Hier schreiben Anke und Daniel Domscheit-Berg, zwei notorische Netzaktivisten, Weltverbesserer, Start-up-Unternehmer und Gemüsebauern, jede Woche über die Welt - digital wie analog, vor allem aber über die Schnittstelle von beidem.
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Hier schreiben Anke und Daniel Domscheit-Berg, zwei notorische Netzaktivisten, Weltverbesserer, Start-up-Unternehmer und Gemüsebauern, jede Woche über die Welt - digital wie analog, vor allem aber über die Schnittstelle von beidem.

Netz-Teil

Brot und Spiele 4.0

  • vonDaniel Domscheit-Berg
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Apps werden im Alltag immer wichtiger. Sie erziehen uns um. Das ist gefährlich.

Die meisten von uns kennen das Phänomen mittlerweile wohl gut: digitale Geräte, allen voran Mobiltelefone, sind allgegenwärtig in unserem Alltag. Ohne sie fühlen wir uns fast nackt, als hätten wir einen Teil unserer selbst vergessen. Es fällt schwer, nicht regelmäßig draufzuschauen, zu sehen, was es Neues gibt auf der Welt oder bei unseren Freunden, Bekannten, Familien. Wir halten das, was wir erleben, fest und teilen es – das Mobiltelefon wird nicht nur Multiplikator unserer Erlebnisse, sondern oft auch Filter vor unseren eigenen Augen. Einen spektakulären Sonnenuntergang erleben wir durch das Display unseres Handys beim Versuch, ihn festzuhalten, als hätte es ihn sonst nicht gegeben. Die Vergänglichkeit des Moments wird verdrängt durch die Unvergänglichkeit des omnipräsenten digitalen Speichers, ebenso wie Langeweile aus unserem Leben verdrängt wird durch allgegenwärtige Ablenkung und Beschäftigung.

Ich beobachte viele dieser Dynamiken täglich in der Welt um mich herum. Ich bin wenig smartphoneaffin, nicht wirklich aktiv in sozialen Netzen, und diese Entwicklung gefällt mir nicht nur wenig – sie besorgt mich. Und besonders bedenklich finde ich sie, wenn es um die vielen jungen Menschen geht, mit denen ich im Rahmen diverser Projekte Kontakt habe. Das alles ist natürlich kein Zufall. Das Smartphone als ultimative und universelle Beschäftigungsmaschine bedient längst alle möglichen alltäglichen Bedürfnisse. Wer braucht denn heute noch einen Wecker oder Kalender, wenn ein Gerät alle möglichen Funktionen vereinen kann.

Wer muss Langeweile ertragen, wenn er Candy crushen kann. Und wer muss sich mit ganz normalen Herausforderungen sozialer Interaktion auseinandersetzen, wenn er die einfach wegklicken oder ignorieren kann. Und genau an dieser Stelle entsteht meine Sorge.

Es gibt seit einigen Jahren ein ganzes Forschungsfeld zum Thema „persuasive technology“, überzeugende Technologie. Es geht dabei nicht um Überzeugung durch Qualität oder Sinnhaftigkeit, sondern um die Manipulation der menschlichen Psyche. Es geht um das Schaffen von Abhängigkeiten und die Manipulation unseres Verhaltens. Dieses Forschungsfeld ist kein theoretisches, sondern findet in vielen der Applikationen Anwendung, die viele von uns ganz täglich nutzen. Facebook und Instagram sind zwei solcher Beispiele. Die Apps erziehen uns um. Dem Menschen, der nach sozialer Anerkennung strebt und einen Sinn für Wettbewerb in sich trägt, wird eine Umgebung vorgesetzt, die ihm genau das liefert: Likes und einen Wettbewerb um mehr Likes. Die ständige Konfrontation mit diesen Mechanismen und das Aufhalten in dieser Umgebung verdrahtet unser Gehirn neu. Es verändert sich die Metrik, nach der unser Gehirn Erfolg misst und uns im Gegenzug mit Glückshormonen versorgt. So ist es kein Zufall, dass neben dem Persuasive Technology Lab an der Stanford University Firmen wie die Dopamine Labs entstehen – Firmen, deren Geschäftsmodell darin besteht, diese Art von subtiler Umerziehung in Applikationen zu implementieren, um deren Marktmacht zu zementieren. Je mehr Dopamin ausgeschüttet wird, während wir Zeit auf Facebook verbringen, desto mehr Zeit verbringen wir auf Facebook.

Und wenn wir mal nicht da sind, fühlen wir uns wie auf Entzug. Mit diesen Effekten haben selbst Erwachsene zu kämpfen. Obwohl unser Gehirn viele Jahrzehnte lang anders verdrahtet wurde, verändert sich langsam, aber stetig unser Verhalten. Wie dies aber für junge Menschen ist, die diesen Effekten von früher Kindheit an ausgesetzt sind, können wir überhaupt nicht abschätzen. Alles, was wir wissen sollten, ist, dass eine solche strategisch geplante und konsequent implementierte Sucht, die auf unseren chemischen Haushalt im Kopf abzielt, eigentlich nicht besser sein kann als Zigaretten oder Glücksspiel. Wenn Facebook dann mit Initiativen wie Messenger Kids versucht, die Altersgruppe der Fünfjährigen zu erschließen, sollten alle Alarmglocken angehen.

Und so ist es doch wie mit vielen anderen Entwicklungen, über die wir hier schreiben. Egal wohin man schaut, haben wir als Gesellschaft keine Idee, wohin wir eigentlich wollen. Und wohin eben auch nicht. Wir sind Spielball einer sich entfaltenden Dynamik, der wir allzu oft verständnis-, willen- und tatenlos gegenüberstehen. Wir lassen zu, dass wir radikaler als jemals in unserer Geschichte zuvor Subjekte neuer Kapitalisierungsmechanismen sind, wie sie perfider und unmoralischer kaum sein könnten. Wir sehen nicht mal wirklich hin, denn allzu oft ist unser Blick gefesselt an ein Display, das uns kurzweilig und nachhaltig abhält, über das nachzudenken, was um uns herum passiert. Und so sehr wir hier die Digitalisierung lieben, so darf diese Liebe nicht bedingungslos sein.

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