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Der Mann, der mit den Schrauben spricht

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Materialscheune, Heinrich Jung, Blitzblume Ingelheim.
Heinrich Jung hat tausende Geräte vor dem Verschrotten bewahrt © Thomas Pirot www.thomaspirot.de

Heinrich Jung repariert Haushaltsgegenstände. Waschmaschinen, Kühlschränke, Staubsauger. Hunderte, Jahr für Jahr. Es ist sein Kampf gegen die Wegwerfgesellschaft. Die Geschichte eines Wertschätzenden.

Es ist acht Uhr früh, da klingelt zum ersten Mal das Telefon. Mit spitzen Fingern rückt Heinrich Jung das Headset auf seinen langen, dunkelgrauen Haaren in die richtige Position. „Blitzblumejunggutentag?“ Er spricht die vier Wörter wie ein einziges. Heute wird der 65-Jährige die Welt verändern. Wie jeden Tag seit 1983 natürlich nur ein bisschen. Aber immerhin.

Jungs Büro ist nur 14 Quadratmeter groß. Freie Fläche gibt es eigentlich nicht, zur Werkbank führt eine Schneise zwischen einem monströsen Eckschreibtisch und überquellenden Regalen. Aber Vorsicht! Nicht über die kaputte Nähmaschine am Boden stolpern. Hier also sitzt Heinrich Jung, im Erdgeschoss seines Wohnhauses in Ingelheim am Rhein, einer 24.000-Seelen-Stadt westlich von Mainz.

Jedes Jahr verschrotten die Deutschen rund 853 000 Tonnen Elektroteile - oft nur, um Neues zu kaufen

Seit 1983 führt er die „Blitzblume“, einen Reparaturservice für Elektrogeräte. Heinrich Jung ist gelernter Elektriker, sein Büro ist gleichzeitig Werkstatt. Zwischen Aktenordnern, Zetteln und Zeitschriften liegen Zangen, Schraubenzieher, ein Haargummi, ein Stück Kupferdraht. Der Anrufer sagt, sein Trockner funktioniere nicht mehr. Er drehe nur noch, wenn man ihn anschubse. Jung blickt durch seine runden Brillengläser auf eine Exceltabelle. „Wie alt ist denn das Gerät?“ – „Fünf Jahre erst“ Jung seufzt. „Schade.“

Er erklärt dem Anrufer das, was er allen erklärt: sein Je-älter-desto-besser-Prinzip. Wenn ein Gerät 20 Jahre alt geworden ist und dann kaputtgeht, hat es bewiesen, dass es gut funktioniert. Wenn es allerdings nach fünf Jahren schon kaputtgeht, ja, was sagt das über die Qualität aus? Tja. Sehn’se. Er verspricht, trotzdem einen Blick darauf zu werfen.

„Ist nicht weiter schlimm. Ich empfehle ein Wäschenetz.“
„Ist nicht weiter schlimm. Ich empfehle ein Wäschenetz.“ © Thomas Pirot www.thomaspirot.de

Er, Heinrich, gegen sie, die moderne Wegwerfgesellschaft – das ist sein Kampf, seit 38 Jahren schon. Repariert hat er mit der „Blitzblume“ bereits mehr als 13.000 Waschmaschinen, 7400 Geschirrspüler, 2000 Trockner, 1000 Kühlschränke und 400 Staubsauger. Aber was nützt das eigentlich, wenn die Leute da draußen in großem Stil trotzdem lieber wegwerfen und neu kaufen, statt alte Geräte zu reparieren?

Jedes Jahr verschrotten die Deutschen rund 853.000 Tonnen Elektroteile, etwa die Hälfte der Geräte wird entsorgt, um sie durch Neuware zu ersetzen. Die großen Hersteller, vermutet Jung, bauen bewusst so, dass Produkte sich immer schneller abnutzen. Mit einem Neukauf verdienen sie mehr als mit der Reparatur. Belegen kann Jung das nicht. Aber er hört und sieht es doch, wie er sagt, jeden Tag: Je jünger das Gerät, desto anfälliger ist es für Fehler. Und desto schwieriger zu reparieren.

