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Anthony Haden-Guest lebt seit den 70er Jahren in New York und schrieb bis in die 80er Jahre für den ?New Yorker? und das ?New York Magazine? über das Nachtleben der Stadt. Er veröffentlichte ?The Last Party? ? ein Buch über die 33 Monate, in denen das legendäre Studio 54 das Zentrum des gesellschaftlichen Lebens von New York war. Zuletzt verfasste der 81-Jährige ein Buch über die New Yorker Kunstwelt mit dem Titel ?True Colors?.

Interview

"Auf einmal tanzt Sylvester Stallone neben dir"

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Glorreiche Zeiten für Nachtschwärmer: Journalist Anthony Haden-Guest über wilde Partys, Sex und Promis im legendären Studio 54 der Siebzigerjahre in New York

Das Studio 54 war einer der berühmtesten Nachtclubs der Welt. Mittendrin: Anthony Haden-Guest, britischer Journalist und Spross einer aristokratischen Diplomatenfamilie. Bis heute ist er in der New Yorker Gesellschafts- und Partyszene zu Hause und gilt als Vorbild für eine Romanfigur von Tom Wolfe. Im Interview erzählt er von den großen Zeiten der Clubs im Big Apple.

Mr. Haden-Guest, wann waren Sie zum letztem Mal in einem Nachtclub in New York?
Das ist gar nicht so lange her, ein paar Wochen vielleicht, im Le Bain. Aber ich gehe nicht mehr so oft. Ich bin immerhin 81 Jahre alt.

Sie waren in den 70er und 80er Jahren ein Fixum im New Yorker Nachtleben und haben über die berühmten Clubs wie das Studio 54, das Area und das Palladium geschrieben. Gibt es heute noch etwas Vergleichbares wie diese Clubs?
Nein, ganz bestimmt nicht. Wenn man heute nach einer ähnlichen Energie sucht, dann muss man in die Kunstwelt gehen, da gibt es noch dieses Gefühl von Exzess und Dekadenz. Die Clubs sind eher langweilig geworden. Es geht heute nur noch um Geld, da sind die ganzen reichen Arschlöcher der Stadt unter sich.

Wann haben Sie zuerst von Studio 54 gehört?
Das war Zufall. Ich habe sehr früh Steve Rubell, den Mitbegründer, kennengelernt. Wir haben uns in der Clubszene in der Zeit vor Studio 54 getroffen. Die war allerdings ziemlich langweilig. Es gab da einen Club namens Le Club, der war ganz interessant, da hat man immer JFK Junior und seine Freunde getroffen. Aber das war in der Hauptsache für reiche Kids von der Upper East Side. Die Upper Class war unter sich.

Das war nicht das, was Sie in New York gesucht haben?
Nein, überhaupt nicht. Das hatte ich in London, das man aus seinen Kreisen nicht herauskommt. Ich fand ja an New York gerade spannend, dass es offener war und dass man nicht nach 45 Sekunden eingeordnet wird.

Und Studio 54 hat für Sie dieses Bedürfnis befriedigt.
Es war das Genie von Rubell, dass er alle Leute von New York zusammengebracht hat. Er wollte Arbeiterkids aus Brooklyn, er wollte Eurotrash wie uns, er wollte reiche Frat Boys, er wollte die schwarzen Kids aus der Bronx. Leute aller Altersgruppen und aller verschiedener Hintergründe hatten plötzlich eine unstillbare Neugier füreinander.

Sie nennen sich Eurotrash?
Das war so eine Bezeichnung damals, das war ja eine ganze Szene von wohlhabenden Europäern, die nach New York kamen, um dort Party zu machen. Ich habe einmal einen langen Artikel über reiche europäische Kids auf der Lower East Side geschrieben, die alle heroinabhängig waren.

Studio 54 hat über Nacht die ganze Szene verändert.
Nicht sofort. Es war nicht über Nacht dieses alles verschlingende Phänomen, zu dem es später wurde. Man ist noch immer normal zum Dinner gegangen und hat dann später vielleicht kurz im Studio 54 vorbei geschaut. Es hat ein paar Monate gedauert, bis man überall auf der Straße Leute mit Glitter auf ihren Schultern gesehen hat, die die ganze Nacht im Studio waren.

Aber es sind doch schon zur Eröffnungsnacht Tausende ins Studio 54 gekommen.
Am Anfang war es total leer, um 21 Uhr war kein Mensch im Studio. Witzigerweise war Donald Trump einer der ersten Gäste, er war viel zu früh, weil er nichts verpassen wollte. Doch um Mitternacht war die 54th Street dann so voll, dass sie die Straße sperren mussten. Ich erinnere mich daran, dass Frank Sinatra in seiner Limousine festsaß und nicht durchkam, Warren Beatty, Kate Jackson und Henry Winkler sind auch nicht durchgekommen. Und weil keiner mehr reinkam, brach die Party auf der Straße aus. Ein Arzt hat Quaaludes verteilt und auf einmal fing eine Sex-Orgie an, die Männer holten alle ihre Schwänze raus und die Frauen zogen ihre Oberteile aus.

