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Spielen inmitten von Trümmern: Syrische Flüchtlingskinder in einem Lager in der ostlibanesischen Grenzstadt Aarsal, Juni 2019.

Kriegstrauma

Das Lärmen der Bilder

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Bei vielen Menschen bleiben Kriegs- und Fluchttraumata unverarbeitet – damals, im Zweiten Weltkrieg, wie heute. Wer diesen Bruch nicht heilt, trägt ein Leben lang daran. So wie Ulrich K.

Ulrich K. sprach nicht von dieser Nacht. Er trug sie in sich, die Schwärze, die Kälte, die Angst. Und die Bilder, die er zeit seines Lebens versuchte, in die Flucht zu schlagen. Dazu fiel ihm nichts anderes ein, als zu verstummen. Doch das Totschweigen gelang ihm nicht. Die Bilder waren immer lauter als er.

Diese Nacht. So muss sie gewesen sein: Januar 1945, zwanzig Grad unter null. Erich Koch, Gauleiter des ostpreußischen Königsberg, heute Kaliningrad, hatte nach Wochen strengsten Fluchtverbots die Stadt freigegeben, die Rote Armee drängte voran, und den Menschen blieb nur eine Wahl. Ulrich, ein Kind von vier Jahren, wusste kaum, wie ihm geschah. Bei ihm die Mutter, der kleine Bruder, die kleine Schwester, ein Säugling noch, sie drückten sich ins Stroh auf einem Pferdefuhrwerk, zwischen sich einen Koffer, dunkelbraun, mit ledernen Beschlägen, darin die wenigen Habseligkeiten, die sie rasch zusammengepackt hatten. Sie reihten sich ein in den Treck Richtung Ostsee, nach Danzig, in der Hoffnung auf ein Schiff nach Westen.

In Ulrich K.s Lebenslauf steht knapp: „1945-1948: Verschiedene Internierungslager in Dänemark.“

Als Ulrich K. mehr als 60 Jahre später „Die Flucht“ sah, 180 Minuten in der ARD, saß er allein vor dem Fernseher. Er sah Maria Furtwängler, die er eigentlich nicht mochte, die dort stand, wo er selbst gestanden hatte, am Kurischen Haff, mitten im Schnee. Er sah ihren Atem, der in der Luft gefror. Und er hörte die Bilder.

Den Weg übers Eis. Die einbrechenden Wagen, die Schreie von Menschen, von Pferden. Die Rufe der Kinder, die ihre Eltern suchten. Das Donnern der Tiefflieger, die Schüsse. Die Toten, die niemand bestattete. Die Verletzten, denen niemand half. Offene Leiber, abgerissene Glieder. Und die Gesichter, grau vor Erschöpfung, in denen nur noch der Wille stand, das eigene Leben zu retten. Er schaltete nicht ab. Er sah sich alles bis zum Ende an. Dann trat er aus dem Zimmer, die Augen rot, und sagte leise: „Vielleicht hätte ich das nicht tun sollen.“

„Die Annahme, dass bei Geflüchteten Traumatisierungen mit all ihren Symptomen und Auswirkungen vorliegen könnten (wie massive Schlafstörungen, Depression, Suizidalität), wurde in der öffentlichen Debatte eher bagatellisiert. Gleichwohl sind die Risiken insbesondere geflüchteter Kinder für ein gehäuftes Auftreten posttraumatischer Belastungsstörungen und eine entsprechende Symptombelastung (…) vielfach dokumentiert.“*

Früher war Ulrich K. gern ins Konzert gegangen, die Klassiker, Beethoven, Tschaikowski, Sibelius. Doch irgendwann, sagte er, habe er sie nicht mehr ertragen, die Schönheit der Klänge. Die die Bilder heraufbeschwor, unweigerlich. Fortan blieb es still um ihn. Doch auch das half nicht gegen den Aufruhr in seinem Herzen und in seinem Kopf.

Wenn er durch die Straßen lief, schritt er so weit und so eilig aus, wie er konnte, die Augen starr irgendwohin gerichtet. Wenn ihn jemand grüßte, erschrak er fast. Manchmal maß er die Zeit, die er für Wege benötigte, die er jeden Tag lief, und war stolz, wenn er sie unterbot. Er notierte das Wetter, die ersten Krokusse, die letzte blühende Magnolie. Und fotografierte den Blick aus seinem Fenster, vier Mal im Jahr, von Frühling bis Winter, stets derselbe Ausschnitt: die schmale Straße, die Nachbarhäuserzeile und das Feld, auf dem das Korn wuchs.

