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"Man müsste jedem raten, hier kein Geld auszugeben." Unser Autor, konspirativ.

Expedition Darknet

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Wie sieht es eigentlich dort aus? Daniel Dillmann unternimmt einen schonungslosen Selbstversuch.

Wenn man im Darknet ist, sollte man machen, was Darknet’ler so machen: halb- bis ganz illegale Sachen. Betäubungsmittel erstehen etwa, am besten weiche und in geringer Menge. Für zehn Euro Marihuana kaufen. Aus reiner Neugier natürlich, um Licht ins Dunkel zu bringen, dabei aber nicht gleich für Jahre ins Gefängnis zu marschieren, wenn man erwischt wird. Auf geht’s.

Der Dresscode ist kein Geheimnis: schwarzer Hoodie, Kapuze hoch, schwarze Handschuhe. Schal, schwarz, ins Gesicht gezogen. Die Fragen lauten: Wo ist die Tür? Was kostet der Eintritt? Und was findet man auf der anderen Seite? Reinhold Beckmann suchte einst den Eingang ins Darknet in einem Serverraum. Dort wollte der ARD-Moderator gemeinsam mit einem Hacker medienwirksam ein Maschinengewehr kaufen. Das Ding wurde nur leider nicht geliefert, obwohl der Sender zahlte. Der Quatsch kostete den öffentlichen Rundfunk 700 Euro.

Der Serverraum ist also ein schlechter Startpunkt für die Expedition Darknet. Und wer weiß schon, wo so ein Raum zu finden ist. Oder wie man reinkommt. Die Luft ist dort schlecht, es gibt keine Getränke oder Snacks und der WLAN-Empfang ist sicher miserabel. Es gibt komfortablere Orte. Ein modernes Kaffeehaus etwa, betrieben von einem US-Konzern, in dem der Becher personalisiert, das WLAN aber anonym verfügbar ist. Ein VPN (Virtual Private Network) zu verwenden ist ratsam. Obligatorisch ist ein spezieller Browser. „Tor“ („The Onion Router“) heißt der Klassiker. „Tor“ ist nicht von der Mafia für die Mafia entwickelt, sondern von Aktivisten und Nerds für jeden, der anonym surfen möchte. Mit „Tor“ kann man Drogen kaufen. Man kann damit geheime Dokumente an Wikileaks übermitteln, zum Beispiel über Steuerparadiese in Panama oder Lauschangriffe der NSA. Indymedia empfiehlt „Tor“, um staatlichen Zugriff zu erschweren, die US Navy arbeitet damit – und auch die Mafia.

„Tor“ ist gratis, der Kaffee kostet Geld

„Tor“ ist gratis, der Kaffee kostet aber Geld. Mit Schal vor dem Mund lässt sich schlecht trinken. Also runter damit. Für den Einkauf im Darknet braucht man Kapital in Form von Bitcoin, zurzeit die beliebteste Währung. Zehn Euro entsprechen beim aktuellen Kurs erbärmlichen 0,00013957 Bitcoin.

Extra-Browser, VPN-Verschlüsselung, Kryptowährung – warum das alles? Weil die Prämisse im Darknet Anonymität lautet. Das liegt durchaus an den Inhalten. Gehandelt wird, was gerade illegal ist. Weltweit gilt das für Plutonium und Kinderpornos. Bei anderen Gütern ist die Lage komplizierter. Informationen sind mancherorts strafbar. In China kann man Wikipedia zum Darknet zählen – zumindest die dortigen Autoritäten sehen das so. In Deutschland betreibt manch einer den Aufwand, um sich Marihuana – zum Beispiel für zehn Euro – zu kaufen, was wiederum die Menschen in Colorado oder Tschechien längst nicht mehr in dunkle Ecken treibt.

