"Die Not, die Angst, die Erfahrungen haben uns zusammengezwungen."
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"Die Not, die Angst, die Erfahrungen haben uns zusammengezwungen."

Der Einheimische

Den Fremden angenähert

  • Miriam Keilbach
    vonMiriam Keilbach
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Mohammed Abdi lebte schon in dem Dorf, bevor die Flüchtlinge kamen.

So richtig erinnert sich Mohammed Abdi nicht an das Dadaab seiner Geburt. Damals, vor 30 Jahren, war sein Heimatort ein kleines Dorf, das zur Regenzeit von Nomaden mit Ziegen- und Kamelherden als Wohnstätte genutzt wurde. Ein trostloses Gebiet, viel Wüste, ein bisschen Wald, viel Staub, oft Dürre, bis zu 50 Grad Hitze im Sommer. Weit und breit keine Stadt, keine Elektrizität. „Die Leute haben nur auf den Regen gewartet.“

Doch dann kamen das Jahr 1991, der Sturz des Diktators Siad Barre in Somalia und der Bürgerkrieg; die Grenze zum Nachbarstaat liegt keine 100 Kilometer von Dadaab entfernt. Und es kamen die Flüchtlinge, fast eine halbe Million Menschen, quasi über Nacht. Zwischen ihnen und den Einheimischen begann ein Kampf um die wenigen Ressourcen. Schon damals war im kargen, trockenen Norden Kenias das Wasser knapp. Heute ist es noch knapper. Der kleine Wald, der in der Nähe des Kerndorfes lag, wurde gerodet, um Häuser und Zelte für die Flüchtlinge zu bauen. Nun ist das ganze Gebiet eine einzige trostlose Wüste. An den Wald erinnert nur noch ein Straßenschild mitten im staubigen Nichts: Forest Road.

Die Flüchtlinge weckten auch den Neid der Dorfbewohner. Selbst bei den Vereinten Nationen räumt man ein, dass es vielen der Geflüchteten im kenianischen Norden besser ergehe als den Einheimischen, die auch heute wieder unter der extremen Dürre leiden – Menschen wie Tiere sterben, während in Dadaab Flüchtlinge 20 Liter Wasser pro Tag bekommen. Außerdem erhalten die Menschen in den Lagern kostenlose Bildung, medizinische Versorgung, sie zahlen keine Miete. „Das ist unfair“, sagt Mohammed Abdi, der für die gleiche Wellblechhütte, wie sie auch im Lager Ifo 1 steht, umgerechnet rund 20 Euro Miete bezahlt.

Und die Gewalt sei damals gestiegen. Mohammed Abdi sagt, er sei zu klein gewesen, um es bewusst miterlebt zu haben, aber er höre die Geschichten aus alten Tagen immer wieder. „Die Leute sagen, dass Dadaab früher sehr friedlich war.“ Mit den Flüchtlingen seien die Clans gekommen, aus Nachbarn seien Feinde geworden, es habe Raubüberfälle gegeben, Vergewaltigungen, Morde. Vieh sei gestohlen, Mädchen seien auf dem Schulweg überfallen worden.

Obwohl er und die anderen Einheimischen auf engstem Raum mit den Fremden lebten, hielt man sich auf Distanz. Die Flüchtlinge gingen im Lager zur Schule, einheimische Kinder wie Mohammed Abdi gingen auf die Dorfschule. Er spielte Fußball mit seinen Freunden – auf einem anderen Bolzplatz als die Flüchtlingskinder. Nur langsam näherte man sich an. Erst nach Jahren hätten sie verstanden, „dass sie voneinander profitieren können“, die Einheimischen und die Flüchtlinge. Sie bauten Geschäftsbeziehungen auf, Frauen und Männer lernten sich kennen und heirateten. „Viele meiner Kumpels haben Flüchtlinge zur Frau genommen.“ Mohammed Abdi betreibt zusammen mit drei Freunden einen Buchhandel, er verkauft Schulbücher, fertigt Kopien an, stellt einen Drucker zur Verfügung. Heute sind sowohl das ursprüngliche Dadaab als auch das erste Lager Ifo 1 infrastrukturell so gut aufgestellt wie wenige Städte in Kenia.

Letztendlich stehe man sich eben doch nahe: Im Gegensatz zu weiten Teilen des Landes ist der Nordosten Kenias muslimisch geprägt, statt Kisuaheli wird Somali gesprochen. „Wir sind jetzt eine große Gemeinschaft“, sagt Mohammed Abdi.

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