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In gutem Hause

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Von: Stephan Hebel

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„Das Fremdenzimmer, so malen wir uns das nostalgisch aus, wird von einem „Herrn“ bewohnt, den die Zimmerwirtin, eine Witwe, mit gelegentlichem Argwohn, aber doch auch mütterlicher Zuwendung beobachtet.“
„Das Fremdenzimmer, so malen wir uns das nostalgisch aus, wird von einem „Herrn“ bewohnt, den die Zimmerwirtin, eine Witwe, mit gelegentlichem Argwohn, aber doch auch mütterlicher Zuwendung beobachtet.“ © FR

Wenn Frauenzimmer in Fremdenzimmern übernachten.

Mit fremden Zimmern ist es so eine Sache, aber mit Fremdenzimmern eine ganz besondere. Sicher, in fremden Zimmern (Wohnzimmer, Esszimmer, Schlafzimmer…) halten wir uns nicht selten auf, wenn wir eingeladen sind, zum Übernachten schon seltener, höchstens mal während des Wochenendbesuchs bei der Verwandtschaft oder bei dem Kumpel von damals. Jedenfalls: Wenn wir wieder weg sind, bewohnen ordnungsgemäß diejenigen Leute die fremden Zimmer, für die sie nicht fremd sind, weil sie ihnen gehören, gemietet oder gekauft, das spielt hier keine Rolle.

Jetzt aber die Fremdenzimmer: Die sind nur für uns, für die Fremden! Nur wer hier fremd ist, weil er in der Fremde weilt, hat das Privileg, vom Fremdenzimmerbesitzenden eingelassen zu werden und die verdiente Nachtruhe zu finden.

Ist es nicht so, dass die Gastfreundschaft, die sich in dem Wort ausdrückt, einen befriedenden, ja befriedigenden Kontrast darstellt zu all dem Fremdeln, das sich mit „Fremden“ so oft verbindet? Ja, ihr Fremden, sagt das Fremdenzimmer, ich bin für euch da, karg, aber freundlich, und wenn ihr bei der Zimmerwirtin euren bescheidenen Beitrag leistet, wird niemand euch stören, wenn ihr euer müdes Haupt auf meine Kissen bettet.

Leider hält das Internetportal „monteurunterkunft.de“ in seiner vorbildlichen Beschreibung des Fremdenzimmers eine Enttäuschung bereit: „Heutzutage wird aber auch bei uns mehr und mehr das Wort Gästezimmer statt Fremdenzimmer verwendet. Der Grund dafür liegt darin, dass das Wortteil ,Fremde‘ für einen Großteil der Bevölkerung eine negative Bedeutung mit sich bringt und ,Gäste‘ dagegen für viele insgesamt positiver und freundlicher klingt.“

„Das ,Fremdenzimmer‘ weckt so angenehme Assoziationen, dass das Wort unbedingt gerettet werden muss.“
„Das ,Fremdenzimmer‘ weckt so angenehme Assoziationen, dass das Wort unbedingt gerettet werden muss.“ © FR

Gegen diese Entwicklung sollten wir uns wehren, denn erstens ist ein Gästezimmer anständigerweise für Freundschafts- und Verwandtschaftsbesuche reserviert und kostenlos. „Ich nehme mir ein Gästezimmer“ – wer will denn Besuch empfangen, der so unverfroren daherredet? Zweitens weckt das „Fremdenzimmer“ so angenehme Assoziationen, dass das Wort unbedingt gerettet werden muss.

Das Fremdenzimmer, so malen wir uns das nostalgisch aus, wird von einem „Herrn“ bewohnt, den die Zimmerwirtin, eine Witwe, mit gelegentlichem Argwohn, aber doch auch mütterlicher Zuwendung beobachtet. Der Herr mag ein Student aus „gutem Hause“ sein (in der Zeit, von der wir reden, sind Studenten immer aus gutem Hause!), der sich für eine gewisse Zeit im Fremdenzimmer eingemietet hat. Oder ein Handlungsreisender, der nur kurz bleibt, aber Jahr für Jahr zur immer gleichen Zeit ins Städtchen kommt, um seine Ware feilzubieten.

„Natürlich ist das Fremdenzimmer, das wir auf unserer Zeitreise besuchen, kein Frauenzimmer.“
„Natürlich ist das Fremdenzimmer, das wir auf unserer Zeitreise besuchen, kein Frauenzimmer.“ © FR

Natürlich ist das Fremdenzimmer, das wir auf unserer Zeitreise besuchen, kein Frauenzimmer. Herren reisen alleine, Frauen nicht und Damen schon gar nicht. Nun könnte jemand einwenden, ein Frauenzimmer sei doch sowieso gar kein Zimmer, sondern eine Frau, wie es schon das bekannte Lied von Claire Waldoff beweise: „Sabinchen war ein Frauenzimmer, / Gar hold und tugendhaft. / Sie diente treu und redlich immer / Bei ihrer Dienstherrschaft.“

Das ist einerseits richtig, zumal „Sabinchen“ schmählich ermordet wird, was mit einem Zimmer schlecht geht. Andererseits sei es hier dem Wörterbuch der Brüder Grimm gestattet, die Verteidigung des Autors zu übernehmen: „frauenzimmer ist also frauengemach, frauenkammer, frauenstube, wo sich frauen oder weiber aufhalten, wo sie unterhalten werden, wo sie arbeiten.“ Als Kompromiss können wir also annehmen: Es gab Zeiten, da kam es vor, dass ein Frauenzimmer sich in einem Frauenzimmer aufhielt, aber eben nicht, und darum geht es, in einem Fremdenzimmer.

Wenn sich in das Fremdenzimmer, von dem hier die Rede ist, ein Frauenzimmer verirrte beziehungsweise von dem dort ansässigen Herrn hineinkomplimentiert wurde, trat in der Regel die Zimmerwirtin auf den Plan. Aber sie drückte ein Auge zu und hielt dafür die Ohren offen, so hatten alle etwas davon. Später zwinkerte sie dem Zimmergast freundlich und komplizenhaft zu.

Stephan Hebel.
Stephan Hebel © Alexander Kempf

In seinen WG-Zeiten hatte FR-Autor Stephan Hebel einige Zimmergenossen. Er hat das aber nicht immer genossen.

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