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?Biathlon oder Rosamunde Pilcher??

Digitaler Familienfrieden

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Wer die Fernbedienung hält, hat die Macht auf der Couch – das war einmal.

Huelva, 9. September 2002. „Wie die Polizei am Montag mitteilte, hatten sich zwei Brüder im Wohnhaus der Familie in Südwestspanien darüber gestritten, wer das Programm bestimmt. Dabei ergriff der 34-Jährige sein Jagdgewehr, schoss in den Bildschirm und feuerte eine zweite Kugel in die Brust seines 39 Jahre alten Bruders. Dieser war auf der Stelle tot.“

So brutal wie in dieser Polizeimeldung dürfte es in kaum einer Familie zugegangen sein, selbst wenn abends die wirklich weltbewegenden Fragen auf den Tisch kamen. Biathlon oder Rosamunde Pilcher? Das Wissensmagazin über die Zusammensetzung von Eiskristallen mit dem lustigen Moderator oder „Petterson und Findus gehen zelten“? Sportschau oder Promi-News auf RTL 2? Das legendäre Grundszenario war damals, vor 15 Jahren, wohl jedem vertraut, der unter Menschen lebte – wie spätestens seit den 1970er Jahren. Die Familie sitzt abends um die Fernbedienung herum und versucht sich auf dem schwierigen Terrain basisdemokratischer Findungsprozesse. Alle wollen fernsehen, aber jeder etwas anderes.

Im Streit um die Fernbedienung hörte die Fairness auf, denn: Hier zeigte sich, wer auf der Couch wirklich das Sagen hatte. Hier ging es um weit mehr als ein batteriebetriebenes Gerät. Es ging um die Verteilung von Macht. Überheblichkeit, Wutanfälle, Tränen, Handgreiflichkeiten unter den Kindern und eisiges Schweigen der Unterlegenen inklusive. Einig war man sich nur bei „Wetten, dass …“ Das unschuldige Gerät mit den kleinen Knöpfchen stiftete Unfrieden, wo traute Eintracht hätte sein sollen, wo alle nach getanem Tagwerk entspannt beieinander hätten sitzen sollen.

Die digitale Revolution hat die Welt verändert, sie mit der Erfindung des Buchdrucks zu vergleichen, ist wahrscheinlich noch stark untertrieben. Neben vielem anderen hat sie auch den ewigen Streit auf dem Familiensofa hinweggefegt. So wie Menschen, die etwas auf sich halten, sowieso keinen Fernseher mehr haben – sondern sich asketisch mit Tablet, Notebook, Smartphone und Beamer begnügen. Und da glotzt jeder sein eigenes Süppchen. Der Fünfjährige hockt mit „Feuerwehrmann Sam“ und dem iPad auf der Couch, die Schwester schaut derweil Heidi Klum auf ihrem Laptop, während der Vater auf seinem ein Hunderennen in Venezuela verfolgt und heimlich gar nicht so kleine Geldbeträge als Wetteinsatz eintippt. Die Mutter hat es sich vor dem Beamer und der dritten Staffel von „Girls“ gemütlich gemacht, alle teilen sich ein Netflix-Abo. Kein Streit, keine Fernbedienung, aber auch keine Gespräche über das unglaublich vorhersehbare Ende bei Rosamunde Pilcher und die Schleimfrisur des hinterhältigen Anwalts mehr, kein gemeinsames Lästern über doofe Saalwettekandidaten und kollektives Gerührtsein beim 27. Mal „Sissi“.

Keine Machtspielchen mehr. Dafür Individualismus pur. Ist das nun besser oder schlechter als früher? Fördert Selbstbestimmtheit die Persönlichkeitsentwicklung? Oder sorgt die digitale Vereinzelung dafür, dass wir kaum noch Kompromisse schließen mögen? Die Wahrheit liegt wahrscheinlich wie so oft irgendwo in der Mitte.

Freuen wir uns auf Silvester. Spätestens bei „Dinner for one“ werden sich wieder alle drängeln. Völlig freiwillig.

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