Kurz vor eins? Max ist noch nicht müde. Zum Absacker geht’s in die Diskothek unter dem Hotel. Die laute Musik erinnert schon von Ferne an das Stampfen eines Schiffsmotors, drinnen ist es dunkel und verraucht. Früher haben sie nach dem Konzert manchmal bis morgens um sechs hier gefeiert. „Das muss heut’ nicht mehr sein“, ruft Max in die stickige Luft. Nicht in seinem Alter. Und meint damit: Es ist schon alles im Übermaß genossen. Irgendwann ist’s gut. Aber eine schöne Zigarre, ein kaltes Getränk dazu, „a bisserl durchschnaufen nach der Arbeit. Das passt“. Denn letztlich sind es die kleinen Momente, sagt Max, „in denen du spürst, ob dein Leben auch im Großen in Ordnung ist. Nur so kannst du dich sammeln und überlegen, was ist gut gelaufen, was nicht.“ Er schaut auf sein Telefon. „So viele denken, wenn du einmal berühmt bist, dann geht das ein Leben lang so weiter. Aber wenn du nix machst, ruft dich auch keiner an. Und wenn dich keiner mehr anruft, ist es vorbei.“

Diese Regel im Showgeschäft haben die Casanovas schon vor langer Zeit ausgehebelt. Sie spielen ja eh – egal, ob jemand anruft oder nicht.

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