"Meine Freunde bleiben alle hier": Kinder im Lager Dadaab.
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"Meine Freunde bleiben alle hier": Kinder im Lager Dadaab.

Die Heimkehrerin

Aufbruch ins Unsichere

  • Miriam Keilbach
    vonMiriam Keilbach
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Zeinab Sonkor geht nach Somalia zurück.

Es ist ein wichtiger Tag im Leben von Zeinab Sonkor: Nach 26 Jahren wird sie in ihre Heimat zurückkehren. Die nötigen Papiere hat sie vorbereitet. Mit ihrem Fingerabdruck bestätigt sie, dass sie Dadaab freiwillig gen Somalia verlassen will und dass sie das Ausreisegeld bekommen hat. 600 US-Dollar für sich und ihre beiden Töchter – das Startkapital für ein neues Leben. Die kenianische Regierung will Dadaab bis Mai räumen, eigentlich sollten die Camps schon im vergangenen Jahr – so wie schon ein paar Jahre zuvor – menschenleer sein. Aber Hunderttausende gehen nicht einfach. Auch nicht für Geld. Und vor allem nicht alle auf einmal.

Trotzdem: 2000 Menschen, berichtet Camp-Manager Jeremiah Nganga, verlassen derzeit wöchentlich Dadaab. Aktuell leben hier noch etwa 270.000 Flüchtlinge, das Lager Kambioos ist bereits geschlossen. An diesem Tag sind es 543 Einzelpersonen und 123 Familien, die Dadaab verlassen, hauptsächlich Frauen und Kinder.

Eine dieser Familien sind die Sonkors. Wenn der kenianische Staat ohnehin räumen wolle, sagt Zeinab Sonkor, nehme sie wenigstens noch das Geld mit, um sich in Somalia ein neues Leben aufzubauen. Außerdem reiche das Essen nicht mehr, seit die Lebensmittelrationen halbiert wurden. Ihre Hoffnung ruht auf dem neuen somalischen Regierungschef, Hassan Ali Khaire, der auch einen norwegischen Pass besitzt und zuvor für das Norwegian Refugee Council gearbeitet hat. Er lässt ein sicheres Somalia möglich erscheinen.

Zeinab Sonkor ist 55 Jahre alt und hat fast die Hälfte ihres Lebens in Dadaab verbracht, 1992 kam sie als eine der ersten ins Lager Ifo 1. Ihre beiden Töchter Sadir und Habjbe sind in Dadaab geboren. Sie kennen nichts anderes.

Mutter und Töchter wurden am Morgen um sechs Uhr mit Bussen in eine Art Zwischenlager gebracht, ein Gelände am Flughafen, der nur dreimal pro Woche von UN-Sondermaschinen angeflogen wird, abgegrenzt mit doppeltem Stacheldrahtzaun. Hier werden die letzten Formalitäten erledigt. Hier warten die Menschen stundenlang, die meisten dicht an dicht auf ein paar Bänken in dem einzigen Schatten spendenden Zelt. Schon am Morgen zeigt das Thermometer 38 Grad.

Geldwechsler stehen bereit, die US-Dollar in kenianische Schilling tauschen. Manche Abreisende müssen noch Schulden bei anderen Flüchtlingen begleichen, die hinter dem Zaun warten. Jemand verkauft warme Limonade, eine Mutter wäscht ihr Kind in einem Eimer Wasser, mitten im Gewusel. Die meisten Kinder toben, die Erwachsenen sitzen still, warten. Angespannt, ohne Vorfreude.

Die Sonkors mussten einige Stationen durchlaufen, um heute hier zu sein. Nur wer vorweisen kann, dass er sich umfassend informiert hat und eine Woche Bedenkzeit hatte, bekommt die Ausreise bezahlt. Es gibt Informationszentren des UNHCR in den einzelnen Lagern, es gibt Helfer und sogenannte Helpdesks. Das Norwegian Refugees Council klärt auf über Dürre, Krankheiten, die mangelnde Infrastruktur, das marode Schulsystem und die Sicherheitslage in Somalia. „In Zeiten von Social Media wissen die Flüchtlinge aber genau, worauf sie sich einlassen. Sie nehmen das Risiko aus Perspektivlosigkeit in Kauf“, sagt der Dadaab-Verantwortliche der UN, Jean Bosco Rushatsi. Zudem würden in den als sicher deklarierten Zonen Somalias aktuell viele Hilfsprogramme angeboten: „Die Mobilisation ist groß. Und wenn jemand die Entscheidung getroffen hat, kann man ihn auch nicht stoppen.“

Zeinab Sonkor wirkt ruhig, ihre Töchter blicken schüchtern. Bald wird ihr Bus nach Dhobley abfahren, jenen Grenzort, in dem sie 1992 ankamen. „Meine Geschwister leben dort, zunächst werden wir bei ihnen bleiben“, sagt Zeinab Sonkor. Sie freut sich, ihre Verwandten wiederzusehen, die ein paarmal zu Besuch in Dadaab waren. Sie wird auch viele Somalis treffen, die in entgegengesetzter Richtung unterwegs sind: Sie flüchten vor der Dürre, vor der Al-Shabaab-Miliz, vor der Unsicherheit. Tausende sind in Dhobley gestrandet, Hunderte erreichen wöchentlich Kenia. Zwei Welten. Für die einen ist Kenia die Hoffnung, für die anderen Somalia. Die einen können es nicht erwarten, Kenia zu verlassen, die anderen wollen schnell dorthin, nur weg aus Somalia. In Dhobley treffen diese Welten seit Jahren aufeinander. Das Flüchtlingshilfswerk UNHCR finanziert die Rückreise bis zur Grenze; da die Truckfahrer wissen, dass die Rückkehrer Ausreisegeld bekommen haben, steigen die Preise für den Weitertransport.

Zeinab Sonkor kam einst mit ihrem Ehemann nach Dadaab. Vor zehn Jahren ließen sie sich scheiden, er ging zurück. „Es war sehr schwierig, im Lager meine zwei Mädchen zu versorgen.“ Tochter Sadir, 23 Jahre alt, ist behindert – sie ist gehörlos und hat Schwierigkeiten beim Gehen. „Ich bräuchte einen Rollstuhl und medizinische Versorgung für meine Tochter, aber mir hilft keiner“, sagt die Mutter. Die Schulen in Dadaab sind nicht auf behinderte Kinder eingestellt, es gibt keinen Förderunterricht. Deshalb war Sadir immer daheim im Lehmhaus, sie hat keine Freunde. Die zehnjährige Habjbe hingegen lässt viel zurück. Ihr ganzes Leben, den Platz, an dem sie geboren ist, den einzigen Ort, den sie kennt. „Ich weiß nicht, was kommt“, sagt sie und klammert sich an den Rock ihrer Mutter. In Dadaab hat sie die dritte Klasse besucht. „Meine Freunde bleiben alle hier.“

Zeinab Sonkor hat dennoch Hoffnung. Sie will weiterreisen, nach Afmadow, eine Stadt im Süden Somalias. Dort möchte sie ein Geschäft für Mädchenkleidung eröffnen. „Ob das klappt, liegt bei Allah.“

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