+
Abwarten: Der erste Treffer ist nicht immer der beste.

Interview

„Körperliche Gewalt ist zu 90 Prozent männlich“

  • schließen
  • Julia Hildebrandt
    Julia Hildebrandt
    schließen

Der Kulturtheoretiker Klaus Theweleit über das Erlernen von Aggression, brutale Rituale und Frauen als Giftmörderinnen.

Herr Theweleit, ist Gewalt männlich?
Meint man damit die direkte körperliche Gewaltanwendung von Menschen gegen andere Menschen, antworte ich mit „Ja“. Körperlich ausgeübte Gewalt unter Menschen ist zu mehr als 90 Prozent männlich. Es kommt aber drauf an, von welcher Gewalt man spricht; es gibt viele Arten. Man kann die Gesellschaftsformen, die unsere Kultur entwickelt hat, als Versuche beschreiben, die Gewalt, die in ihnen steckt, zu beherrschen, zu kontrollieren, zu minimieren oder sogar zu verwandeln in ihr Gegenteil: das freundliche, produktive Miteinander.

Die Gewalt und die Menschen sind also untrennbar?
Die Gewalterzeugung selbst gehört zu den Menschen, nicht nur im Sinne direkter Aggressionen. Unsere Art und Weise, in die Natur einzugreifen, sie umzuarbeiten, zu gestalten, sie auszubeuten, ist prinzipiell gewalttätig. Unsere Arbeitsverhältnisse, die Organisation unserer Fabriken, des Straßenverkehrs, unsere Wohnverhältnisse sowie unsere Beziehungen sind immer auch Gewaltverhältnisse – wir „vergessen“ das oft im Alltag. Wir sprechen von „Gewaltenteilung“, wenn wir Gesetzgeber, Polizei und Justiz voneinander trennen. Die politische Macht mit ihrem Gewaltmonopol, das wir ihr zugestehen, soll kontrolliert und begrenzt werden. Und dann gibt es die direkte Aggression. Da kann kein Tier und keine Natur mithalten mit den Gewaltpotenzialen der Menschen.

Was unterscheidet die Gewalt von Männern und Frauen?
Der Unterschied liegt – grob allgemein gesprochen – in der verschiedenen Körperlichkeit von Frauen und Männern. Der biologische Unterschied ist dabei nicht der entscheidende. Die Differenz basiert auf jahrtausendelangen gesellschaftlichen Konditionierungen, genauer: Arbeitsteilungen. Männerkörper und Frauenkörper werden verschieden zugerichtet und ausgerichtet in ihren sozialen Funktionen. Frauen: im Haus, auf den Feldern und mit Kindern. Männer: im Außenbereich, im Bau der Festungsanlagen, im Bergbau, in der Metallschmelze, im Schiffbau. Kriege zum Beispiel sind eine Erfindung von sesshaft gewordenen männerdominierten Gesellschaften. Auf den Pferden sitzen Männer, in den Schiffen sitzen Männer, also Krieger. Die Amazonen mit Pfeil und Bogen und amputierter Brust sind eine Männerphantasie. Der Mannkörper, der kulturell historisch darauf gedrillt ist, seine emotionalen Problematiken in muskulären Aktionen nach außen zu richten, „gegen“ Andere, ist keine Frauenphantasie, sondern eine Tatsache. Sie gilt bis heute. Dass Männer unter Belastung eher aggressiv (nach außen) werden und Frauen eher depressiv (nach innen), ist vielfach belegt. Vieles davon löst sich in modernen differenzierten Gesellschaften zwar auf; in den meisten Gesellschaften der Erde ist die männliche Gewaltdominanz aber nach wie vor gesetzlich abgesichert. Was nicht heißt, dass Mütter ihre Kinder nicht auch manchmal schlagen. Ihren Männern gegenüber wäre das jedoch lebensgefährlich.

Wie gehen Männer als Opfer mit Gewalt um? Dürfen Männer auch heute nicht schwach sein?
Wenn man „heute noch“ sagt, muss man bestehende Ungleichzeitigkeiten mitdenken. Was in der einen Gesellschaft historisch überholt ist, ist in der andern aktuell und gültig. In den Ländern der Erde, in denen sich eine Politik der Gleichheit der Geschlechter langsam durchsetzt, „dürfen“ Männer selbstverständlich auch schwach sein. Das hängt davon ab, ob sie Menschen in der Umgebung finden, Frauen, Männer, Kinder, die das zulassen. Die Gewalterfahrung mildert sich ab, wenn man sie mit anderen teilen kann; es eröffnen sich Wege gewaltfreieren Verhaltens, bei sich selber wie bei den anderen.

