Als der heute 79-jährige Mohammed Dubad 1992 Somalia verließ, dachte er, er bliebe nur wenige Wochen. Es wurden 25 Jahre daraus.
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Als der heute 79-jährige Mohammed Dubad 1992 Somalia verließ, dachte er, er bliebe nur wenige Wochen. Es wurden 25 Jahre daraus.

Der Urgroßvater

Ewiger Traum

  • Miriam Keilbach
    vonMiriam Keilbach
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Mohammed Dubad ist im Camp gealtert – in die USA will er noch immer.

Als Mohammed Dubad 1992 in Dadaab ankam, rückten gerade die Bulldozer an. Der heute 79-Jährige war einer der ersten Bewohner des Flüchtlingscamps. Mit neun seiner inzwischen elf Kinder zog er ins Lager Ifo 1 ein, das damals noch das einzige war, ausgelegt auf 30 000 Menschen. Doch längst lebten dort Hunderttausende Flüchtlinge in Zelten. Tausende sah Mohammed Dubad an Cholera sterben oder verdursten, sagt er. Er erlebte, wie die Trucks jeden Tag neue Menschen mit ihren spärlichen Habseligkeiten brachten – Menschen wie ihn und seine Familie, Somalis, die in Kenia Schutz vor dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat suchten.

„Ich wollte in Somalia bleiben, aber die Kinder haben Druck gemacht“, sagt Mohammed Dubad. Er gab nach – und wollte eigentlich nur ein paar Wochen bleiben. Daraus sind 25 Jahre geworden. Er hat sich eingerichtet, sitzt jeden Tag auf seiner Terrasse, blickt auf die Straße. Hin und wieder plaudert er mit den Nachbarn oder mit Kunden, die Getränke in seinem Geschäft kaufen. Sein Urenkel taucht auf, gibt ihm einen Kuss und verschwindet wieder.

Die erste Zeit nach seiner Ankunft in Dadaab verbrachte Mohammed Dubad, der einst in einem Ministerium in Somalia gearbeitet hatte, mit Warten. Er hoffte nur, nach Somalia zurückkehren zu können. „Nach drei Jahren habe ich gemerkt, dass ich mich der Realität stellen muss, dass wir hier nicht mehr wegkommen.“ Also räumte er Platz in seiner Hütte frei und eröffnete ein kleines Restaurant. So konnte er seiner Familie mehr als die üblichen Lebensmittelrationen bieten. Heute verkauft er zusätzlich Limonade und Wasser.

Anderen mag es ähnlich ergangen sein. In Dadaab und den Lagern haben Flüchtlinge viele Geschäfte etabliert. Es begann mit Tauschhandel. Manche Bewohner verkauften das Getreide, ihre Lebensmittelration, über somalische Mittelsmänner nach Nairobi. Mit dem Geld konnten sie sich wiederum Reis leisten, was der traditionellen somalischen Ernährung entspricht. Auch Hilfsorganisationen unterstützten den Aufbau einer Wirtschaftsstruktur: Sie gaben das Material, mit dem die Flüchtlinge ihre Häuser und Anlagen selbst bauen konnten.

„Die Not, die Angst, die Erfahrungen haben uns zusammengezwungen“, sagt Mohammed Dubad. Und vielleicht auch erfinderisch gemacht. Längst gibt es hier Läden für alles: Handyreparaturen, Ladestationen, Eiswürfel-Geschäfte, Buchhandel, Kleidungs- und Lebensmittelgeschäfte, sogar Autowerkstätten, obwohl eigentlich kaum Autos fahren.

Auch wenn sich der 79-Jährige langsam mit dem Gedanken beschäftigt, in Dadaab zu sterben, gibt er den Traum von einer sicheren Zukunft nicht auf. „Ich weiß nicht, was die Zeit bringt. Aber solange ich keinen besseren Ort als Dadaab gefunden habe, bleibe ich hier. 200 Dollar Ausreisegeld wiegen Frieden nicht auf.“ Sollte Dadaab geräumt werden, hofft er auf einen Platz im zweitgrößten Flüchtlingslager des Landes, in Kakuma.

Seit 2009 versucht die Familie in die USA zu gelangen – wie viele der Freunde, die Mohammed Dubad gefunden hat. „Mein Bruder ist mit seinen Kindern in Deutschland gelandet“, sagt Mohammed Dubad. Zwei seiner Söhne haben es schon in die USA geschafft. Der Rest der Familie wartet weiter. Englisch spricht Mohammed Dubad noch nicht, neben dem Geschäft sei das nicht zu stemmen, sagt er: „Aber ich hätte Lust, noch einmal eine neue Sprache und eine neue Kultur kennenzulernen.“

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