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Die Taten des 9. November 1938 ebneten den Weg zum industriellen Völkermord.

9. November

Licht und Schatten

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Der 9. November ist kein Schicksalstag, sondern eine Mahnung, Geschichte immer wieder neu zu schreiben.

„Wer hat uns verraten? Die Sozialdemokraten.“ – Dieser vielzitierte Satz war auf einem Plakat bei einer Demonstration in Erfurt am 9. November zu lesen. Das Foto von diesem Plakat stammt allerdings nicht aus dem Jahr 1918, sondern wurde 2014 aufgenommen. Als in Thüringen Bodo Ramelow zum Ministerpräsidenten gewählt werden sollte, rief ein damaliges CDU-Mitglied privat zu einem „Lichtermeer gegen Rot-Rot-Grün“ auf. Den Veranstaltern entglitt der Protest. Mit 600 Teilnehmenden hatten sie gerechnet, 4000 kamen – unter ihnen auch Neonazis, die statt Kerzen Fackeln trugen. Der Protest, der sich auf den Mauerfall und die Entmachtung der SED 25 Jahre zuvor beziehen sollte, erinnerte nun auch an die Reichspogromnacht 76 Jahre zuvor. Die Ambivalenz des „deutschesten“ aller Kalendertage wurde 2014 in Erfurt deutlich.

In offiziellen Reden wird der 9. November häufig als Tag des Lichts und des Schattens bezeichnet. Des Lichts, weil der Mauerfall 1989 und die Ausrufung der Republik 1918 als friedliche Revolutionen in die deutsche Geschichte eingingen. Des Schattens, weil die Novemberpogrome 1938 einen vorläufigen Höhepunkt des staatlichen Antisemitismus bildeten, der nur wenige Jahre später mit der von den nationalsozialistischen Deutschen begangenen Shoah unvorstellbare Ausmaße annehmen sollte. Der 9. November vereint in sich zugleich Freiheit und Unfreiheit, kollektive Freude und unermessliches Leid.

Diese drei Jahrestage 1918, 1938 und 1989 sind im kollektiven Gedächtnis in Deutschland am stärksten mit dem Datum des 9. November verbunden, weil sie auch emotional am stärksten besetzt sind. Was an diesen Tagen geschah, wirkt bis in unsere Gegenwart hinein. Die Erinnerung an die Revolutionen macht deutlich, wie die Demokratie, in der wir heute leben, erkämpft wurde. Die Novemberpogrome erinnern daran, zu welchen Taten Deutsche fähig waren – und welche Ausmaße Antisemitismus annehmen kann.

Doch diese Daten sind nicht die einzigen, die in die deutsche Erinnerungskultur eingegangen sind. Auch andere Jahreszahlen sind in der deutschen Geschichte mit dem 9. November verknüpft: 1848 wurde in Wien das Mitglied der Frankfurter Nationalversammlung, Robert Blum, erschossen. 1923 scheiterte an diesem Tag der Hitler-Ludendorff-Putsch, 16 Jahre später scheiterte am 8. November 1939 der Versuch Georg Elsers, Hitler zu töten. 1969 scheiterte ein Bombenattentat der linksterroristischen „Tupamaros West-Berlin“ auf das Jüdische Gemeindehaus in Berlin aufgrund einer defekten Zündkapsel. Fünf Jahre später starb das RAF-Mitglied Holger Meins an diesem Tag an den Folgen eines Hungerstreiks in der Justizvollzugsanstalt Wittlich.

Manche dieser 9. November haben direkte Bezüge zueinander: Georg Elsers Sprengsatz explodierte während des Gedenkens an den Hitler-Ludendorff-Putsch im Bürgerbräukeller, auch das Datum des Anschlags der Tupamaros West-Berlin war mit dem 31. Jahrestag der Reichspogromnacht bewusst gewählt worden. Andere 9. November fallen zufällig auf das gleiche Datum. Hitlers Plan, die Regierung in Berlin zu stürzen, war nicht bewusst auf den Tag der Ausrufung der Republik fünf Jahre zuvor gelegt worden. Der Putsch fand statt, weil Hitler meinte, während einer „Vaterländischen Kundgebung“ des bayerischen Generalstaatskommissars Gustav von Kahr eine günstige Gelegenheit zum Umsturz nutzen zu können.

