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Schreib-Maschinen

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Von: Stephan Hebel

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© Getty Images

Computerpogramme verfassen Nachrichten und bald auch Radiobeiträge ? was hat das mit Journalismus zu tun?

Das könnte auch ein Mensch geschrieben haben: „Mit 85:108 haben die Dallas Mavericks gegen die Golden State Warriors verloren. Die Warriors … knüpfen damit an die guten Platzierungen vom Saisonbeginn an. Nach den Siegen gegen Phoenix und Atlanta ist dies für die Warriors der dritte Sieg in Folge.“

Wie gesagt, diesen Text hätte auch ein Mensch schreiben können. Hat aber nicht. Die Meldung stammt von einer Maschine, und Experten versichern: Die Wortwiederholung („Nach den Siegen…der dritte Sieg“) werden die Programmierer dem Algorithmus auch noch austreiben. Längst arbeiten sie mit Synonymen, die nach dem Zufallsprinzip eingefügt werden.

Für das automatische Erstellen journalistischer Texte hat sich das Wort „Roboterjournalismus“ eingebürgert, aber mit humanoid anmutenden Maschinen hat diese Form der Automatisierung nichts zu tun. Zwar gibt es auch in Medien Experimente mit „echten“ Robotern. So funktionierte der Rundfunk Berlin-Brandenburg im vergangenen Jahr den Industrieroboter „Workerbot“ (siehe „Steckbrief“) vorübergehend zur Moderatorin „Yolandi“ um. Aber mit der realen Digitalisierung des professionellen Journalismus hat das wenig zu tun.

Diese Entwicklung vollzieht sich vielmehr für die meisten Mediennutzer unsichtbar. Sie steckt in Programmen, die vor allem eine Fähigkeit beherrschen: Datenmaterial in Texte zu verwandeln, so wie bei dem oben zitierten Beispiel aus dem Basketball. „Natürlichsprachlich“, nennen das die Experten, die unter „natürlich“ offenbar etwas ganz anderes verstehen als der Normalverbraucher.

Rein technisch handelt es sich um die gleichen Vorgänge wie bei den viel diskutierten „Social Bots“. Nur dass die Verwendung der Programme durch professionelle Medienmacher gerade nicht der Manipulation dienen soll, sondern der schnellen und zuverlässigen Information – so sehen es zumindest die Verfechter der Technologie.

Bei der „1:0-Berichterstattung“ im Sport oder bei Aktienkursen mag das zunächst einleuchtend klingen, und gegen die automatisierte Weitergabe von Wetterdaten wird niemand etwas haben. Hier scheint es ja lediglich um die schnelle, möglichst fehlerfreie und „objektive“ Aufbereitung von Daten zu gehen. Jim Kennedy, der Vizepräsident der US-Nachrichtenagentur AP, verkauft die Vorteile so: Seine Sportkollegin könne nach dem Spiel ihr Tablet nehmen und in der Kabine ein Interview aufzeichnen, statt acht Versionen ihrer Nachricht für die unterschiedlichen Verbreitungskanäle zu verfassen.

AP verwendet die neuen Programme schon länger in der Börsen-Berichterstattung, und man arbeitet dort jetzt sogar an Algorithmen, die aus den Daten auch Audio-Beiträge basteln. „Die Tools sollen unsere Arbeit lediglich effektiver und effizienter machen, jedoch keine Journalisten ersetzen“, sagt auch der Digitalchef der „Washington Post“, Shailesh Prakash.

Man könnte es, wahrscheinlich realistischer, auch so ausdrücken: Die „Roboter“ werden irgendwann menschliche Nachrichtenmacher ersetzen, die in Zeiten des beschleunigten Informationsflusses ohnehin            schon wie Roboter arbeiten müssen. So weit okay. Aber ob auch Medien, die ökonomisch unter Druck stehen, der Versuchung widerstehen werden, die neue Technik zum Jobabbau zu nutzen? Das steht in den Sternen.

Vor allem aber: Ist es wirklich so, dass Journalismus sich – jedenfalls bei Börsen- oder Wetterdaten – als reiner Durchlauferhitzer betätigen sollte: Vorne kommen die kalten Fakten rein und hinten ein paar warme Worte raus? Warum tut die Branche oft so, als gebe sie vollkommen wertfrei objektive Fakten wieder, egal, ob die Texte nun von Menschen geschrieben werden oder von Maschinen?

Einfühlungsvermögen hat die Software nicht

Wer gelegentlich Börsennachrichten hört, kann sich ein Bild davon machen, dass dieser Begriff von „Objektivität“ eine Fiktion darstellt: Der eine Berichterstatter wird es für besonders objektiv halten, den steigenden Aktienkurs eines Unternehmens, das ein Sparprogramm angekündigt hat, einfach nur zu erwähnen. Seine Kollegin aber wird die Nachricht erst als vollständig ansehen, wenn sie hinzufügt, wie viele Jobs die Sanierung kostet und was die Gewerkschaft dazu sagt.

AP-Vize Kennedy beschreibt die Problematik ungewollt selbst, wenn er über die acht Versionen eines Spielberichts spricht. Denn acht Textversionen bedeuten mindestens acht mögliche, unterschiedliche Sichtweisen auf das Thema, zumindest in Details. Soll die Lösung also darin bestehen, die Algorithmen der Börsenberichterstattung so zu programmieren, dass sie einen arbeitgebernahen Text ausspucken und einen arbeitnehmernahen? Anders gefragt: Wirft die Digitalisierung nicht die Frage nach einem Objektivitätsbegriff auf, der sich so nie und nimmer einlösen lässt, weder von Menschen noch von Maschinen?

Das alles bedeutet nicht, die erstaunlichen Fortschritte in der digitalen Textproduktion zu verteufeln. Es könnte aber bedeuten, sich um einen selbstbewussten und realistischen Zukunftsentwurf zu bemühen: Als Werkzeuge, die einen bewussten Umgang mit Fakten unterstützen, sind die neuen Algorithmen herzlich willkommen. Als Ersatz für einen Journalismus, der die eigene Perspektive nicht verleugnet, sondern für Leser und Nutzer transparent macht, taugen sie nicht.

„Generell kann die Maschine nur so viel leisten, wie man ihr beigebracht hat“, sagte jüngst der Hamburger Journalistik-Professor Thomas Hestermann dem Fachdienst „Meedia“. Was man ihr aber sicher nie beibringen wird, beschreibt die Firma „Textomatic“, die selbst einschlägige Programme herstellt, ehrlicherweise so: „Was die Software nicht kann: mit menschlichem Einfühlungsvermögen Interviews führen, mit Gespür für Situationen Reportagen verfassen oder bei der Rede eines Politikers feststellen, dass das, was nicht gesagt wurde, das Interessante ist. Aber genau das ist Journalismus!“

Noch prägnanter hat es der große britische Zeitdiagnostiker Timothy Garton Ash kürzlich ausgedrückt: „Journalismus ist der Versuch, die Wahrheit zu sagen.“ Das ist etwas anderes, als Zahlen aus einer Datenbank zu ziehen und in schöne Sätze zu packen.

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