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"Ständig mit dem Tod konfrontiert zu sein, ist nicht für jeden was."

Pietät

Fein gemacht

Bestatter leisten den letzten Dienst am Menschen. Wie sie das am besten machen, lernen sie in Münnerstadt. Ein Rundgang durch eine besondere Schule.

Von Marco Lauer

Wintertage. Hochsaison für den Tod. Weil das Wetter, alles Graue und Nasse, einlädt zum Sterben. Sagt Rosina Eckert. Eine Frau von Anfang sechzig, die sich auskennt mit dem Tod. Seit 2005 ist sie Leiterin des Bundesausbildungszentrums der Bestatter. Eckert, kurze Haare, offenes Wesen, in ihrem vorigen Berufsleben als Standesbeamtin vor allem mit Trauungen und Geburten befasst, sagt, dass der Beruf des Bestatters im Grunde auch ein sozialer sei. „Weil man eigentlich genauso viel mit den Lebenden zu tun hat wie mit den Toten.“ Dazu gehöre viel Empathie. Für ersteres. Und für letzteres ein gewisser Grad an Zähigkeit: „Ständig mit dem Tod konfrontiert zu sein, ist nicht für jeden was.“ Manchem reiche es ja schon, wenn er nur an den eigenen Tod denkt, um Angst zu bekommen. Ob sie selbst mit Anfang sechzig manchmal an den Tod denke? Angst davor habe? „Nein, sagt Eckert, „nur vor dem Sterben.“ Wenn es lange dauert. Sie zeigt mit dem Kopf zum Fenster. „Gleich gegenüber haben wir hier zwei Pflegeheime.“

Das Bestatterzentrum liegt am Rande von Münnerstadt, Postleitzahl 97702, einem stillen Städtchen, 7700 Seelen, Landkreis Rhön-Grabfeld, Unterfranken, früheres Zonenrandgebiet. Die Lokalpresse nennt Münnerstadt die „Hauptstadt der Bestatter“. An der Straße, von der aus man abbiegen muss, um zum Zentrum zu gelangen, liest man auf dem Hinweisschild den Gang aller Dinge, von oben nach unten: Jugendhaus, Altenheime, BAZ Bestatter. Rosina Eckert führt durch das Zentrum, ein lang gestrecktes, zweistöckiges Gebäude. Modern. Schlicht. An den Wänden Sinnsprüche. „Den eigenen Tod immer ein bisschen im Auge behalten: Das beruhigt und erfrischt zugleich.“ Oder auch Goethe. „Es nimmt der Augenblick, was Jahre gegeben.“ Neben Raum 1.1.7, der Übungskapelle, hängen Bilder von der Trauerfeier Robert Enkes. Die jemand mitorganisierte, der hier im Jahr zuvor Prüfungsbester war im Lehrgang Trauerpsychologie, zu dem auch das Ausrichten von Trauerfeiern gehört.

Aus ganz Deutschland werden die Auszubildenden von ihren Betrieben nach Münnerstadt geschickt. Weil auf ihrem Weg zur Bestatterfachkraft die Lehrgänge, die hier angeboten werden, verpflichtend sind. Bei derzeit etwa 5400 Bestattungsunternehmen in Deutschland könne man sich über mangelnden Zulauf nicht beschweren, sagt Eckert. Wenn sie eine Platitüde bemühe wolle, dann jene, dass der Beruf des Bestatters noch immer ein todsicheres Geschäft sei. Über den Daumen gepeilt sterbe im Jahr etwa ein Prozent der Bevölkerung. Im Falle von Deutschland also rund 800 000 Menschen. Aus den verschiedensten Gründen. Krankheit, Unfall, Suizid, der häufigste allerdings immer noch: das Alter. Der so genannte natürliche Tod. Beginnend so in etwa 10 bis 15 Jahren würde es wahrscheinlich aber zu einem regelrechten Sterbeboom kommen. Wenn die extrem geburtenstarken Jahrgänge der Fünfziger und frühen Sechziger ins sterbefähige Alter kämen. „Zu denen ja dann auch ich gehören werde.“