 „Die sprechen mit mir. Die rufen: Schraub mich auf!“ 

Heinrich Jung

„Blitzblumejunggutentag?“ Der Rasenmäher, er riecht verschmort und tut nichts mehr. Erst vier Jahre alt. Heinrich Jung fasst sich an den Kopf. „Tja.“ Er empfiehlt in diesem Fall: Wegwerfen. Verschmort, das heißt, der Motor ist im Eimer. „Blitzblumejunggutentag?“ Die Spülmaschine, die Gläser sehen seit dem letzten Spülgang aus wie aus Milchglas. Er verschreibt spezielle Reinigungstabs. Da brauche man nicht extra vorbeizukommen. Etwa 30 Leute rufen an, bevor Heinrich Jung zwei Stunden später an die Mailbox übergibt. Ungefähr die Hälfte der Anrufenden erhält Tipps, um sich selbst zu helfen. Mit der anderen Hälfte vereinbart er einen Hausbesuch oder bittet darum, das Gerät vorbeizubringen.

„Ich versuch es erst minimalinvasiv.“
„Ich versuch es erst minimalinvasiv.“ © Thomas Pirot www.thomaspirot.de

Um zu demonstrieren, warum die großen Hersteller ihn so wütend machen, stellt er sich an die Werkbank und hält ein quietschorangenes Plastikgehäuse hoch –„ein Handmixer aus den Fünfzigern. Schau mal, die Schrauben.“ Vier Stück, Kreuzschlitz, oben, unten, links, rechts. „Die sprechen mit mir. Die rufen: Schraub mich auf!“ Er hat den Mixer schon repariert, ein feiner Draht an der Spule war gerissen. Läuft wieder. Jetzt kramt er etwas Längliches, Graues aus der Pappschachtel: Ein Mixstab der Firma Braun, ein paar Jahre alt. „Und jetzt guck dir das an. Das Teil hat keine einzige Schraube.“ Er schüttelt den Kopf, wird lauter. „Sieht super aus, aber ich zerstöre ihn wahrscheinlich schon beim Versuch, ihn zu öffnen. Die Firma Braun will nicht, dass ich den repariere.“

Er lässt den Mixstab auf die Werkbank fallen. „Das nehme ich zutiefst persönlich!“ In seiner Exceltabelle stehen in jeder Zeile die Namen und Kontaktdaten der Kundinnen und Kunden, die Marke und das geschätzte Alter des Geräts. Ganz am Ende steht ein Fehlerkürzel: lkwe (Läuft kein Wasser ein) oder bl.hä (bleibt hängen). Je weniger er tippen muss, desto besser, sagt Jung. Er hat es nicht so mit Worten und Buchstaben, er bringt sie zu schnell durcheinander. In der Schule sagten die Lehrer deswegen oft, er sei dumm. Heute heißt das Legasthenie.

Als Kind hatte Heinrich Jung keinen Bezug zur Natur. Er kannte nur die kahle, graue Stadt: das Saarbrücken der 1960er Jahre. Sein Schulweg führte auf einer Brücke über die Gleise der Dampfloks. Er beobachtete sie gerne, wie sie voranratterten und dabei dunkle Wolken schnauften – Technik wie eine Naturgewalt. Zu Weihnachten bekam er eine Spielzeugeisenbahn, bis Silvester hatte er sie in Einzelteile zerlegt. Und bekam sie nicht wieder zusammen. Als junger Mann in den 1980er Jahren ging er auf die Straße. Ausgerechnet: Umweltprotest. Draußen, im Wald, auf Wiesen oder Feldern war er wenig unterwegs, aber ihn faszinierten die Gesetzmäßigkeiten der Natur, die feinen Mechanismen, durch die alles mit allem irgendwie verbunden schien.

Heinrich Jung wünscht sich dringend Konkurrenz

Und er sah, dass die Menschheit ein Konzept auf die Erde gebracht hatte, das in den Mechaniken der Natur nicht vorkommt: Müll. Die Politiker, sagt er, taten schon damals eh nur, was sie wollten. Also fragte er sich: Was kann ich? Er konnte reparieren. Zwar sei er nur ein einziger Mensch, aber mit jeder Waschmaschine würde der Müllberg ein bisschen kleiner. Und vielleicht machten es dann ja mehr Leute so, auch Proteste beginnen schließlich mit ein paar wenigen, die sich auf die Straße stellen.

FR7-Autorin Anna Scheld
FR7-Autorin Anna Scheld hat schon viele Waschmaschinen in ihrem Leben besessen. Sie ist sicher: Jede hätte länger gelebt, wäre ein Heinrich Jung in ihrer Gegend gewesen. © Ludwig Hagelstein

Er kritzelte also eine Blume auf eine Serviette, dann noch einen zackigen Blitz als Stängelchen. Blitzblume. Es dauerte keine Woche, da kam er kaum hinterher mit Aufträgen. Bis heute ist das so. Neulich hatte er zwei Wochen Betriebsurlaub. Am ersten Arbeitsmontag kamen 400 Anrufe. Der Heinrich Jung im Heute sagt, er wünsche sich dringend Konkurrenz. Aber irgendwie kommt da niemand. Wieso dann kein Youtube, kein Instagram? Videos von Alltagshacks und Tüfteleien erreichen immer wieder ein Millionenpublikum, sogar Netflix hat inzwischen einige Serien zum Heimwerken produziert. Heinrich Jung sagt, schon die Vorstellung findet er grausam: Allein in einem leeren Raum quatscht er in eine Kameralinse. Nein. Ein Like fühlt man nicht. Er will mit Menschen sprechen, kurz ein Gast sein, der bei der Technik weiterhilft.

