"Da draußen ist kein anderes Leben."
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"Da draußen ist kein anderes Leben."

Die Heimatlose

Dreimal neu angefangen

  • Miriam Keilbach
    vonMiriam Keilbach
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Nafiso Mohamed flüchtet wieder nach Dadaab.

Ein halbes Jahr lang hat Nafiso Mohamed versucht, ein neues Leben in Somalia zu beginnen. Vergeblich. „Frieden“, sagt sie, „wiegt schwerer als Hunger und Hoffnungslosigkeit“. Deshalb ging Nafiso Mohamed zurück nach Dadaab und nahm acht ihrer neun Kinder mit.

Die 42-Jährige gehörte einst zu den bessergestellten Somali. Ihr Mann Ahmed Abdullahi und sie waren Geschäftsleute. „Wir hatten ein gutes Leben“, sagt sie. Dann marschierten Ende 2006 äthiopische Truppen in Somalia ein, der Guerilla-Krieg mit der Terrormiliz Al Shabaab begann. Vor allem in der Hauptstadt Mogadischu gab es schwere Kämpfe. Keine 30 Kilometer entfernt in Afgooye lebte die Familie damals. 2011, als die Kämpfe sich in ihre Wohngegend verlagerten, entschlossen sich die Eltern mit ihren damals sieben Kindern zur Flucht. Mit einem Truck fuhren sie nach Boale, von da aus brachten sie Schlepper fünf Tage später an die somalisch-kenianische Grenze nach Dhobley. „Um Mitternacht haben sie uns über die Grenze geschmuggelt“, erzählt Nafiso Mohamed: „Wir waren auf einer illegalen Route unterwegs und wurden von Banditen ausgeraubt.“ In Dadaab wurden gerade die Camps Ifo 2 und Kambioos für Somalis errichtet, die wegen Dürre und Hungersnot nach Kenia gekommen waren. Nafiso Mohamed wurde Block Leader, eine Art Bürgermeisterin für ihren Camp-Bezirk. „Es war nicht das gute Leben, das wir in Mogadischu hatten, aber es war beständig. Wir hatten Wasser, Essen, die Kinder gingen zur Schule, und wir hatten eine medizinische Versorgung“, sagt sie. Zwei weitere Kinder bekam sie, während sie in Ifo 2 lebte.

Im Oktober 2013 schlossen Kenia und Somalia ein Abkommen; in Zusammenarbeit mit dem UN-Flüchtlingswerk wurden Teilgebiete in Somalia als sicher deklariert. Der Druck auszureisen, nahm zu. Wegen der Terroranschläge in der Westgate-Mall in Nairobi im September 2013 und an der Universität in Garissa im April 2015, deren Täter nach offiziellen Angaben über Dadaab ins Land kamen, drohte die kenianische Regierung, alle Somalis innerhalb von 90 Tagen abzuschieben. „Wir hatten Angst, dass es zur Räumung eine Militäraktion gibt.“ Dann, sagt sie, hätte es auch Vergewaltigungen gegeben. Deshalb ging sie lieber freiwillig zurück. Die älteste Tochter war bereits zusammen mit dem pflegebedürftigen Vater in Dadaab geblieben.

Am 17. August 2015 begann Nafiso Mohamed zum dritten Mal ihr Leben von vorne. Sie zog in ein ärmliches Wohngebiet in der Nähe von Mogadischu. „Aber das war nicht wie versprochen, wir waren alles andere als sicher.“ Sie erzählt von Nachbarn, die niedergeschossen wurden, von Bomben, die auf Kleinbusse geworfen wurden. Einmal, als sie auf dem Markt einkaufen war, habe sich ein Selbstmordattentäter ganz in ihrer Nähe in die Luft gesprengt. Sie berichtet von dem Grauen in sachlichem Ton, fast emotionslos.

Dann kam der 10. Oktober 2015, der Tag, an dem ein Anschlag von Al Shabaab sein Ziel, den nahegelegenen Präsidentenpalast, verfehlte. Das Geschoss traf das Haus von Nafiso Mohamed. Eine Freundin, die ihr gerade bei Hausarbeiten half, starb. Die Nägel der Bombe trafen Nafiso Mohamed, sie wurde schwer verletzt. Ihr wurden Splitterteile aus der linken Brust und aus dem Bein entfernt, fünf Monate war sie im Krankenhaus. Als sie am 26. März 2016 nach Hause kam, sagten ihre Töchter: „Mama, wir müssen zurück nach Dadaab.“

Mogadischu sei schlimm gewesen, sagt Nafiso Mohamed, „aber Dadaab ist auch keine Zukunft für uns“. Den Töchtern gelang es schließlich, ihre Mutter zu überreden. Sie wollten wieder zur Schule gehen, sie wollten wieder spielen können, ohne die ständige Todesangst. „Ich habe um das Leben meiner Kinder gebangt. Und ich wollte mir nie die Schuld dafür geben müssen, wenn eines von ihnen gestorben wäre“, sagt Nafiso Mohamed.

Ohne Ausweispapiere, die bei der Explosion zerstört wurden, zog die Mutter mit ihren Kindern wieder los. Doch die Registrierungspapiere aus Dadaab hatte sie retten können. Offiziell galten sie noch als Flüchtlinge und durften wieder einreisen. Dadaab hatte sich verändert. „Die Leute hatten die Hoffnung verloren, sie waren demoralisiert und es gab nur noch wenig Hilfe.“ Inzwischen lebt die Familie wieder zusammen, und jedes der Kinder hat einen Schulplatz.

Nafiso Mohamed erzählt ihre Geschichte mit klarer, ruhiger Stimme, sie spricht viel über die Angst, Dadaab vielleicht wieder verlassen zu müssen. „Da draußen ist kein anderes Leben. Ich war ja da und habe es gesehen.“ Würde man ihr Lager Ifo 2 schließen, zöge sie in Ifo 1. Und wenn sie keinen Platz in Kenia finde, dann wenigstens in irgendeinem anderen Land, „nicht um sesshaft zu werden, nur bis Somalia sicher ist“. So sicher, dass auch Touristen dort Urlaub machen könnten.

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