Es ist kurz nach halb zwei an einem grauen Nachmittag. In Raum 1.1.3, Materialkunde, sitzen zwanzig Schüler beim Unterrichtsmodul „Urnen“. Bei Ausbilder Thorsten Engel, 52 Jahre alt, „seit 24 Jahren Bestatter aus Leidenschaft“, lernt man, dass eine Urne bei Seebestattungen aus Stoff bestehen muss, der sich nach spätestens zwölf Stunden auflöst. Dass betende Hände sehr beliebt wären als Verzierung auf Urnen, oder Rosenzweige oder eben Engel. Wo ein Schüler auf die Frage Engels, welche Urnen nur aus Plastik seien, antwortet: „Das sind Hartz IV-Urnen.“ Worauf Engel in gespielter Theatralik die Plastikurne in die Höhe streckt und sagt: „Mensch, Junge, das darfst Du so nicht sagen.“ Tatsächlich seien es aber wirklich Urnen für so genannte Sozialbestattungen. Anonyme Begräbnisse für alle, um die keinerlei Angehörige trauern und die deshalb von der Stadtverwaltung organisiert werden. Engel, der sich als lebensfrohen und humorvollen Menschen bezeichnet, weil man als Trauerkloß keinen Trost spenden könne, sagt am Ende des Unterrichts der Klasse: „Ihr bringt mich noch ins Grab. Am Freitag könnt Ihr mich gleich einäschern, wenn Ihr zum Krematorium fahrt.“ Die Klasse lacht. Humor sei ein wichtiges Ventil für Bestatter, um diesen Beruf aushalten zu können, sagt Engel, während die Klasse schon draußen ist.

Vor dem Gebäude stehen nun zwanzig Schüler in der Kälte, wippen von einem Fuß auf den anderen, trinken Kaffee aus Pappbechern, rauchen, Mädchen, Jungen, zwischen 17 und 25 Jahre alt. Fabian, 22, ist einer der wenigen Nichtraucher. Er lacht. „Hab ich später weniger Kollegen, die mir Konkurrenz machen und mehr Arbeit.“ Fabian, im letzten Lehrjahr, dunkle Brille, dichte Locken, mittelgroß, entstammt einem kleinen Bestattungsunternehmen in Ostfriesland. „Familiär vorbelastet sozusagen.“ Er wird die vierte Generation sein. Nach dem Einserabitur vor vier Jahren begann er zunächst bei einer Versicherung. Auch, um einmal was anderes zu sehen. Schließlich begleiteten ihn die Toten ein Stockwerk unter der elterlichen Wohnung seit seiner Kindheit. Der Job bei der Versicherung erfüllt ihn nicht. „Zu trocken.“ Also beginnt er eine Ausbildung bei einem Bestatter in einer Kleinstadt bei Köln. Sein Vater freut sich nur ein bisschen. Einerseits gut, weil die Familientradition weitergeht. Andererseits, sagt er dem Sohn, müsse vielleicht auch irgendwann mal Schluss sein mit den Toten. Aber für Fabian ist schnell klar, dass Bestatter auch für ihn der Traumberuf ist. Mit das schönste daran sei die Thanatopraxie. Er macht eine kurze Pause. „Das Herrichten der Leichen.“ Den Toten noch einmal so herzurichten, wie er war, als er noch lebte. Gerade bei Unfalltoten könne man damit den Hinterbliebenen einen letzten Dienst erweisen. „Weil ja bei Unfällen das Unfassbare des Todes noch verstärkt wird.“