Nach der Telefonseelsorge, wie er seine Morgensprechstunde nennt, geht er auf Hausbesuche. Seine Frau ruft viermal von oben aus der Küche runter ins Büro, er solle noch schnell etwas frühstücken. „Essen vergesse ich manchmal“, sagt er und lacht ein bisschen zu hoch und ein wenig zu wild – wie ein schüchterner Teenager. Nach einer Tasse Kaffee und einer Scheibe Baguette mit Weichkäse steigt er in seinen kleinen Elektrobus, Marke Mia, 2013 gekauft. Er hatte ihn in irgendeiner Zeitschrift entdeckt, ein Impulskauf: geräumig und für einen fairen Preis, dazu eben E-Antrieb. Fand er super.

„Essen vergesse ich manchmal.“
„Essen vergesse ich manchmal.“ © Thomas Pirot www.thomaspirot.de

Bevor er vor dem ersten Termin aussteigt, wirft er einen Blick auf die Exceltabelle – für den Tag hat er sich einen Auszug gedruckt. Patientin: Waschmaschine. Fehlerkürzel: dn., dreht nicht. Eine ältere Dame grüßt an der Tür, sie ist Stammkundin, Heinrich Jung war schon oft hier, ein Dutzend Mal bestimmt. Es riecht nach geschmorten Zwiebeln, an den Fenstern hängen Spitzengardinen. Ob sie ihn allein lassen könne, sie habe eben das Mittagessen fertig. Er sei ja quasi daheim.

Im Keller steht eine betagte Miele-Waschmaschine, er nennt sie „alte Bekannte“. 87er Jahrgang. Er setzt sich in den Schneidersitz, betrachtet sie kurz, holt den Kreuzschlitz, schraubt das Frontgehäuse ab. So steht sie nun vor ihm, nackt, er kann alles sehen, die blauen und gelben und schwarzen Kabel, ihre Arterien, liegen um die Trommel. Jung murmelt: „Es ist der Motor … Ich hab’s geahnt.“ Er schraubt das Gehäuse wieder dran, steht auf, kippt die Maschine seitlich an die Wand. Legt sich auf die staubigen Kellerfliesen. Sagt: „Ich versuch es erst minimalinvasiv“ und leuchtet ihre Unterseite an. Nein, er habe den passenden Schlüssel nicht dabei. Da müsse er noch mal wiederkommen.

Waschmaschinen sind seine häufigsten Patienten, etwa jeder dritte Einsatz, schätzt er. In ganz Deutschland machen Waschmaschinen ein Viertel des gesamten Elektroschrotts eines Jahres aus. Dabei sind es oft nur kleine Einzelteile, die nicht länger zu gebrauchen sind. Da ist zum Beispiel die Kohlebürste, das häufigste Verschleißteil, gerade so groß wie ein Finger und nutzt sich nach zehn bis 15 Jahren ab. Völlig erwartbar, sagt Heinrich Jung. So eine Bürste könne er in etwa zehn Minuten tauschen. Dann läuft alles wieder. Deswegen hat er immer welche dabei, sie warten in einer kleinen grauen Plastikwanne in seinem Elektrobus.

„Das Gerät ist mein  Türöffner zum Kontakt mit anderen Menschen“

Heinrich Jung

Nächster Termin. Blick auf den Zettel. Patientin: Geschirrspülmaschine. Fehlerkürzel: und., undicht. „Ah, jetzt kommt eine alte Siemens. Mach ich immer gern“, sagt er und drückt die Klingel. Im Dachgeschoss steht eine junge Frau barfuß im Türrahmen. Sie führt Heinrich in die Küche, er geht vor die Spülmaschine, wieder Schneidersitz. Auf einem kleinen weißen Aufkleber liest er das Baujahr ab. 1990. Er sieht hoch zur Besitzerin, nickt anerkennend. „Geile Nummer. 31 Jahre, nicht schlecht. Super Teil.“ Der Schalter ist abgebrochen. „Schwierig, den kann man jetzt nicht mehr kleben. Ich werde mich auf Ebay nach einem Ersatzteil umsehen.“ Im besten Fall habe er so einen Schalter noch in einer seiner Schubladen rumliegen. „Ich hebe ja alles auf. Deshalb sieht es bei mir auch so grausam aus.“ Wieder lacht er sein Teenagerlachen.