Männer sind einerseits häufiger Opfer von Gewalt als Frauen, andererseits aber auch häufiger Täter. Sie machen also insgesamt mehr Gewalterfahrung – geben diese Erfahrung weiter?
Findet eine Bearbeitung der erlebten Gewalt nicht statt, wird sie, in der Regel, roh weitergegeben. Dass Männer häufiger von Gewalt betroffen sind als Frauen, würde ich aber bezweifeln. Das sehr verschiedenartige Erleben von Opfern und Tätern lässt sich schwerlich addieren unter einem Oberbegriff wie „Gewalterfahrung“. Die Arten der Gewalt nach Geschlechtern zu unterteilen, ist aber möglich. Gewalt durch Frauen geschieht auf anderen Feldern als den männlichen. Frauen können ihre Kinder ablehnen oder quälen; sie können sich untereinander tödlich konkurrierend oder gemein verhalten. Sie führen die Giftmordstatistik an. Sie können anderen, wie man sagt, das Leben zur Hölle machen. Sie sind eine andere Art Gewalttäter als Männer. Sie sind nicht die Vollstrecker körperlicher Zerstörungsgewalt; diese ist fast immer männlich, überall auf der Welt. Männer schlagen Frauen; umgekehrt passiert das selten. Frauengruppen, die mit Macheten oder Kalaschnikows herumziehen, andere menschliche Körper in trancehaften Lustzuständen jubelnd zerstören und sich damit brüsten, gibt es nirgends auf der Welt.

Wenn Männer sich in einem Kontext bewegen, der stärker als bei Frauen von Gewalt geprägt ist, heißt das, dass es ihnen schwerer fällt, sich von Gewalterfahrungen zu befreien? Haben Frauen es da einfacher?
Das könnte eins der Gebiete sein, auf denen Frauen es tatsächlich „einfacher“ haben. Ausgeübte Gewalt gegen andere zerstört immer auch etwas in der eigenen Körperlichkeit. Bei den gewalttätigen oder folternden Männern zerstören ihre Handlungen die Möglichkeiten für das Mitempfinden dessen, was in anderen Körpern vorgeht. Ausgeübte körperliche Gewalt trennt nicht nur von den Gefühlen anderer, sie trennt auch von den eigenen Gefühlen. In diesem Punkt sind Frauen die weniger Zerstörten unserer Gesellschaften.

Was ist zerstörerischer – physische oder psychische Gewalt?
Auch die psychische Gewalt ist physische Gewalt. Alles findet statt im Körper und am Körper. Nur ihre Spuren sind verschieden. Das blaue Auge sieht man, die wundgeschlagene Psyche nicht in allen Fällen. Aber: Alle Gewalt ist zerstörerisch.

Können Männer psychische Gewalt leichter ertragen, weil diese keine sichtbaren Spuren der Erniedrigung hinterlässt?
Alles, was keine sichtbaren Spuren hinterlässt, scheint leichter erträglich, bei Männern wie bei Frauen. Die psychischen Verletzungen hinterlassen aber für die, die so etwas wahrnehmen können, durchaus sichtbare Verletzungen. Es gibt aber Männer, die ihre Kampfwunden stolz herumtragen, als Zeichen ihrer Heldenhaftigkeit. Tatsächlich ist keine erlittene Gewalt leicht zu ertragen.

Existiert noch immer das Bild der friedfertigen Frau?
Das gesellschaftliche Bild existiert, zum Schaden der Frauen. Es hat Vorschriftscharakter: die Frauen sollen gefälligst denken, sie seien friedfertiger. Das schützt ihre Männer.

Haben Frauen weniger Zugang zu ihren Aggressionen?
Die Wutempfindungen und Zerstörungsphantasien von Frauen sind vermutlich nicht schwächer als bei Männern oder Kindern. Aber der Impuls, sie körperlich aktiv umzusetzen, ist bei Frauen geringer; auch sind die gesellschaftlichen Angebote, Aggressionen auszuagieren – Kampfsportarten, Hooliganismus, Schießvereine, motorisierte Rockergangs – eher auf Männer zugeschnitten, auch wenn sich einzelne Frauen dort einfinden. Die den Frauen in den meisten Gesellschaften antrainierte Hemmschwelle liegt erheblich höher. Und viele von ihnen glauben, was ihnen beigebracht worden ist: „Wir sind das friedlichere Geschlecht.“

Interview: Bascha Mika und Julia Hildebrandt

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare