"Ich gehöre nicht zu Kenia, nicht zu Somalia. Ich gehöre nur zum Lager Ifo 1."
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"Ich gehöre nicht zu Kenia, nicht zu Somalia. Ich gehöre nur zum Lager Ifo 1."

Das Mädchen

Ein ganzes Leben hinter Zäunen

  • Miriam Keilbach
    vonMiriam Keilbach
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Kafia Abdi wurde im Flüchtlingslager geboren.

Es gibt zwei Varianten des Lebens von Kafia Abdi. In der einen Variante wurde sie, als sie 15 Jahre alt war, beim Einkaufen auf dem Marktplatz des Flüchtlingslagers Ifo 1 entführt. Ihr Entführer schwängerte sie, Kafia Abdi musste ihn heiraten.

An dieser Version ist nichts wahr. Aber ohne eine dramatische Geschichte sinken die Chancen auf eine Zukunft im Westen – ein Visum bekommen nur die schlimmsten Fälle. Also erzählt Kafia Abdi, wenn sie mit den Behörden, mit der Verwaltung, mit den Offiziellen von Dadaab spricht, eben diese Version.

In der zweiten Fassung ihres Lebens, der wahren, ist Kafia Abdi 18 Jahre alt. Aber sie wirkt noch sehr kindlich. Sie spricht leise, knetet ihre Hände, und sobald ihre Eltern etwas sagen, verstummt sie und senkt den Kopf. Sie drückt ihren anderthalbjährigen Sohn Yussuf an sich. Zu sagen, dass er ein Kind der Liebe ist, wäre falsch. Als Kafia 15 Jahre alt war, kamen die Eltern ihres zukünftigen Mannes, den sie bei der Hochzeit zum ersten Mal traf, zu ihrer Familie und verhandelten die Ehemodalitäten. Heute lebt sie zusammen mit Yussuf und seinem Vater in einem kleinen Haus auf dem Grundstück ihrer Eltern.

Nur ein paar Meter entfernt wurde sie geboren, in einer der wenigen Holz- und Lehmhütten auf dem Gelände. Ihre Eltern kamen am 2. Februar 1992 nach Kenia, in ihrer Heimat Somalia herrschte Bürgerkrieg. Kafia, ihre Schwester und ihre beiden Brüder wurden in Dadaab geboren – damit sind sie faktisch staatenlos. Daran ändert auch nichts, dass nach kenianischer Auffassung die Kinder, die in Dadaab zur Welt kommen, automatisch die Nationalität des Vaters haben.

Zu diesem Land, zu Somalia, haben die Kinder überhaupt keinen Bezug. Und wo sollten sie einen Pass beantragen, mitten im rechtsstaatlichen Nirgendwo? Kafia sagt: „Mein Staat ist UNHCR“ – das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen. Dadaab sei ihr Zuhause, „aber ich gehöre weder zu Kenia noch zu Somalia, ich gehöre nur zu Ifo 1.“ Sie hat nur einen Flüchtlingspass, mit Foto und Geburtsdatum. Ein offizielles Dokument ist das nicht.

Kafia Abdi kennt nichts als die Flüchtlingslager von Dadaab und dort eigentlich auch nur das Lager Ifo 1. Sie war nie außerhalb des Gebiets. „Es war schwierig, hier aufzuwachsen“, sagt sie, während sie Yussuf einen luftleeren Ball zuwirft. „Jungs können einfach Fußball spielen, aber wir Mädchen müssen an mehr denken.“ Als Kinder haben sie Netzball und Verstecken gespielt, aber nur so lange, bis sie Teenager waren. Dann wurde es zu gefährlich. „Nach der fünften Klasse musste ich aus Angst vor Vergewaltigungen und Entführungen die Schule abbrechen.“ Auch ihre Freundinnen traf sie nicht mehr, sprach mit ihnen nur noch durch einen Zaun, der die Grundstücke voneinander trennt. Seither ist sie Hausfrau – ein Leben auf wenigen Quadratmetern, eingesperrt unter freiem Himmel.

Kafia Abdi hat sich ihre Lehmhütte so gut eingerichtet, wie es geht. Im Gegensatz zu ihren Eltern, die auf traditionelle somalische Art leben, hat Kafia westliche Möbel – ihre Eltern sitzen entweder auf Hockern oder auf Teppichen auf dem Boden.

„Mein Traum ist Europa“, sagt Kafia und blickt aus dem Fenster. Freundinnen aus früheren Tagen hätten es in den Westen geschafft, erzählt sie, die meisten seien jetzt in den USA, sie senden Fotos über Whatsapp. Kafia hört von großen Städten, von U-Bahnen und Schnee – und sieht selbst nur Dürre, Hunger und Staub. Sie wünscht sich, dass ihr Sohn anders aufwächst als sie, dass er zur Schule gehen kann und eine Ausbildung bekommt, dass er nicht durch den Begriff „Flüchtling“ stigmatisiert wird.

Zugleich fürchtet Kafia, dass das Lager geschlossen und sie mit ihrer Familie nach Somalia geschickt wird. „Ich habe große Angst, dass ich in ein Land muss, das ich nicht kenne.“ Abends, wenn sie zusammensitzen, erzählen die Eltern von diesem Land, das Kafia Abdi so fremd ist wie Deutschland. „Ich weiß nicht viel über Somalia, aber ich weiß, dass dort noch immer Krieg ist. Ich bete, dass Kenia uns nicht in diesen Krieg schickt.“

Ihr Vater sagt: „Mein Somalia vor dem Bürgerkrieg war toll. Wir konnten selbstverantwortlich leben, nicht unter der Verwaltung einer Hilfsorganisation. Ich fühle mich bevormundet wie ein Kind.“ Er klagt über die schlechte Versorgung. Das Speiseöl wurde kürzlich gestrichen. Jetzt bestehen die Lebensmittelrationen aus drei Kilogramm Getreide pro Monat, nur eine Grundversorgung, alles andere müssen sich die Flüchtlinge selbst organisieren. „Dieses Getreide geben wir in Somalia unseren Eseln. Das essen die Leute hier in Kenia, aber wir Somalis essen Reis und Nudeln.“

Kafia Abdi träumt davon, einmal als Krankenschwester zu arbeiten. Sie hat gesehen, wie katastrophal die medizinische Versorgung in den Lagern von Dadaab ist. Aber irgendwann würde sie hierher zurückkehren – nicht als Geflüchtete, sondern als Helferin. „Wenn ich erst einmal Krankenschwester bin, kann ich der Gemeinschaft hier etwas zurückgeben. Ich vergesse nie, wie sehr ich leiden musste.“

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