1. Startseite
  2. FR7

Körperfett: Polster für die Organe, Vorteile für die Gesundheit

Erstellt:

Von: Frederik Jötten

Kommentare

Neue Smartwatch misst auch Muskelmasse und Körperfett
Smartwatches können neben zahlreichen Gesundheitswerten auch Muskelmasse und Körperfett analysieren. © Till Simon Nagel/dpa

Biomediziner Alexander Bartelt über die vielen guten Seiten des Fetts, die höhere Lebenserwartungen von Rundlichen und die richtige Ernährung zum Abnehmen.

Herr Bartelt, Sie retten die Ehre des Fetts. Es steht sogar am Beginn allen Lebens – am Anfang war das Fett, könnte man sagen?

Das Leben ist ja im Wasser entstanden und darin bildeten die Fette kleine Blasen. Sie haben so Ordnung geschaffen, im Prinzip so wie Raumteiler im Büro. Es entstanden Räume, umschlossen von Fettmolekülen, in denen Reaktionen ablaufen konnten, ohne von der Außenwelt gestört zu werden, ohne Fett hätte das Leben nicht entstehen können.

Sie rehabilitieren vor allem das verpönte Körperfett. „Ohne Fett sind wir Menschen nichts“, schreiben Sie.

Der Mensch ist ein fettes Tier. Nicht nur jede Zelle wird von einer Fettmembran umgeben, auch beim Gesunden besteht ein Großteil des Körpers aus Fettzellen. Bei jedem Menschen sind mindestens zehn bis 20 Prozent des Körpergewichts, also viele Kilogramm, Fettgewebe. Leute, die gar kein Fettgewebe haben, sind genauso krank wie Leute, die zu viel haben.

Körpereigenes Fett ist besser als sein Ruf – Wie eine Art „Luftpolsterfolie“ schützt es die Organe

Wie sieht eine Fettzelle aus?

Im Prinzip wie eine Seifenblase, nur dass Fettzellen nicht mit Luft gefüllt sind, sondern mit Fett. Tatsächlich sehen sie unter dem Mikroskop wie Fetttropfen aus. Sie bestehen zu 99 Prozent aus Fett. Der Zellkern und die anderen normalen Bestandteile jeder Zelle sind ganz an den Rand gedrängt.

Warum ist dieses Fett so toll?

Körperfett ist der beste Speicher für unsere Kalorien. Für unsere Vorfahren war es überlebenswichtig, Energie als Fett speichern zu können – denn es war ja oft nicht klar, wann es das nächste Mal Nahrung geben würde. Außerdem schützt es unsere Organe wie eine Art Luftpolsterfolie. Wenn sie sich mal stoßen und es gibt einen blauen Fleck – wenn es kein Fettgewebe gäbe, dann würde jeder Schlag direkt bis zu den Organen durchdringen und diese schädigen. Bei Milz, Niere oder Leber wäre das natürlich lebensgefährlich.

Aber Muskeln schützen doch auch?

Es gibt aber nicht überall eine gute Muskeldecke. Und es ist längst nicht jeder so gut trainiert, dass Muskeln alle Schläge abfangen könnten. Neben dieser mechanischen und der Speicherfunktion ist aber die dritte Funktion des Fettgewebes die am meisten unterschätzte und wichtigste für den Körper: Es produziert Hormone, die in den Blutkreislauf abgegeben werden. Das Fettgewebe ist die größte Drüse des Körpers.

Körperfett und Gesundheit: Produktive Kommunikation mit dem Immunsystem

Was bewirken die Hormone aus dem Fett?

Da gibt es etwa das Leptin – Fettzellen signalisieren damit dem Gehirn, dass sie gut gefüllt sind. Leptin erzeugt dementsprechend ein Sättigungsgefühl. Außerdem bilden Fettzellen auch das Hormon Adiponektin, den mengenmäßig häufigsten aller Botenstoffen im Körper. Sind unsere Fettzellen klein oder schrumpfen, produzieren sie mehr Adiponektin. Sind unsere Fettzellen groß und gestresst, stellen sie weniger Adiponektin her. Wie genau Adiponektin funktioniert, wissen wir allerdings noch nicht.

