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Die Geschichte einer besonderen Beziehung

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Von: Anne Lemhöfer

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Verzweiflung – und Hoffnung.
Verzweiflung – und Hoffnung. © Judith Kohl

Als Nadine P. drogensüchtig wurde, wusste ihr Vater Stefan nicht im Ansatz, was auf sie beide zukommen würde. Er wusste nur: Ich will für sie da sein. Ich wende mich nicht ab. Nach mehr als zehn heftigen Jahren hoffen beide, dass jetzt wirklich alles gut wird. Hier erzählen sie, wo sie heute stehen.

Stefan „Ich erinnere mich noch gut an eine Szene aus dem Nordseeurlaub. Nadine war etwa vier Jahre alt, und wir hatten einen Tagesausflug nach Helgoland gemacht. Es ging ein kräftiger Wind. Meine Tochter wollte trotzdem unbedingt einen Spaziergang machen, denn sie wollte „die Tante Anna“ sehen, von der hier alle redeten. Damit war natürlich das berühmte Wahrzeichen der Insel gemeint, der Felsenturm im Meer. Nadine war ein wenig enttäuscht, dass da keine echte Tante war – aber die Wanderung im Sturm gefiel ihr. Plötzlich passierte es. Eine starke Windböe erfasste Nadine, mitten auf dem Felsen. Ich habe mich total erschrocken, ich glaube, ihre Füße hingen sogar kurz in der Luft. Da habe ich sie ganz festgehalten. Es ging gut aus. Ich konnte sie retten. Wahrscheinlich war es längst nicht so dramatisch wie in meiner Erinnerung. Aber der Schreck saß tief.

Meine Frau und ich haben sehr jung Kinder bekommen, 1989 und 1991. Wir waren gerade Anfang 20. Aber wir waren schon viele Jahre ein Paar, seit wir uns mit 16 auf einer kirchlichen Jugendfreizeit kennengelernt haben. Kinder zu bekommen, das gehört eben dazu, so sah meine Frau das. Ich war gar nicht sicher, ob ich das überhaupt wollte. Erst kam unser Sohn Andreas auf die Welt, dann Nadine. Ich habe, wenn ich so darüber nachdenke, gar nicht so viele intensive Erinnerungen an die Kindheit meiner Kinder. Ich habe als Drucker bei einem Verlagshaus gearbeitet, oft nachts im Schichtdienst. Morgens kam ich früh nach Hause und musste erst mal schlafen.

In Nadines Kindheit hätte ich nie ahnen können, dass ich sie mal aus Druckräumen abholen würde.

Stefan

Manchmal sitze ich jetzt vor dem Karton mit den alten Familienfotos und schaue sie mir an. Das habe ich auch schon mit Nadine zusammen gemacht. Helgoland, Mallorca, Kinderdisco, ein Schulfest. Da kommen Erinnerungen hoch. Sie war so ein selbstbewusstes, fröhliches Kind, immer mittendrin, immer vornedran, wenn irgendwo etwas aufgeführt wurde. Einmal hat ihre Kindergartengruppe die Geschichte vom „Regenbogenfisch“ auf die Bühne gebracht, sie spielte die Hauptrolle. Das hat ihr einen Riesenspaß gemacht. Wir sind eine ganz bodenständige Familie. Meine Frau und ich sind in einer engen christlichen Gemeinschaft aufgewachsen. Das wollten wir für unsere Kinder aber nicht.

Es gab keinen Moment in Nadines Kindheit, in dem ich hätte ahnen können, dass ich sie eines Tages nicht mehr fröhlich und aufgedreht von Geburtstagsfeiern mit Luftballons abholen würde, sondern halb ohnmächtig aus Druckräumen am Frankfurter Hauptbahnhof. Aber so war es. Ich habe oft darüber nachgedacht, auch mit Therapeuten darüber gesprochen. Wir beide waren immer ein gutes Team. Einmal, da war Nadine älter, sind wir beide mal Hals über Kopf aus einem Nordseeurlaub abgereist. Ein Nachbar hatte angerufen, dass unsere Katze sich schwer verletzt hatte. Nadine und ich sind zusammen die Nacht durchgefahren. Wir liebten unsere Katze. Das war eines unserer vielen intensiven Vater-Tochter-Erlebnisse. Mit Nadine im Auto herumgefahren bin ich später auch noch oft. Ich habe sie zu Entgiftungen in Krankenhäusern und in Therapiezentren in hessischen Dörfern gefahren, aus dem Knast abgeholt oder nachts an irgendwelchen Straßenecken aufgesammelt.

