"Bitte nicht stören."
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"Bitte nicht stören."

Familie

Damals hinterm Mond

Wie es ist, ohne eigenes Kinderzimmer aufzuwachsen.

Von Tatjana Paul

Wir waren Vater, Mutter und Kind in einer Dreizimmerwohnung, also wäre eigentlich genügend Platz gewesen. Aber da mein Vater so unfassbar laut schnarchte, dass es unmöglich war, neben ihm zu schlafen, hatte er sein eigenes Zimmer, in dem sein Bett, sein Schreibtisch und seine Bücherregale standen. Es war der schönste Raum der ganzen Wohnung – also eigentlich meiner, wenn es nach der klassischen Verteilung (Elternschlafzimmer, Wohnzimmer, Kinderzimmer) gegangen wäre. So aber schlief ich mit meiner Mutter in einem Raum, allerdings in getrennten Betten. In einer Wohnzimmerecke hatte ich „meinen Bereich“ eingerichtet, der vor allem aus einer Kommode mit Plattenspieler und Schallplatten (Biene Maja, Pinocchio, Die Augsburger Puppenkiste) bestand. Darüber hing ein Poster mit Palmenstrand. In einem Schrank im Flur waren meine Spielsachen untergebracht. Tagsüber spielte ich mit meiner besten Freundin im Wohnzimmer. Wir waren gerne und oft bei uns, lieber und öfter noch als bei ihr, obwohl sie ein eigenes Zimmer hatte. Wahrscheinlich lag das daran, dass von unseren Müttern – beide Hausfrauen – meine cooler war als ihre. Meine kam nie rein ohne anzuklopfen. Ihre schon. Und wir durften viel lauter toben und Musik hören und die Petticoats anziehen, die noch aus der Tanzstundenzeit meiner Mutter stammten. Auch später, als ich mit 16 meinen ersten Freund hatte, blieb sie diskret und hielt sich daran, wenn an der Tür das selbst gemalte, mit Blümchen dekorierte Schild „Bitte nicht stören“ hing.

Natürlich war mir irgendwann klar, dass es damals, in den Siebzigerjahren, ungewöhnlich war, kein eigenes Zimmer zu haben. Jede meiner Freundinnen hatte eins. Manchmal übernachtete ich bei einer von ihnen, dann lag ich auf einer Luftmatratze oder einer umfunktionierten Sonnenliege und betrachtete im Dunkeln still die Silhouetten der Puppen und Teddybären, die auf dem Wandregal saßen, und lauschte diesem fremden, tiefen Atmen. Ich schlief selten gut in diesen Kinderzimmern. Vielleicht auch, weil es merkwürdig war, an einem Ort zu sein, der so ganz und gar jemandem gehörte, der genauso alt war wie ich. Ich konnte mir nur schwer vorstellen, was das für ein Gefühl sein musste. Meine Freundin S. hatte – fand ich damals – das perfekte Zimmer: Neben ihrem Kleiderschrank und einem kleinen Schreibtisch bestand es hauptsächlich aus einem Matratzenlager, übersät mit Kissen und Plüschtieren, darüber hatte sie Stoffbahnen wie einen Baldachin gespannt. Eine quietschbunte, funzelig beleuchtete Kuschelhöhle, in der wir stundenlang lagen und kicherten, Vanille-Milchshakes tranken und Madonna hörten.

Früher, in den Vierzigerjahren, als meine Eltern klein waren, kannten sie kaum ein Kind, das ein Zimmer für sich gehabt hätte. Meine Mutter schlief mit ihrer Großmutter in einem Raum und denkt noch heute mit Grausen an den Nachttopf zurück, der unter deren Bett stand, und an das schabende Geräusch, das es gab, wenn sie ihn in der Nacht hervorzog. Mein Vater teilte eine winzige Kammer mit seinem Bruder, aber nur wenige Jahre, bis die Familie aus Ostpreußen fliehen musste und fortan in Scheunen, bei Fremden, in Internierungslagern schlief, dicht zusammengedrängt auf engstem Raum.

Ich weiß noch, dass mir mal jemand sagte, vielleicht habe es meiner Entwicklung geschadet, ohne die Erfahrung eines eigenen Zimmers aufgewachsen zu sein. Ich weiß nicht, ob das so ist. Ich weiß nicht, wer oder wie ich heute wäre, hätte ich damals anders gelebt. Ich bin mit 20 von zu Hause ausgezogen in eine WG, vier Frauen, vier Zimmer, es war eine herrliche Zeit. Mein Zimmer war klein, nie aufgeräumt, immer chaotisch, immer ein bisschen pubertär. Ich habe es geliebt. Als ich nach zwei Jahren auszog, staunte mein damaliger Freund: „Hier liegt ja rosa Teppichboden.“ Er hatte ihn vor lauter Klamotten und Büchern und Zetteln und CDs, die überall verstreut lagen, nie gesehen.

Danach lebte ich noch weitere fünf Jahre in einer WG, bis ich mit 30 in meine erste eigene Wohnung zog. Zwei Zimmer im fünften Stock, über den Dächern der Stadt, das war mein Platz. Draußen rumpelte die U-Bahn vorbei, aus der Dusche in der Küche tröpfelte es schwach, und aus den Lautsprechern kam Element of Crime: „Damals hinterm Mond“. Manchmal, wenn ich nach Hause kam, stand ich in der Tür, schaute nach links und nach rechts und konnte nicht fassen, dass das alles mir gehörte – 50 unrenovierte Quadratmeter mit einem Gasofen, der nie ansprang, und Klo aufm Flur. Mein Reich. Und irgendwo im Bücherschrank stand und steht bis heute ein Übrigbleibsel aus alten Uni-Zeiten: Virginia Woolfs „Ein Zimmer für sich allein“.

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