Von der Dachwohnung zurück ins Erdgeschoss nimmt er den Fahrstuhl. Ruhig steht er da, blickt nach unten, schmunzelt. Eigentlich sei er kein geselliger Typ; gehe nicht auf Geburtstage oder Volksfeste, lade keine Freunde zum Kaffee ein. Da fühle er sich unwohl, wisse nicht so recht: Wie sich verhalten? Worüber denn reden? Aber mit der Kundschaft, da habe er „viel Spaß“. In der Rolle des Elektrikers kennt er seine Position, weiß, wo er hingehört und welche Aufgabe er hat. Das gibt ihm Sicherheit, und er kann lustig sein und locker. „Das Gerät ist mein Türöffner zum Kontakt mit anderen Menschen.“

Eine krankende Waschmaschine hat einen anderen Sound als eine gesunde. Daran 
erkennt er viele Fehler

Außerdem, sagt er, sei da ja noch das mit den Geräuschen. Heinrich Jung liebt Geräusche. Genau genommen liebt er Musik. Eine krankende Waschmaschine hat einen anderen Sound, einen veränderten Rhythmus, als eine gesunde. Daran erkennt er viele ihrer Fehler. Für die Ferndiagnose fragt er manchmal Kunden am Telefon: „Und wie hört sich das an, wenn Ihre Waschmaschine nur schwergängig dreht?“ Viele sagen dann nur: „Laut.“ Das frustriert ihn. Wie leblos. „Machen Sie mir das Geräusch doch mal vor! Hört es sich so an? RrrRrrRrr – so?“ Hat nicht die deutsche Sprache eine Fülle an Wörtern, die Geräusche beschreiben? „Schnarren, ranzen, rirren, schnörzen, sprutzeln“, zählt er auf, und klingt dabei wie ein Poetry-Slammer. Die Hände am Steuer, redet er sich in einen Zustand irgendwo zwischen Passion und Rage: Er gurgelt die Rs und lässt die S-Laute zischen.

„Ich hebe ja alles auf.“
„Ich hebe ja alles auf.“ © Thomas Pirot www.thomaspirot.de

Die letzte Patientin für heute: Waschmaschine. Fehlerkürzel: schwerg. Schwergängig. Heinrich Jung kennt den Mann, der jetzt öffnet, seit 25 Jahren. Er wirft nur einen Blick in die Waschtrommel, hat gleich einen Verdacht, sagt „abgeschliffene Türmanschette“ und holt einen schmalen, verbogenen Eisenstab aus seinem schwarzen Koffer. „Mein wichtigstes Werkzeug“, sagt er. „Ein Einweg- Drahtbügel. Ich sag’s ja, die einfachen Dinge sind die besten.“ Er schiebt ihn zwischen Trommel und Gehäuse und friemelt ein zerfetztes, nasses Stück Stoff heraus – ein bis zur Unkenntlichkeit zerrupfter Lumpen. „Wenn die Türmanschette abgeschliffen ist, rutschen da schnell Socken rein. Ist aber nicht weiter schlimm. Ich empfehle ein Wäschenetz.“

Zurück zum Auto. Seine Arbeit sei kein Hexenwerk, sagt Heinrich Jung. Oft sei sie geradezu primitiv, so wie eben. Viele Geräte würden wegen der simpelsten Fehler weggeworfen. Wegen entgleister Socken, verstopfter Siebe oder verkalkter Wasserhähne. Die Menschen wüssten es oft nicht besser. Keine Zeit, heißt es dann oft, oder keine Ahnung. Heinrich Jung glaubt: Die Leute geben ihr Gerät viel zu schnell auf. Ihm gelinge es noch fast jedes Mal, seine Patienten zu retten.

Vor etwa 16 Jahren war Heinrich Jung selbst Patient. Fehlerkürzel: Krebs. Sein HNO-Arzt ertastete eine Metastase an seinem rechten Lymphknoten. Der Primärtumor saß am Zungengrund. Erst OP, dann Bestrahlung und Chemo. „Ich habe meinen Körper den Chirurgen überlassen, wie eine kaputte Waschmaschine.“ Er steuert sein Auto in den Feierabend. „Ich habe ihnen vollkommen vertraut“, sagt er. Zögert kurz. „Wir sind alle Tüftler.“

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