Nadine ist heute 31 Jahre alt. Eigentlich ist es ein Wunder, dass sie noch am Leben ist. Sie lebt mit ihrem Freund Dennis ein paar Hundert Kilometer entfernt von uns in Nordhessen, ihre kleine Tochter Marie ist gerade ein Jahr alt geworden. Dennis hat auch eine Suchtvergangenheit, die beiden haben sich bei einer Therapie kennengelernt. Allerdings war es bei ihm kein Heroin, er war tablettenabhängig.

Gefangen sein und befreit werden.
Gefangen sein und befreit werden. © Judith Kohl

Meine Frau und ich haben vor vier Jahren Maries großen Bruder Leon bei uns aufgenommen, als Pflegekind. Nadine hatte es damals nicht geschafft, sich um das Baby zu kümmern. Leon steht im Zentrum unseres Lebens. Er ist ein Wirbelwind, und wir sind nicht mehr die Jüngsten. Nach großen anfänglichen Mühen klappt es gut mit dem Jugendamt, manchmal renne ich aber Fahrtkosten hinterher oder dergleichen. Gerade habe ich nach einem Zuschuss für Leons neues Kinderzimmer angefragt, erfolgreich. Solche Sachen kann ich gut inzwischen. Es ist erstaunlich, was man auf einmal für Fähigkeiten entwickelt! Eine echte Parallelwelt, in die man als Pflegeeltern eintritt, mit all den Formularen und Vorgaben und Anträgen und Widersprüchen. So wurden wir also irgendwie ein drittes Mal Eltern.

Leon ist Nadines zweites Kind. Das erste starb 2014 kurz vor der Geburt, das war ganz furchtbar. Nadine hat auf der Straße gelebt und war im Gefängnis, wie oft ich sie zu einer Entgiftung gefahren habe, kann ich nicht mehr zählen. Aber ich tat es immer wieder. Was sollte ich sonst tun?

Ich weiß noch, wie ich einmal durchs Bahnhofsviertel geirrt bin und Nadine gesucht habe. Irgendwann bin ich zur Polizei gegangen. Die meinten dann „Junkie? Ach, da machen Sie sich keine Sorgen, die passen aufeinander auf. Wenn einer zusammenbricht, sind die anderen da und rufen den Notarzt.“ Der Zusammenhalt von Junkies ist sehr stark. „Stärke“ nennen sie das in der Szene. Nadine hat viel darüber gesprochen. Einmal habe ich sie sogar während meines Spätdienstes aus einem Druckraum abgeholt und bei uns im Büro in die Teeküche gesetzt. Sie selbst hat keine Erinnerung mehr daran. Meinen Spätdienst habe ich natürlich ordnungsgemäß beendet, das ist doch selbstverständlich.

In der Schule hatte Nadine zunächst keine Probleme, sie war eine aufmerksame Schülerin, ich habe mich im Elternbeirat engagiert. Allerdings haben mich die Diskussionen dort auch in den Wahnsinn getrieben – stundenlang wurde erörtert, von welcher Marke das Mineralwasser für den Klassenraum gekauft werden sollte. Das ist nicht mein Ding, wirklich nicht. Für wichtige Dinge setze ich mich gerne ein, aber so was nervt mich. Nach der Grundschule besuchte Nadine eine Förderstufe, danach bekam sie die Empfehlung fürs Gymnasium. An die Zeit zwischen ihrem zwölften und dem 14. Lebensjahr kann ich mich nicht gut erinnern. Aber irgendwann fing es an, die Schule rief wegen eines demolierten Rollladens an. Dann gehörte Nadine zu einer Gruppe, die auf dem Schulhof Alkohol trank. Sie war immer sehr früh dran mit allem – und meist mit Älteren befreundet. In der zehnten Klasse kam sie zu mir und sagte: „Papa, ich schaffe das nicht.“ Sie beendete die Schule mit einer guten Mittleren Reife. Ich half ihr, einen Ausbildungsplatz als Mediengestalterin zu finden, ich arbeitete inzwischen selbst in dem Beruf. „Läuft doch gut“, dachte ich. Meiner Frau ging es gesundheitlich schlecht zu diesem Zeitpunkt. Mit meinem Sohn gab es auch ein paar Probleme, da hatte ich Nadine nicht immer im Blick. Dann passierte es. Ihr Chef rief an und fragte, wie es Nadine denn gehe. Ob sie krank sei. Sie sei nämlich seit sechs Monaten nicht mehr zur Arbeit erschienen. Ich fiel aus allen Wolken.

Heute weiß ich: Ich war extrem naiv. Ich habe mir natürlich Vorwürfe gemacht, welcher Vater hätte das nicht?

Stefan

Ich wusste, dass sie kifft. Aber was hätte ich tun sollen? Sie zog dann aus, nach Frankfurt zu einem Freund, wir sahen uns aber regelmäßig, die Wohnungen wechselten rasch, die Partner auch.

Es war im Frühling 2011, das weiß ich noch genau. Nadine sagte uns, dass sie reden wolle. Wir gingen gemeinsam in den Zoo, wie früher. 20 Jahre alt war sie da. „Papa, ich nehme Heroin“, sagte sie plötzlich, ohne Vorwarnung. Ich war schockiert, und es dauerte, bis der Ernst dieser Info zu mir durchdrang. Meine Tochter war also ein Junkie. So nenne ich es, weil die Menschen in der harten Drogenszene das selbst so sagen. Eigentlich ist es kein gutes Wort, es steckt „Abfall“ mit drin. Zunächst nahm ich es eher sachlich, so bin ich eben. Ich fragte technische Dinge: Ob sie das Heroin spritze oder rauche? Wo sie wohne? Ob sie im Methadon-Programm sei? „Papa, ich schaffe das“, sagte sie. Offenbar lebte sie gerade mit einem Freund in einer alten Fabrikhalle. Und, ganz ehrlich, ich dachte: „Okay, das kam jetzt unerwartet, aber es ist doch nichts, was man nicht wieder hinbekommen kann.“

FR7-Redakteurin Anne Lemhöfer
FR7-Redakteurin Anne Lemhöfer hat diese Vater-Tochter-Geschichte sehr berührt. Vor allem die Klarheit, mit der Stefan P. seine Entscheidungen begründet, beeindruckt sie. © Peter Jülich

Ich war vollkommen ahnungslos, mit Drogen war ich nie in Berührung gekommen, und bei uns auf dem Dorf gab es nur alle paar Jahre einen Drogentoten. Heute weiß ich: Ich war extrem naiv. Ich habe mir natürlich Vorwürfe gemacht, welcher Vater hätte das nicht? Warum hatten eigentlich immer wir die großen Probleme? Was hatte ich falsch gemacht? In anderen Familien schien es immer top zu laufen, die Kinder gingen zur Musikschule und engagierten sich bei der Feuerwehr, waren gut in der Schule und zogen irgendwann zum Studieren aus. Meine Frau und ich hatten schon immer einen großen Freundeskreis. Ich habe mich damals dann einigen Menschen anvertraut, viel geredet. Und plötzlich merkte ich: Die hatten ja auch Probleme, deren Kinder hatten Probleme, es lief viel weniger glatt, als ich gedacht hatte. Vieles der ach so heilen Welt war reine Fassade. Interessant! Mir hat das geholfen – auch wenn unsere Probleme anderer Art waren als das, was ich so hörte.