Sogar bei der Infektabwehr spielt das Fett eine große Rolle?

Fettgewebe liegt unter der Haut, also dort, wo bei einer Verletzung Krankheitserreger eintreten können. Es kann deshalb Infektionen verhindern oder bekämpfen, indem es Substanzen ausschüttet, die dafür sorgen, dass Krankheitserreger abgetötet werden. Viele Lymphknoten sind eingebettet in Fettgewebe. Fettzellen haben auch spezialisierte Mechanismen, um Fette aus der Nahrung wahrzunehmen. Tatsächlich gibt es auch Fette von Bakterien, die der Körper als feindlich wahrnimmt – und für diese gibt es Rezeptoren auf Fettzellen.

Also bekämpfen Fettzellen Krankheitserreger?

Am Ende machen das Immunzellen. Aber unser Fettgewebe kann Botenstoffe ausschütten, die etwa Fresszellen anlocken. Es gibt also eine starke Kommunikation zwischen Fettgewebe und Immunsystem.

Fett und der Schlankheitskult: Dünn zu sein ist nicht per se gesünder

Liegt es an diesen vielfältigen Leistungen des Fettgewebes, dass die Menschen, etwas rundlicher sind, auch die höchste Lebenserwartung haben?

Wir teilen die Menschen nach dem Body-Mass-Index (BMI) ein – und das ist immer nur ein Näherungswert, weil der allein noch wenig über den tatsächlichen Stoffwechsel aussagt. Ein sehr muskulöser Mensch kann zum Beispiel auch einen erhöhten BMI haben. 20 bis 25 kg/m2 gilt als normales Gewicht. Statistisch gesehen haben Menschen mit einem höheren BMI, also knapp unter 25 kg/m2, die höchste Lebenserwartung. Sie sind gut genährt, aber überstrapazieren die natürliche Speicherkapazität ihres Fettgewebes nicht.

Alexander Bartelt, 38, ist Professor für kardiovaskulären Stoffwechsel an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er erforscht die Grundlagen von Fettleibigkeit, Diabetes und Gefäßerkrankungen. Sein Buch „Der Fettversteher“ ist in diesem Jahr im Ullstein Verlag erschienen.
Alexander Bartelt, 38, ist Professor für kardiovaskulären Stoffwechsel an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er erforscht die Grundlagen von Fettleibigkeit, Diabetes und Gefäßerkrankungen. Sein Buch „Der Fettversteher“ ist in diesem Jahr im Ullstein Verlag erschienen. © DZHK

Also ist es übertrieben, wie sehr unsere Gesellschaft Schlankheit zum Kult macht?

Absolut. Schlank oder zu dünn ist nicht unbedingt gesund. Die Formel „Je dünner, desto besser“ ist schlichtweg falsch.

Heißt das, dünne Menschen sollten Fettpolster für Notfälle anlegen wie zum Beispiel eine etwaige Krebserkrankung?

Der Stoffwechsel einer Krebszelle ist sehr individuell, er lässt sich nicht so sehr vom Gesamtstoffwechsel beeinflussen. Der Gewichtsverlust bei Krebs, die Kachexie, lässt sich außerdem nicht durch die Aufnahme von Extra-Kalorien aufhalten. Im Gegenteil wissen wir, dass Übergewichtige mit einem BMI über 30 ein erhöhtes Risiko etwa für Darmkrebs und Lungenkrebs haben. Wir nehmen an, dass starkes Übergewicht eine chronische Entzündung des Körpers verursacht und dass dadurch Krebserkrankungen begünstigt werden.

Gewicht zunehmen im Alter: Wann ein paar Pfunde extra sogar hilfreich sein können

Nimmt man mit dem Alter zwangsläufig zu?

