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30 Jahre Mauerfall am 9. November 1989.

Herbst 1989

War es „die Wende“?

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Ein Systemwechsel? Oder waren die Ereignisse im Herbst 1989 gar eine Friedliche Revolution?

Am Anfang steht ein Eingeständnis: Nicht wenige, auch ich, zweifeln hin und wieder daran, ob die Bezeichnung „Friedliche Revolution“ für das, was sich 1989/90 in der DDR ereignet hat, tatsächlich zutrifft. Im politischen Sprachgebrauch wurde das Wort „Revolution“ erstmals 1688 in England in der Verbindung „glorious revolution“ zur Bezeichnung der Wiederherstellung früherer politischer Verhältnisse verwendet – damals im Sinne eines „Zurückdrehens“.

Insofern könnte das Wort von der Revolution für die Wiederauferstehung der (ost-)deutschen Länder und die Neu-Vereinigung von Ost- und Westdeutschland im Jahr 1990 durchaus Sinn ergeben, wenn sich viele Anwender dieses Begriffes nicht gegen eine solche Deutung wehren würden. Sie beziehen die „Friedliche Revolution“ allein auf die 89er-Ereignisse des Umsturzes in der DDR. An dieser Stelle sei eine Politikerin zitiert, auf die man in diesem Zusammenhang nur schwer kommt. In einem Interview mit dem – vorrangig von Ostdeutschen gelesenen – Magazin Superillu sagte Frauke Petry kürzlich: „1989 war am Ende keine wirkliche Revolution, sondern ein friedlicher Systemwechsel.“ Der Begriff von der Friedlichen Revolution wird auf dem Gebiet der früheren DDR heute vor allem von in die Geschichtsaufarbeitung involvierten Kreisen und bei politischen Gedenkveranstaltungen verwendet. Der sogenannte Volksmund verwendet ihn nicht.

Die meisten Ostdeutschen teilen ihr Leben in die Perioden „vor der Wende“ und „nach der Wende“. Noch knapper ist von ihnen oft der Ausdruck, etwas geschah „zu Ostzeiten“ oder „zu DDR-Zeiten“ zu hören, Begriffe, die eine Himmelsrichtung beziehungsweise ein politisches System mit einem zeitlichen und historischen Bruch verbinden. Das Wort „Wende“ wiederum benutzte im Oktober 1989 zuerst Egon Krenz, nachdem er gemeinsam mit anderen Funktionären den greisen SED- und Staatschef Erich Honecker aus dessen Ämtern verdrängt hatte. Krenz meinte „Wende“ als Umdrehen oder Zurückwälzen der Verhältnisse in einem eher restaurativen Interesse. Er wollte der SED zur Rehabilitation verhelfen und so ihre Macht erhalten. Beim Amtsantritt von Krenz war jedoch eine Wiederherstellung früherer politischer Verhältnisse bereits unmöglich geworden – er regierte nur wenige Wochen.

Spätestens mit der französischen Revolution von 1789 (Liberté, Egalité, Fraternité) erfuhr der Revolutionsbegriff tatsächlich eine grundlegende Veränderung. Inzwischen erfreut er sich vielfältiger Anwendung: Die industrielle Revolution, die digitale Revolution, die Kulturrevolution (der „Große Sprung“ 1966-1976 in China), die sexuelle Revolution. Lange davor gab es die Märzrevolution von 1848, die russische Februarrevolution von 1917, die permanente Revolution Leo Trotzkis, die Oktoberrevolution, die deutsche Novemberrevolution, die konservative Revolution in der Weimarer Republik. Später dann die Nelkenrevolution 1974 in Portugal, die islamische Revolution 1979 im Iran, die samtene Revolution in der Tschechoslowakei, die singende Revolution in Estland, die orangene Revolution in der Ukraine, die arabische Revolution und zuletzt die „konservative Revolution“ von Alexander Dobrindt.