Er begann zu trinken. Weißwein, genug, damit die Lider schwer davon wurden. Seine größte Angst, sagte er, sei es, keinen Schlaf zu finden. In der Schwärze zu liegen, den Bildern ausgeliefert. Am Morgen stand er auf, pünktlich um halb sieben, einen Kater hatte er selten, und tat seine Arbeit, Pressesprecher in der Industrie. Dort galt er als Einzelgänger, belesen und ein bisschen wunderlich, der aber nach zwei, drei Gläsern eine ganze Tafel unterhalten konnte.

Wenn er lachte, kamen ihm rasch die Tränen. Und sein Blick wurde weich, fast wund.

Wenn er mit der Bahn fuhr, saß er allein im Abteil, ein Buch auf den Knien, und schaute so finster, dass sich kaum jemand in seine Nähe traute.

Wenn Freunde ihn einluden, ging er immer seltener hin.

Er zog sich zurück, in sich selbst, wo er keinen Frieden fand.

Lernen inmitten von Trümmern: Schuljungen in Hannover, 1946.

Nur manchmal war es, als öffnete sich die Tür, die er sonst so eisern verschlossen hielt, für einen Spalt und ließe Licht ins Dunkle. Er sagte: „Ich sehe die Toten, man hatte sie an Bäumen aufgeknüpft, eine ganze Straße voller Leichen.“ Dann schüttelte er den Kopf, als könne er nicht fassen, dass ihm dieser Satz entronnen war. Und verstummte wieder.

„Während die Rate einer Traumafolgestörung wie der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) in der deutschen Allgemeinbevölkerung bei drei Prozent liegt, ist sie in Stichproben von Geflüchteten um etwa das Zehnfache erhöht, wobei neben einer PTBS auch depressive Störungen vorliegen. Insgesamt dürften etwa 50 Prozent der Geflüchteten unter irgendeiner psychischen Störung leiden. (…) Posttraumatische Belastungsstörungen nehmen, sofern sie unbehandelt bleiben, bei etwa einem Drittel der Erkrankten einen chronischen Verlauf. Insbesondere Überlebende von Kriegshandlungen (…) leiden auch noch Jahre nach den traumatischen Erlebnissen unter psychischen Beeinträchtigungen. Zu den besonders vulnerablen Gruppen gehören Kinder, die in Kriegsgebieten aufwachsen oder aus solchen geflüchtet sind.“

Ulrich K. der Hochgewachsene, ein Meter neunzig, senkte den Kopf zwischen die Schultern, der Nacken steif, der Gang gebückt. Es war, als duckte er sich vor dem Leben. Das Haar wurde grau, die Haut wurde fahl. Ein Mann, der gebrochen wirkte und viel älter, als er war. Der, als er in Rente ging, einen Tag nur noch überstand, wenn er ihn unter Kontrolle hielt. Minutiös eingeteilt in Zigaretten, drei Schachteln. Er trank Espresso in einem kleinen, dunklen Café, stehend am Tresen, wortlos, ohne Zucker, einen morgens, einen mittags, einen nachmittags. Dazu Gitanes Maïs, ohne Filter. Sonst saß er in seinem Zimmer, zehn Quadratmeter, die Wände tabakfarben, ein Bett, ein Schreibtisch, vier Bücherregale. Goethe, Thomas Mann, Lichtenberg, Arno Schmidt. Was er las, notierte er in Schulheften, DIN A5, kariert. „Aus dem Leben eines Taugenichts, Joseph von Eichendorff, Seiten 1 bis 35.“

Und, dann, irgendwann, trank er immer mehr und immer früher. Morgens schon, nach der ersten Zigarette, kniete er vor dem Kühlschrank. Kalt musste er sein, der Wein.

Eines Tages im Herbst, in den Nächten gab es schon Frost, ging er, wie gewohnt, den dritten Espresso zu trinken, und kehrte nicht nach Hause zurück. Man fand ihn am nächsten Morgen in einem Waldstück im Taunus, der Körper hatte kaum noch 35 Grad, neben sich eine leere Flasche, ein leeres Tablettenröhrchen. Als er erwachte, sagte er bloß: „Kann man doch nicht ahnen, dass einer so früh mit dem Hund rausgeht.“

Er lebte weiter, ging zur Therapie, die man ihm verordnete, und ließ das Trinken, immerhin. Doch all die Worte, die zu all den lärmenden Bildern gehörten, kamen ihm nicht über die Lippen. Zu lange schon hielt er sie zurück. Zu groß war die Angst, sich der Angst zu stellen.

„Es gibt gute empirische Belege für die Wirksamkeit psychosozialer Interventionen für Kinder und Jugendliche, die traumatisierenden Erfahrungen ausgesetzt waren (…) Diese Angebote nicht zu nutzen, kann nicht nur für die Betroffenen selbst, sondern auch für die Gemeinschaft kurz- und langfristig gravierende Nachteile nach sich ziehen.“

Eines Tages im Sommer, nach der Beerdigung einer nahen Verwandten, lief Ulrich K. die Reihen der Gräber entlang und las die Namen, die ihm nichts sagten. Vor einem blieb er stehen, schaute lange darauf. Und raunte: „Meine kleine Schwester ist gestorben, damals, auf der Flucht. Sie hat es nicht geschafft. Sie war ja noch so klein.“ Nie zuvor hatte er über sie gesprochen. Auch nicht über ihren Tod.