Im Juli 2014 passierte das Schrecklichste. Nadine war schwanger, und obwohl ich wusste, dass sie trotzdem Drogen nahm, hatte ich mich gefreut. Sie erwartete einen Jungen. Vielleicht würde jetzt doch alles gut werden. Wie oft ich diesen Satz schon gedacht hatte! Zwei Wochen vor dem Geburtstermin klingelte plötzlich mein Handy. Nadines Lebensgefährte war dran. „Stefan, es ist was ganz Schlimmes passiert“, sagte er. Der kleine Junge war in Nadines Bauch gestorben. Sie waren im Krankenhaus. Nadine schrie und weinte, ich weinte mit. Wir hatten viele verzweifelte Situationen, diese hier war schlimmer als alles zusammen. Nadine musste das tote Baby gebären, erlitt einen Nervenzusammenbruch, viel zu früh wurde sie entlassen. Es ging ihr zu Hause psychisch immer schlechter. Irgendwann hatte ich ein schlechtes Bauchgefühl und fuhr in den Nachbarort, um nach dem Rechten zu sehen. Keiner öffnete. Stöhnen drang aus der Wohnung. Ich bedrängte die Vermieterin, den Ersatzschlüssel rauszugeben. Nadine lag besinnungslos auf der Couch, öffnete kurz die Augen. „Papa was machst du hier?“, war das einzige was sie sagte, bevor sie komplett wegsackte. Der Notarzt kam – die Nachbarn gafften. Dann ging alles ganz schnell. Ein septischer Schock mit Multiorganversagen wurde diagnostiziert, offenbar die Folge der Geburt und von Fehlern in der Nachsorge. Eine Woche lang lag Nadine im Koma. Die Ärzte sagten, dass sie es wohl nicht packt, dass ich mich von meiner Tochter verabschieden sollte. Ich bin zusammengebrochen, saß ununterbrochen an ihrem Bett. Und dann wachte sie auf. So merkwürdig das klingt, aber es war wohl tatsächlich ihre Drogensucht, die sie damals rettete: Da ihr Körper an Substanzen jeglicher Art in großer Menge gewöhnt war, schlief sie nicht so tief wie andere Patienten. Und der Körper verlangte in der Bewusstlosigkeit nach Drogen.

Sichere Kindheit.
Sichere Kindheit. © Judith Kohl

Doch auch nach diesem Höllenritt wurde Nadine rückfällig. Wegen Schwarzfahrens und Diebstählen wurde sie immer wieder verhaftet.

Und sie wurde wieder schwanger. Ich traute mich nicht, mich zu freuen. Am 10. Oktober 2017 wurde Leon geboren. Das Jugendamt schaltete sich schon vor der Geburt ein. Es gab Gespräche und Besuche bei Nadine und ihrem Freund. Eine Woche nach seiner Geburt wurde Leon in Obhut genommen. Er kam in eine Bereitschaftspflege. Am 12. Dezember kam Leon zu Nadine zurück, die inzwischen entgiftet hatte und in einer Übergangseinrichtung in Gießen lebte, mit dem Ziel, im neuen Jahr eine Mutter-Kind-Therapie anzutreten. Dazu kam es nicht. Drei Tage nach Heiligabend haben meine Frau und ich Leon geholt. Nadine brach die Therapie ab. Sie war mit dem Neugeborenen völlig überfordert, das sagte sie selbst. Sie könne Leon nicht das geben, was er brauchte. Sie wurde rückfällig, entgiftete wieder, wurde nach elf Tagen wegen Drogenkonsums aus der neuen Einrichtung geworfen. Ich habe das alles mal in einer Art Tagebuch-Protokoll aufgeschrieben. Bei einem Besuch bei uns in der Wohnung nahm ihr damaliger Freund Vasili auf unserer Toilette eine Überdosis. Die Polizei kam, stellte fest, dass gegen Nadine ein Haftbefehl offen war, sie kam in die Justizvollzugsanstalt in Frankfurt-Preungesheim, wurde entlassen. Dann brach sie wieder eine Therapie ab. Entgiftete. Wurde wieder festgenommen.