Die Art von Sex- und Drogenexzessen, für die das Studio 54 später berüchtigt war.
Ja, natürlich ging es um Drogen und Sex. Aber das war nicht das Wichtige am Studio 54. Es war eine ganz bestimmte Energie, die einen magisch da hineinzog. Man musste einfach hingehen. Studio 54 war für die Disco-Ära ein wenig das, was für die Hippie-Ära die Haight-Ashbury in San Francisco war – ein bestimmter Ort, in dem abstrakte Energien zu einem bestimmten historischen Moment zusammenfließen.

Können Sie das genauer beschreiben?
Ich glaube, es hatte viel damit zu tun, dass Vietnam und Watergate gerade vorbei waren. Die jungen Menschen hatten jahrelang demonstriert, waren zu Sit-ins gegangen und waren sehr ernst. Und dann war alles vorbei und man dachte, jetzt ist es Zeit, einfach Spaß zu haben. Es war so, als ob die ganze Kraft der 60er Jahre nach New York gewandert und dann im Studio 54 wieder aufgetaucht ist.

Sie erzählen, dass es damals eine ganze Szene in New York gab, die sie „Nightland“ nennen, eine lose Clique, die gemeinsam durch die Nächte zog und deren Leben ein nie endende Party war.
Ein wenig war das so, aber ich hatte natürlich auch immer noch einen Job als Journalist. Es war nicht so, dass man jede Nacht bis um fünf im Studio 54 war, vielleicht drei oder vier Mal pro Woche. Aber es passierten eigenartige Dinge in dieser Clique.

Was zum Beispiel?
Man begann andere Namen und andere Identitäten anzunehmen. Es war so, als ob man eine zivile Identität hatte und eine Studio-54-Identität. Sehen Sie, das Studio 54 war ja in einem alten Theater. Wenn man über die Schwelle trat, dann konnte man sein, wer oder was man wollte.

Können Sie das näher beschreiben?
Es gab diesen Typen, der sich Rollarena nannte. Der war tagsüber ein hartgesottener Wall-Street-Banker. Nachts verwandelte er sich in eine Fee auf Rollschuhen und rollerte in seinem Tutu über die Tanzfläche im Studio 54. Das Studio 54 war voll von solchen Typen.

Welche Rolle spielten Sie?
Ich war einfach nur stiller Beobachter. Ich habe in der Ecke gesessen und einfach nur alles in mich aufgesogen. Es war das Tolle an Studio 54, man musste da gar nichts tun, der Club hat nur gegeben und nichts genommen. Ich kann mich daran erinnern, dass wir mit unserer Gruppe an einem Tisch saßen, stundenlang und irgendwann sagte jemand: „Das wird doch ganz sicher niemals aufhören. Das ist zu wundervoll, um jemals zu enden.“

Das war aber leider nicht so. Warum ist die große Ära der Clubs in New York zu Ende gegangen?
Da gibt es viele Gründe. Die Aids Krise in den 90er Jahren hat sicher eine große Rolle gespielt, da setzte ein großer Kater ein. Und dann hat sich die Stadt auch dramatisch verändert. Es war niemals mehr so frei, wie damals. Es gab nicht mehr diese Vermischung von allen Szenen, wie im Studio 54, die Kunstszene und die Promis, die Kreativen von Downtown und die Wall-Street-Typen, die Arbeiterkids aus Brooklyn und Leute wie wir.

Die Promis waren ein wichtiger Teil von Studio 54.
Ja, ich glaube Studio 54 war in gewissem Sinn der Beginn unserer heutigen Promi- und Paparazzi-Kultur.

Inwiefern?
Wenn man heute die Klatsch-Magazine liest, hat man das Gefühl, dass das Leben der Promis auf dem Mars stattfindet. Damals waren die Prominenten zumindest in New York noch viel mehr Teil des Alltags. Ich meine, Elizabeth Taylor konnte noch in New York einkaufen gehen, ohne dass es einen Massenauflauf gab. Michael Jackson und Mick Jagger und Andy Warhol kamen ständig ins Studio 54.

Und die Paparazzi standen vor der Tür?
Es gab eine klare Hierarchie. Es gab einige, die wurden im Club geduldet. Und dann gab es eine ganz erlesene Handvoll, die durften in den VIP Room.

Den legendären VIP Room, von dem Grace Jones einmal sagte, er sei ein Ort der „Geheimnisse und Sekrete, der In-Crowd und der Inhalationen, des Blasens und Schnupfens“ gewesen?
Ja, die Hausfotografen durften mit Zustimmung der Subjekte schießen, die Fotostars wie Ron Galella oder Anton Perich. Sie bildeten eine Symbiose mit den Promis, es war ein Zusammentreffen von Voyeurismus und Exhibitionismus. Aber in der iPhone-Ära gäbe es das nicht mehr.

Es kam aber damals auch zu Spannungen.
Ja, zum Beispiel den berühmten Vorfall, als Marlon Brando Ron Galella verprügelt hat. Das nächste Mal kam Galella dann mit einem Football Helm. Oder als Elaine Kaufman eine Mülltonne nach Galella geschmissen hat. Aber im Großen und Ganzen konnte die Prominenz ziemlich ungestört feiern im Studio 54. Es war ein Teil des Reizes. Da tanzte auf einmal Sylvester Stallone neben Dir und Du musstest Dich zwicken. Das hat den Promis genauso gut gefallen, wie den anderen Besuchern. Die heutige sogenannte Society in New York kennt hingegen nur noch sich selbst.

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