Lisa, 20 Jahre alt, groß, blond, feine Gesichtszüge, auch sie im dritten Lehrjahr bei einem Bestatter in Stuttgart, zieht an ihrer Zigarette und nickt. Sie gehört zu jener Minderheit der Bestatter, die einen branchenfremden familiären Hintergrund haben. Mit 12 Jahren entdeckte sie zum ersten Mal ihr Interesse an diesem Beruf. Zunächst für die Pathologie. Mit den Eltern schaute sie, früh schon sehr reif, jeden Sonntagabend den Tatort. War immer fasziniert von den Gerichtsmedizinern. Als sie mit 18, nach dem Abitur, tatsächlich Bestatterin werden will, sind ihre Eltern, die Mutter Arzthelferin, der Vater in einer Papierfabrik tätig, entsetzt. „So ein hübsches kluges Mädchen und dann nur mit Toten zu tun?“ fragen sie. Lisa lächelt: „Mittlerweile haben sie sich aber beruhigt.“ Weil sie sehen, wie sehr ihr der Beruf Spaß macht. Weil er so facettenreich sei. Und eigentlich auch eher eine Berufung als ein Beruf. „Man merkt dabei schnell, das will man oder man lässt es.“ Das fange schon bei den Arbeitszeiten an. Am Wochenende oder auch mal nachts. Weil der Tod ja keinen Kalender hat, sich weder an Wochentage hält noch an Uhrzeiten. Spätestens aber bei der ersten Leiche, die man hole, wisse man dann sicher, ob man das will, sagt sie und lacht und alle anderen lachen jetzt mit. Sie wollte es.

Trotzdem habe es schon Tage gegeben, nach denen sie ans Aufhören dachte. Weil sie zu heftig waren. Entweder mental oder körperlich oder beides zusammen. Ihr erster Suizid beispielsweise, am Ende des zweiten Lehrjahres. Kopfschuss. „Das war nicht schön.“ Oder aber, der Fluch eines Großstadtbestatters, der hohen Anonymität in Großstädten wegen: lange bei Zimmertemperatur liegende, halb oder noch mehr verweste Leichen abholen zu müssen. Das seien vor allem geruchliche Grenzsituationen. Und einen stabilen Magen brauche man auch dafür. Den sie glücklicherweise habe. Der ihr aber beim ersten Mal auch nichts mehr geholfen hat. Das schlimmste jedoch, für jeden Menschen wie auch jeden Bestatter: ein totes Kind. Bei ihr war es zu Beginn des zweiten Lehrjahres soweit. Ein vier Jahre altes Mädchen, das an einem Herzfehler verstorben ist. „Da hatte ich ne Woche dran zu knacken.“ Selbst ihr Chef, bei aller Routine, sei fertig gewesen. Routine sei sowieso unangebracht in diesem Job. Zumindest nach außen gezeigte. Weil der Tod zwar für den Bestatter irgendwann zum Normalfall wird, „aber für jeden Hinterbliebenen nun mal der Extremfall ist.“ Dem müsse man schon gerecht werden.

Die Pause ist zu Ende. In Raum 1.1.7, Übungskapelle, beginnt nun das Modul Trauerfeier, das letzte des Tages. Die Kapelle besteht aus einem kleinen Altar und sieben Sitzreihen. Auf dem Boden vor dem Altar steht ein CD-Spieler. In Regalen rechts und links liegen Requisiten verstaut. Dutzende verschiedene Kerzen, Kränze, Puppen, Stofftiere, Gummienten, Fußbälle, Motorradhelme, Sportpokale. „So wie die Gesellschaft immer individueller wird, werden es auch die Trauerfeiern,“ sagt Matthias Liebherr, ein gemütlicher Mann von 50 Jahren mit Russenmütze über schütterem Haar, der dieses Modul leitet. Was auch gut sei. „Das Leben ist nun mal einmalig“, sagt er, „dann soll es auch die Trauer darum sein.“ In den CD-Spieler würden die Schüler zur Probefeier momentan oft Andreas Gabalier legen. „Amoi seg ma uns wieder.“ Weil das derzeit das Lied schlechthin sei auf vielen Beerdigungen. „Ist ja auch sehr anrührend.“

Es ist fünf Uhr am Nachmittag, der Schultag geht zu Ende. Bald senkt sich Dunkelheit auf Münnerstadt. Liebherr, der früher als Kind oft im Leichenwagen des Vaters mitgefahren ist und sich duckte, wenn er einen Freund am Straßenrand sah, ist seit 27 Jahren Bestatter. Er sagt: „Ich konnte mir nie was anderes vorstellen als das.“ Vielleicht auch, sagt er, weil einem dieser Beruf den Tod ständig vor Augen hält und man deswegen das Leben, das doch alles in allem sehr kurz sei, umso mehr zu schätzen lernt.

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