Es wurde ein kurzfristiger Notfallplan besprochen mit Mitarbeiterinnen des Jugendamts. Wir wollten Leon unbedingt in Pflege nehmen. Das sahen wir als unsere Aufgabe an, schließlich sind wir Oma und Opa. Warum sollte Leon bei Fremden aufwachsen? Es wurde positiv angemerkt, dass es in unserer Wohnung keine hygienischen Mängel gebe und es auch nicht verqualmt ist – wir sind Nichtraucher. Auf meinen besorgten Einwand hin, ob unser Platz nicht zu begrenzt sei, hieß es: „Sie können da schon einen Ballsaal draus machen.“ Wir atmeten auf. Lediglich die fehlende Treppensicherung wurde moniert. Die Alternative zur kurzfristigen Familienpflege war eine Bereitschaftspflege im Kreis Aschaffenburg. Das wollte aber niemand, da Leon wahrscheinlich jetzt schon Bindungsprobleme habe und es keinen Sinn mache eine weitere fremde Person ins Spiel zu bringen. Leon zog zu uns.

Ich habe getan, was getan werden musste: meine Tochter begleitet und meinen Enkel zu mir genommen.

Stefan

Wenn ich in der Zeitung lese, dass mal wieder der „Frankfurter Weg“ gelobt wird, also das Konzept, offiziell Druckräume für Süchtige bereitzustellen und den Drogenkonsum dort von Sozialarbeiter:innen überwachen zu lassen, aber zu tolerieren, bin ich zwiegespalten. Es ist eine gute Idee, leider ist die Umsetzung alles andere als ideal gelungen. Es wird zu wenig Personal bezahlt, deshalb bleibt niemand lange, es ist einfach zu aufreibend. Es sind oft junge Sozialarbeiter:innen mit großen Idealen. Die Realität vertreibt sie schnell wieder. Für die Süchtigen wäre es aber wichtig, dauerhafte Bezugspersonen zu haben, die ihre Geschichten kennen und verfolgen, zu denen sie Vertrauen aufbauen können. Das passierte selten. Es war ein ziemlich trostloses Chaos zuweilen.

Wieso habe ich mich da so reingehängt? Ganz ehrlich: Weil ich nicht anders konnte. Ich bin kein gefühlsduseliger Mensch, der überströmt vor Emotionen. Aber Nadine ist mein Kind. Ich muss ihr beistehen. Ich bin ihr Vater. So ist das eben. Das ist ganz tief in mir drin, diese Überzeugung, dass ich bei ihr bleiben muss. Irgendwie in meiner DNA. Ich bin deshalb kein Held. Ich habe getan, was getan werden musste: meine Tochter begleitet, meinen Enkel zu mir genommen. Bei einem der vielen Besuche von Psychologinnen und Psychologen bei uns sollte ich unsere Familie mit Holzfiguren aufstellen. Ich stellte mich nah zu Nadine – und doch an den Rand, von Außen auf das Geschehen blickend. „Sie tragen keine Schuld“, sagen die Psycholog:innen. Ob das wirklich stimmt? Niemand kann das im Nachhinein sicher sagen.

Müsste ich meine aktuelle Gefühlslage beschreiben, dann würde ich sagen: vorsichtig optimistisch. Zu viele Sozialarbeiter:innen haben mir im Vertrauen gesagt: Sie müssen stark sein. Solche Geschichten gehen in den allerseltensten Fällen gut aus. Nun wohnt Nadine mit ihrer kleinen Tochter Marie, die 2021 geboren wurde, in der Nähe von Kassel, zusammen mit ihrem Lebensgefährten Dennis, der sich auch toll um das Kind kümmert. Im gleichen Stadtteil wohnen etliche Verwandte von Dennis: Seine Eltern, Geschwister, Nichten, Neffen. Marie wächst mit zahlreichen Cousinen und Cousins auf. Das ist so ideal, wie es eben ideal sein kann mit der Vorgeschichte. Es ist ein großer Familienverbund, und alle achten aufeinander. Ja, ich glaube, dass es gut gehen könnte. Diesmal.