Der Kaffee ist bestellt und „Tor“ gestartet. Man zieht die Handschuhe aus, weil es warm ist, man in Handschuhen keine URLs eintippen kann und weil es bescheuert aussehen muss und sicher gruselig wirkt, wenn man so verkleidet hier rumsitzt. Man durchsucht die „reddit“-Foren, die Bekannte empfohlen haben. Leute, die mit Betäubungsmitteln mehr zu tun haben als man selbst. Man findet einschlägige Adressen, die nur mit dem Tor-Browser anzusteuern sind. Man kauft aber nicht mit einem Klick. Registrierungen sind nötig und Sicherheitsvorkehrungen. Man muss den Anbietern gewährleisten, dass der Mailverkehr nur verschlüsselt erfolgt. Zugang erhält man oft nur mit einigen Tagen Verzögerung.

Es wird schnell klar: Das Darknet ist nicht die Halunkenklitsche auf Mos Eisly, in deren stickiger Luft Luke Skywalker einst Han Solo traf und in deren zahllosen Nischen es wimmelt von zwielichtigen Aliens, Schmugglern und Meuchelmördern. Es ist Amazon in Grautönen, mit mehr Schrott als Stoff. Die größten Wachstumsraten erreichten in den vergangenen Jahren gefälschte Lifestyle- und Luxusprodukte. Burberry-Mäntel, Iphone-Imitate, Picasso-Gemälde. Voll von schnödem Nippes ist das Darknet in den meisten Ecken. Wenn das Space Cowboy-Klischee nicht funktioniert, dann zumindest ein anderes: Es tummeln sich die Scharlatane im Darknet. Man kann alles bestellen, was die Action-Seele herbeifantasiert: Waffen, Morde, Erpressungen, Entführungen. Man kann es auch bezahlen. Aber es wird nicht geliefert. Beckmann weiß genau, was gemeint ist. Wäre die Sache nicht schon illegal, man müsste spätestens jetzt jedem raten, hier kein Geld auszugeben. Man wird nichts dafür erhalten.

An jeder Ecke liegt Müll

Sicher werden im Darknet schreckliche Gelüste erfolgreich bedient. Aber aus Versehen kauft keiner menschenverachtende Medien oder Massenvernichtungswaffen. Man biegt auch nicht in dunkle Gassen ab und stürzt plötzlich in tiefe Löcher, in denen Dämonen einen zu perversen Sexpraktiken zwingen oder die Seele von Killer-Trojanern gehackt wird und aus denen der einzige Ausweg in die Hände des FBI führt, das einen direkt nach Guantanamo verschifft.

Schmutzig ist es hier aber allemal. An jeder Ecke liegt Müll. Der sieht aus wie verwaschene, teils überklebte Graffiti, Überbleibsel aus der Gründerzeit des Internets. Halbfertig gebaute Gifs, Seiten mit minimaler Interaktivität, purer Nonsens und notorisches Verschwörungsgedöns. Viele der Seiten, die großspurig Drogenverkauf ankündigen, sind nur noch Datenmüll, Ruinen ehemaliger Marktplätze, stillgelegt von der Polizei oder von den Betreibern selbst, die sich mit der Kohle der User aus dem Staub gemacht haben.

Durch all den Unrat bewegt man sich unvorstellbar langsam, weil die Verbindung über den Tor-Browser zig Umwege nimmt, um die Nachverfolgung zu erschweren. Man fühlt sich zurückversetzt in das Mittelalter des Internets, die Wähltöne des 56k-Modems im Ohr. Es ist sehr mühsam, dieses Darknet. Mutet man sich das bis zum Ende zu, bestellt den Zehner und geht nach Hause, dann erhält man zwei Wochen später – mit viel Glück – ein Paket. Ein Postfach als Absender, die Ware geruchsneutral verpackt. Wie Amazon, nur ohne Logo. Den Inhalt vernichtet man pflichtbewusst oder verschenkt ihn an Bekannte, die mehr damit anfangen können. Aber die bleiben anonym, das versteht sich bei Verbotenem von selbst.

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