Während man als junger Mensch noch so viel essen konnte, wie man wollte, weil der Körper sowieso immer auf Verbrennungsmodus geschaltet war, ändert sich das, je älter wir werden. Unser Hormonspiegel verändert sich, insbesondere die Testosteron- und Östrogen-Konzentration im Blut sinken. Dadurch verbrennen wir weniger Fett. Durchschnittlich nehmen wir also ein Kilogramm pro Jahr zu. Dazu kommt noch, dass unsere Zellen altern. Sie können dadurch auch schwerer ihre Form halten. Das hat zum einen zur Folge, dass wir mehr Falten haben und das Fett mehr hängt. Zum anderen aber führt es auch dazu, dass die Fettzellen mehr Platz haben, sich auszudehnen. Wenn wir also weniger Energie brauchen, genauso viel essen und die Fettzellen mehr Platz haben, dann nehmen wir zu und unser Fettgewebe wächst sichtbar.

Nährwerttabelle analysieren: So erkennen Sie, wie viel Zucker- und Fett in Lebensmitteln steckt

Aber kann ich im Alter entspannt sein, bezüglich Gewichtszunahme?

Mit einem BMI unter 30 kann man relativ entspannt sein, denn da ist das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen durch das Übergewicht relativ niedrig. Und ab dem 60. Lebensjahr ist es sogar hilfreich, ein paar extra Pfunde zu haben – statistisch gesehen.

Körperfett und Gesundheit – Auch die Veranlagung spielt eine Rolle

Wie kann Körperfett gesund sein?

Wenn Sie im hohen Alter eine Infektionskrankheit haben, ist es wahrscheinlich gut, wenn Sie nicht zu dünn sind und dadurch Reserven haben. Außerdem schützt ein bisschen Extragewicht bei Stürzen. Leider kommt es ja häufig bei älteren Menschen vor, dass sie etwa auf die Hüfte fallen, sich den Oberschenkelhals brechen und bettlägerig werden.

Aber was, wenn ich nicht zunehmen will, ist das dann ungesund?

Magnesium-Mangel: Bei diesen Symptomen sollten Sie handeln

Nein, solange Sie nicht in den Bereich der Unterernährung kommen. Wenn jemand mit 50 Jahren sein ganzes Fettgewebe abtrainiert, ist das nicht gesund. Aber wenn Sie Ihr Gewicht halten, ist das völlig okay. Man sollte sich vor allen Dingen nicht verrückt machen. Der Mensch ist sehr heterogen, was sein Gewicht betrifft. Es gibt Menschen, die sind von ihrer Veranlagung rundlicher, und solche, die eher schlank sind.

Übergewicht: Zum Problem werden kann es schon – besonders, wenn eine Verfettung auftritt

Ab wann ist Übergewicht ein Problem?

Der Schwellenwert, bei dem der Stoffwechsel gestresst wird oder sogar zusammenbricht, ist individuell unterschiedlich. Wenn der BMI über 25 liegt, der Blutdruck zu hoch ist und die Blutfettwerte über der Norm liegen, ist das ein klares Signal abzunehmen. Andererseits gibt es Gene, die das Fettgewebe so beeinflussen, dass Menschen, die sie besitzen, auch viel Fett haben können und dabei trotzdem gesund sind. Das ist aber selten. Für die meisten gilt – ab einem BMI von 30 entgleist der Stoffwechsel. Die Fettzellen laufen über, sie können das Fett nicht mehr speichern und es gelangt über das Blut in lebenswichtige Organe wie Herz und Leber, wo eine Verfettung großen Schaden anrichten kann.

Wie kommt man dann runter vom Übergewicht?

Ohne Kalorienreduktion geht es nicht. Hungern ist aber nur kurz von Erfolg gekrönt, denn eine Diät muss auch Spaß machen und mit dem individuellen Alltag vereinbar sein. Nur so kann man nachhaltig und gesund abnehmen. Ansonsten scheitert der Diätplan und der gefürchtete Jojo-Effekt tritt ein. Gesättigte Fette und einfache Zucker sollten wir meiden. Nahrung, die viel Ballaststoffe, schwerverdauliche Kohlenhydrate und buntes Gemüse enthält, sollte den Speiseplan dominieren. Je naturbelassener die Nahrungsmittel, je weniger industriell verarbeitet, desto gesünder für Verdauung und Stoffwechsel. (Das Interview führte Frederik Jötten.)

Auch interessant

Kommentare