Ich hoffe, es kommt nicht noch ein heftiger Windstoß, der sie von mir weg reißt. Eines Tages werde ich sie vielleicht nicht mehr festhalten können, wie damals auf Helgoland.“

Nadine „Ich war immer ein Papakind, von Anfang an. Ich kann mich zwar nicht mehr an unsere Reise nach Helgoland erinnern, da war ich einfach zu klein. Aber mein Papa hat mir oft davon erzählt, das ist eine richtige Familien-Anekdote bei uns: wie mich der Wind fast weggeweht hat. Wie er mich gerade noch festhalten konnte. So war es später dann ja oft, wenn man so will: Ich wurde weggeweht, geriet in Schwierigkeiten, mein Vater hat mich aufgefangen. Im Urlaub in Tunesien wurde ich auf einer Luftmatratze ins Meer getrieben, da war ich aber schon älter und kann mich gut an meine Panik erinnern. Quallen schwammen um meine Füße, es war furchtbar. Ich hielt mich an einer Boje fest, habe geschrien, in diesem Fall war es meine Mutter, die mich rettete. Langweilig wurde es mit mir offenbar nie.

Sich verbinden.
Sich verbinden. © Judith Kohl

Ich habe mich immer an meinem Papa orientiert, auch in der Schule und dann in meiner angefangenen Ausbildung als Mediengestalterin. Er ist ja auch Mediengestalter, da wollte ich ihm nacheifern. Gab es ein Problem, habe ich immer meinen Papa angerufen. Und ich hatte oft Probleme. Heute denke ich, was er da alles mitmachen musste mit seiner aufmüpfigen Tochter. Ich bin ja inzwischen selbst Mutter und bekomme schon beim Gedanken einen Nervenzusammenbruch, dass meine Kinder mal ähnliche Dinge tun wie ich früher. Oh weh, was habe ich meinem Papa angetan? Ich hoffe, dass ich ihm irgendwann mal etwas zurückgeben kann. Wahnsinn, ich bin nachts einfach abgehauen und aus dem Fenster geklettert – einmal hat mich mein Papa von einem Spielplatz abgeholt, auf dem sich die Kiffenden trafen. Er war entsetzt. Das hat mich aber nicht beeindruckt. Ich war einfach immer früh dran, mit 13,14 Jahren habe ich von Cannabis über Alkohol und Ecstasy so ungefähr alles mal ausprobiert. Meine Freunde waren älter, teilweise hatten sie schon Autos und fuhren damit nach Frankfurt. Die Schule hat mich da schon kaum noch interessiert.

Es war damals, um die 2010er Jahre herum, recht einfach, an Drogen zu kommen. Da war ich ungefähr 18,19,20 Jahre alt. Auch Methadon bekam man ganz easy. Das ist etwas, das ich schwierig finde. Ich glaube, im Zuge des „Frankfurter Wegs“ wird zu schnell zu viel Methadon verteilt. Ich war erst ganz neu dabei, hatte höchstens drei Monate lang Heroin gespritzt, mein Geld ging zur Neige. Da erfuhr ich: Methadon ist fast das Gleiche – und das ist umsonst. Ich bin dann sofort zu einem szenebekannten Arzt gegangen, der nicht viel gefragt hat. Ich wusste natürlich auch genau, was ich sagen musste, um Methadon zu bekommen. Ich wurde schnell hoch dosiert, das war falsch. Ich bekam eine Dosis, die eigentlich für langjährige Süchtige gedacht war. Vor der Arztpraxis trafen wir Süchtigen uns dann und warteten, bis das Methadon wirkte. Vom Heroin bin ich auf die Weise nicht weg gekommen. Es war eher noch suchtfördernd für mich.

Ja, mein Papa hat mich festgehalten. Es gibt keine Worte, mit denen ich meine Dankbarkeit ausdrücken kann.

Nadine

Es klingt seltsam, aber: Es war nicht alles schlecht in dieser Zeit. Ich habe am Frankfurter Hauptbahnhof in der Junkie-Szene eine enorme Stärke erlebt. Ja, Junkie ist das Wort, das bis heute in der Szene benutzt wird. Auch wenn ich voller Horror auf diese Zeit zurückblicke – natürlich gab es in all den Jahren auch schöne Momente. Ich erinnere mich an enge Freundschaften, daran, dass wir aufeinander aufgepasst haben. Es waren sehr gute, tiefe, lange Gespräche, die wir miteinander geführt haben, teils zugedröhnt natürlich, aber dann öffnen sich Menschen ja besonders. Wenn jemand richtig am Ende war, haben sich andere gekümmert, auch mal Wäsche für ihn gewaschen oder Essen besorgt.

