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"Manch eine Insel ist einfach nur die Fantasiegeburt eines Angebers."

Entdecker

Das Eiland des Kolumbus

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Immer wieder haben es Inseln auf die Karten der Weltmeere geschafft, die in Wahrheit nie existierten. Dirk Liesemer hat sie in einem Lexikon versammelt

Wie kommt man dazu, sich mit etwas zu beschäftigen, das es nicht gibt? In meinem Fall waren es Phantominseln. Vor ein paar Jahren tauchte mal wieder so eine Insel in den Medien auf: Sandy Island oder auch Sable Island. Sie soll im Pazifik liegen, war sogar auf Google Maps verzeichnet. Um es abzukürzen: In die Nachrichten schaffte es die Insel, weil Forscher sie nicht entdecken konnten. Die Nachricht war also die Nicht-Existenz dieser Insel, das fand ich interessant. Aber es gibt auch einen persönlichen Grund dafür, warum ich das Lexikon der Phantominseln gemacht habe: Mein Vater lebte in den siebziger Jahren im Pazifik, war dort Kapitän. Er erzählte uns von seiner Zeit und den Inseln dort, die er besucht haben will. Später versuchte ich, seine Reisen entlang der Inseln zu rekonstruieren und stieß darauf, dass es die Inseln gar nicht gibt. Aber mit ihm darüber sprechen konnte ich leider nicht mehr, er war gestorben.

Mein Interesse an dem Phänomen blieb. Ich fand etwa 70 bis 80 solcher mythischen Inseln, wahrscheinlich sind es mehr. Über die meisten gibt es ganz wenige Informationen. Ich wollte aber Geschichten über die Inseln erzählen, die Mythen und Legenden über sie und über die Menschen, die die Inseln entdeckt haben wollen. Am Ende hatte ich eine Auswahl von 30 Inseln, die weltweit verteilt sind und über die es genug zu erzählen gibt.

Bei der Recherche habe ich gemerkt, dass die wirklich spannenden Geschichten nicht die über die Entdeckungen der Phantominseln waren, sondern die über die Widerlegung ihrer Existenz. Das ist ungleich schwieriger und gefährlicher. Es gibt da zum Beispiel den Fall dreier Deutscher vom Anfang des 20. Jahrhunderts, die die Insel New South Greenland in den antarktischen Gewässern suchen. Sie riskieren dabei ihr Leben, frieren elendig und zweifeln an ihrer Expedition, doch es gelingt ihnen mit Schneeschlitten an den Ort zu kommen, an dem sich die vermeintliche Insel befinden muss. Aber da ist nichts.

Mit einer besonders schönen Insel, sozusagen meiner nicht existierenden Lieblingsinsel, beginne ich das Buch. Es ist Antilia, die angeblich im Atlantischen Ozean liegt und von Christen bewohnt wird. Christoph Kolumbus muss an ihre Existenz geglaubt haben. Diese Insel sollte ihm noch die letzte Möglichkeit bieten, frische Nahrung und Wasser aufzunehmen, bevor er sich ins Unbekannte wagte. Die Insel fand er natürlich nicht. Stattdessen nannte er die Inseln, auf die er vor Mittelamerika stieß, Antillen ... Man kann nur spekulieren, aber vielleicht hätte Kolumbus das Risiko seiner Fahrt nie gewagt, wenn er nicht geglaubt hätte, dass er noch eine sichere Insel ansteuern kann.

Phantominseln sind oft Sehnsuchts- oder Fluchtorte in der Fantasie der Menschen. Es sind Orte, an die sich die Menschen hinträumen, konfliktfrei, wo man sich satt essen kann, wo man nicht an Krankheiten leidet. Aber manch eine Phantominsel ist einfach nur die Fantasiegeburt eines Angebers. Im 19. Jahrhundert lebte ein Kapitän, der sich wahrscheinlich darüber geärgert hat, dass er zu spät geboren wurde – Benjamin Morell, ein US-Amerikaner. Er hatte in seiner Kajüte viele Bücher früherer Entdeckungsreisender und träumte selbst von neuen Entdeckungen. Aber er ging leer aus und erfand Landsichtungen. Die drei Deutschen, die ich erwähnt habe, hatten versucht, eine von ihm ,entdeckte‘ Insel zu finden.

Auch wenn ich mich konkret mit Inseln beschäftige, ist das Thema des Glauben-Wollens losgelöst davon. Es findet sich bei Religionen genauso wie in der aktuellen Politik. Menschen wollen bestimmte Vorstellungen für wahr halten, auch um zum Beispiel nicht zugeben zu müssen, dass wir Menschen etwas nicht beweisen können.

Unsere Bereitschaft, etwas zu glauben, hängt auch daran, ob etwas verschriftlicht oder in meinem Fall in den Karten eingetragen war. Manche Inseln wurden Wirklichkeit, indem sie von Karte zu Karte konkretere Formen annahmen. Die wenigsten Kartenmacher waren selbst Fernreisende. Sie trugen Informationen über Inseln vom Hörensagen zusammen, und wenn mehrere Menschen ihnen etwas von einer Insel erzählten, dann glaubten sie daran. Manche Kartographen zeichneten eine Insel vielleicht noch gestrichelt, was hieß, dass ihre Existenz noch nicht gesichert war. Jemand, der die Karte kopierte, hat aus der gestrichelten eine durchgezogene Linie gemacht oder die Insel vielleicht sogar eingefärbt. Und dann war sie da – real und in Farbe. Und das Spannende ist, dass manche Kapitäne ihre Nicht-Existenz vielleicht nicht ansprachen, weil sie nicht als Trunkenbolde oder unfähige Seeleute gelten wollten, die bekannte Eilande nicht fanden. Wenn alle Welt an etwas glaubt – wie kann ich da widersprechen?

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