Als der von Herschel Grynszpan angeschossene Ernst vom Rath in den Nachmittagsstunden des 9. November 1938 an seinen Verletzungen starb, nutzte die NS-Führung seinen Tod, um die Gewalttaten der Novemberpogrome in Gang zu setzen. In Kassel war es schon Tage zuvor zu Pogromen gegen jüdische Einrichtungen gekommen.

Das zeigt, wie konstruiert die Erzählung des 9. Novembers ist. Erst in der Rückschau scheinen vermeintliche Verbindungen auf, die bei genauerer Betrachtung manchmal gar keine sind. Der 9. November ist zuvorderst nur ein Datum, an dem Entwicklungen in der Geschichte ihren Anfang oder ihr Ende nahmen. An ihnen allein kann man nicht erzählen, welche gesellschaftlichen Entwicklungen zu ihnen führten oder von ihnen ihren Ausgang nahmen. Den Novemberpogromen ging die sukzessive Entrechtung und Ausgrenzung der deutschen Jüdinnen und Juden voraus, die Taten des 9. November 1938 ebneten den Weg zum industriellen Völkermord.

Der Mauerfall war das Ergebnis von Entwicklungen in der DDR, die zum Teil bereits zu Beginn der 1980er Jahre einsetzten. Ohne die oppositionellen Gruppen, ohne Glasnost und Perestroika, ohne die Ausreisewelle im Sommer 1989 hätte Günter Schabowski die Möglichkeit der „ständigen Ausreise nach dem Ausland“ bei der Pressekonferenz am Abend des 9. November 1989 nicht verkündet.

Der 9. November ist deswegen kein „Schicksalstag“, als der er so oft bezeichnet wird. All diesen Tagen gemeinsam ist, dass den Ereignissen, die mit ihnen verbunden werden, menschliches Handeln zugrunde liegt. Sie sind kein Schicksal, das über die „Deutschen“ hereingebrochen ist. Vielmehr haben sie sich aktiv an diesen Ereignissen beteiligt – oder sich passiv zu ihnen verhalten.

Aus der kollektiven Erinnerung an diese Ereignisse formt sich Identität. Der 9. November steht in einer Reihe mit anderen Gedenktagen wie dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar, dem Kriegsende am 8. Mai oder dem Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober. Dieses Gedenken findet statt, weil diese Tage Teil dessen sind, was Deutschland ausmacht. Durch das Gedenken entsteht eine Gemeinschaft, die sich als deutsch versteht. Und so macht auch dieser Novembertag einen Teil der deutschen Identität aus, die ständig neu verhandelt wird. Das gemeinsame Bewusstwerden darüber, an was und wie erinnert wird, ist gerade in einer Zeit, in der eine „geschichtspolitische Wende um 180 Grad“ gefordert wird, hoch politisch.

Das zeigt auch, dass Geschichte nicht vorbei ist. Die Rückbezüge, die gezogen werden, spiegeln sich im Heute. Verbunden mit der Auseinandersetzung mit diesem geschichtlichen Datum sind unterschiedliche Akteure, die dieses Erinnern formen. Der 9. November 2019 fällt in eine Zeit, in der der Rechtsextremismus in der deutschen Gesellschaft weiter erstarkt. Der versuchte Anschlag auf die Synagoge in Halle, die Schüsse eines Rechtsextremen auf einen Eritreer in Hessen im Juli und der Mord an dem CDU-Politiker Walter Lübcke erinnern an das, was zwischen 1933 und 1945 in Deutschland geschah. Die Auseinandersetzung mit den Folgen der Deutschen Einheit zeigen, dass das, was allgemein als ein Tag der Freude bezeichnet wird, vielschichtiger war und ist, als es die Feiern zum Mauerfall suggerieren. Das, was auf den 9. November 1989 folgte, ist keineswegs nur mit Freude verbunden. Deshalb ist es wichtig, zu hinterfragen, welche Erinnerungen im Mittelpunkt der öffentlichen Auseinandersetzung mit dem 9. November stehen. Stimmen zu Wort kommen zu lassen, denen selten zugehört wird, um das, wofür der 9. November 1918 und der 9. November 1989 stehen, auch in der Erinnerungskultur durchzusetzen: eine Vielschichtigkeit des Erinnerns zuzulassen, an der die gesamte Gesellschaft partizipieren kann.

Für den 9. November bedeutet das, dass man sich nicht auf einem „deutschen Schicksalstag“ ausruhen kann.

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