Was ich auch sagen will: Süchtige sind nicht nur schwach, sie sind sehr, sehr stark. Das ist ein tagtäglicher Überlebenskampf am Hauptbahnhof, die wenigsten Leute können sich das vorstellen. Ich denke oft: Ey, wisst ihr eigentlich, was die Menschen dort leisten, die ihr auf den Stufen zur U-Bahn seht, und die ihr gar nicht sehen wollt mit ihren Spritzen? Sie leben oft auf der Straße, müssen sich Essen organisieren, teilen ihr Essen, erleben körperliche Extremzustände, werden von ihren Familien fallengelassen. Ja, das hörte ich damals von den meisten meiner Freundinnen und Freunde. Sie sagten: „Krass, du hast noch Kontakt zu deinem Vater?“ Und es war ja nicht nur ein loser Kontakt, er tauchte ja sogar immer wieder auf, um mich zu holen – ja, zu retten. Manche kannten ihn dann schon, er wurde begrüßt.

Ja, mein Papa hat mich festgehalten, wie damals im Sturm auf Helgoland. Es gibt keine Worte, mit denen ich meine Dankbarkeit ausdrücken kann. Ob ich selbst die Stärke haben würde, meine Kinder durch so etwas zu begleiten? Ich weiß es nicht. Ich hoffe es. Ich hoffe, ich muss es nie herausfinden.

Es tut mir heute leid, dass ich zu meinem Sohn Leon keine frühe Bindung aufbauen konnte. Ich war völlig überfordert. Außerdem dämpft das Methadon die Gefühle. Ich war ja auch noch irgendwie in Trauer um meinen ersten Sohn, der tot geboren wurde. Das war der schlimmste Moment meines Lebens. Ich habe mich an ihn geklammert und geschrien. Ich bin sehr dankbar für meine Tochter Marie. Dennis und ich dürfen sie zusammen in unserer eigenen Wohnung großziehen. Wir bekommen Hilfe und Beratung vom Jugendamt. Und von meinen Schwiegereltern und anderen Verwandten meines Freundes. Ich male mit Marie und gehe mit ihr ins Schwimmbad, an Ostern haben wir Eier gesucht. Es fühlt sich gut und richtig an. Natürlich vermisse ich Leon. Aber er hat es so gut bei meinem Papa und meiner Mama. Er ist da glücklich. Er soll dort bleiben. Ich spreche jeden Abend über Facetime mit ihm. Einmal im Monat besuche ich meine Eltern und Leon. Er weiß, wer ich bin – aber bislang stellt er gar nicht so viele Fragen. Er liebt Oma und Opa, hat seinen Kindergarten und viele Menschen, die Dinge mit ihm unternehmen. Er ist geborgen dort. So ist sein Leben, er kennt es nicht anders. Ich wollte damals, als ich das erste Mal schwanger war, erstmals wirklich mein Leben ändern. Ich bin dann aus Frankfurt weggezogen in die Nähe meiner Eltern mit meinem damaligen Freund. Ich dachte schon, dass es klappen kann. Bis mein erster Sohn starb.

Heute bin ich komplett clean und auch seit zwei Jahren aus dem Methadon- Programm draußen - das heißt, wirklich komplett clean.

Ich wünsche mir für die Zukunft nur eines: Dass es so weitergeht, wie es jetzt läuft. Dass wir alle gesund bleiben und als kleine Familie mit besonderer Geschichte unseren Weg gehen können. Ich könnte mir vorstellen, dass es gelingt. Aber ich habe Respekt vor meiner Vergangenheit. Wenn ich meine Eltern besuche, fahre ich mit dem Zug extra einen Umweg, um nicht über den Frankfurter Hauptbahnhof zu müssen. Ich möchte das Schicksal nicht auf die Probe stellen.

Aufgezeichnet von Anne Lemhöfer

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