Politisch meint Revolution heute eine „von unten“ ausgehende radikale Umwälzung der Verhältnisse – oft unter Einsatz von Gewalt, seltener friedlich, aber immer mit dem Ziel der Etablierung neuer politischer Strukturen und Eliten. Und weil die Eliten wie auch die politischen Strukturen im wiedervereinigten Deutschland so neu gar nicht waren, lassen sich Ereignisse von 1989/90 in den fünf neuen Ländern und Berlin auch nur mit Bauchschmerzen als Friedliche Revolution bezeichnen.

Die Bundeszentrale für politische Bildung nennt Walter Momper, den früheren Westberliner Bürgermeister, als jene Person, die zum ersten Mal den Revolutions-Begriff für die Beschreibung der Entwicklungen in der DDR einführte: In einer Rede vor dem Schöneberger Rathaus beglückwünschte er am 10. November 1989, am Abend nach dem Mauerfall, „die Bürgerinnen und Bürger der DDR zu ihrer friedlichen und demokratischen Revolution“.

Jedoch nicht alle benutzten und benutzen diesen Begriff. Bärbel Bohley, von den Medien des Westens (und gelegentlich auch des Ostens) „Mutter der Revolution“ genannt, lehnte den Revolutionsbegriff für die Veränderungen in der DDR grundsätzlich ab.

Interessant sind wiederum die Versuche einiger Akteure, neue und andere Begriffe für die damaligen Bestrebungen zur Reformierung und Erneuerung der Gesellschaft zu kreieren. So erfand der britische Historiker Timothy Garton Ash das Wort „Refolutionen“, um damit die in Osteuropa auftretenden Mischungen zwischen Reformen und Revolutionen zu beschreiben. Und als ich kürzlich einen polnischen Intellektuellen danach fragte, warum der Begriff der Revolution bei unseren östlichen Nachbarn nicht verwendet wird, sagte dieser nur, es habe 1989/90 in Polen keine Revolution gegeben. Der Umbruch in Polen sei das Ergebnis einer Jahrzehnte dauernden Evolution, die schließlich den Runden Tisch hervorbrachte, an dem die Kommunisten zum ersten Mal Macht abgaben.

Auch der bekannte polnische Oppositionelle Adam Michnik besteht darauf, dass der Aufbau einer eigenen Zivilgesellschaft, die Schaffung eigener Freiheitsbereiche jenseits der staatlichen Institutionen, der Aufbau eines eigenen Internationalismus „von unten“ die Grundlagen für einen friedlichen Systemwechsel im Ostblock schufen.

Seit Ende der 70er Jahre knüpften die DDR-Bürgerrechtler – die sich damals so noch nicht nannten – daran an. Sie vernetzten und solidarisierten sich im eigenen Land und über die Länder- und Blockgrenzen hinweg nach Ost und West. Sie fanden zu einem selbstbestimmten Denken jenseits der offiziellen Phrasen und der staatlichen Entmündigung. Sie eroberten sich eine neue politische Sprache und alternative Vorstellungen von einer anderen Politik. Sie schufen sich eigene Welten in der Dichtung, der Malerei, der Musik, des Theaters. Wer sich derart viele Freiheiten nahm, wie sollte der sich auf Dauer weiter in der Unfreiheit einrichten können?

Auch in der DDR stand spätestens ab Mitte der 80er Jahre der Wandel vor der Tür. Dass er 1989 dann tatsächlich kam, ist in hohem Maße nicht nur den Aufmüpfigen in Ostdeutschland, sondern vor allem auch dem langjährigen Engagement der polnischen und tschechoslowakischen Oppositionellen zu verdanken. Wenn jemand wie Alexander Dobrindt eine „konservative Revolution“ fordert und seine Partei als „ihre Stimme“ positioniert, dann sieht man daran vor allem eines: Dass vieles von dem, was in den vergangenen Jahrzehnten in Ost und West begonnen und bis heute erreicht wurde, diejenigen mächtig stört, die von einem Zurückdrehen der gegenwärtigen Verhältnisse träumen. – Schon allein deshalb ist das meiste davon unbedingt zu verteidigen. Und fortzusetzen.

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