Dann, wenige Jahre später, starb er selbst, der Krebs fraß sich unaufhaltsam durch seinen Körper. Solange er noch konnte, stand Ulrich K. vor der Klinik, dünn und bleich, und rauchte.

„Das deutsche Gesundheitssystem ist derzeit nur unzureichend vorbereitet auf die Behandlung der zahlreichen Flüchtlinge mit psychischen Störungen. Während im Kontext des zu reformierenden Sozialen Entschädigungsrechts die Bedeutung früher Interventionen, z. B. innerhalb von generell einzuführenden Traumaambulanzen, diskutiert wird, haben traumatisierte Mitglieder geflüchteter Familien meist keinen unmittelbaren Zugang zu therapeutischer Versorgung. Asylsuchende haben in den ersten 15 Monaten ihres Aufenthaltes in Deutschland nur einen eingeschränkten Anspruch auf Gesundheitsleistungen. In der Regel werden Kosten nur übernommen, wenn es sich um eine ,erforderliche‘ Behandlung ,akuter Erkrankungen und Schmerzzustände‘ handelt; Psychotherapie fällt üblicherweise nicht unter diese Einschlusskriterien.“

Ulrich K. blieb allein mit den Bildern, die ihm keiner nahm. Wie wäre er gewesen, hätte ihm jemand geholfen, die Trümmer im Herzen fortzutragen, als sie noch nicht zu schwer wogen? So war er ein Mensch auf der Flucht, sein Leben lang. In seinem Nachlass fand sich ein Koffer, der einsam im Keller stand, dunkelbraun, mit ledernen Beschlägen, das letzte Überbleibsel der verfluchten Flucht. Er war leer. In seinem Schreibtisch lag ein schmales Dokument, blassgrün, „Ausweis für Vertriebene und Flüchtlinge, Nummer 6343/26569“, ausgestellt in Wetzlar, Januar 1964.

Ulrich K. kam nirgends an, und er blieb unerreichbar. Für sich selbst und seine Nächsten. Er war eines von Millionen Kindern, die im Zweiten Weltkrieg traumatisiert wurden, viele für den Rest ihres Lebens. Ulrich K. war mein Vater.

Alle Zitate aus: „Kurzgutachten des Wissenschaftlichen Beirats für Familienfragen beim Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend“, September 2017

Kriegstraumata und ihre Folgen

Welche Spätfolgen die Kriegs- und Nachkriegserlebnisse von Kindern haben und wie sie therapiert werden können, wird seit vergleichsweise geraumer Zeit erforscht. Oft werde erst im Alter das ganze Ausmaß der Folgen sichtbar, sagt die Entwicklungspsychologin Insa Fooken. Ein gemeinsames Merkmal sei das beharrliche Schweigen, das meist nie oder erst spät aufbreche. Der Psychoanalytiker Werner Bohleber spricht in diesem Zusammenhang von innerem Rückzug, wenn Kinder spürten, dass ihnen die Eltern etwa bei einem Bombenangriff keinen Schutz und keine Zuflucht bieten konnten. „Je jünger das Kind war, desto eher der Rückzug“ – und damit auch das Nichtverarbeiten der Vergangenheit.

Etwa ein Drittel der Kriegskinder sind laut Expertenschätzungen traumatisiert, etwa fünf Prozent von ihnen schwer. Es gebe zwar unendlich viele hilfsbedürftige Kriegskinder, doch nicht alle gingen zum Arzt, auch wenn sie psychopathologisch auffällig seien, so Fooken. Viele geben die Folgen eines unverarbeiteten Traumas an die nächste Generation – die Kriegsenkel – weiter. „Wir lebten in einem Zustand, den Kriegsenkel rückblickend häufig emotionaler Nebel oder bleierne Schwere nennen“, schreibt Matthias Lohre in seinem Buch „Das Erbe der Kriegsenkel“: „Die Metapher beschreibt, wie rätselhaft das zwanghafte, der immer gleichen Routine verhaftete Verhalten vieler Kriegskindeltern auf ihre Kinder wirkte.“

420 Millionen Kinder sind nach Angaben der Vereinten Nationen heute weltweit von einem Krieg oder Konflikt betroffen; das sind knapp 30 Millionen mehr als noch vor drei Jahren.

Rund drei Viertel der in Deutschland lebenden Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak und Afghanistan sind nach Gewalterlebnissen traumatisiert. Die zeigt eine aktuelle Befragung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK.


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