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Klingt perfekt

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Von: Anne Lemhöfer

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Am Bass: Bones von Compressorhead spielt mit nur acht Fingern fehlerfrei.
Am Bass: Bones von Compressorhead spielt mit nur acht Fingern fehlerfrei. © imago

Roboter können Musik machen. Auch auf einer Bühne. Haben sie vielleicht sogar Star-Potenzial?

Roboter sind Wunscherfüllungsmaschinen. Auch für Gitarristen. Wie wäre es zum Beispiel, 78 Finger zu haben? Wieviel schneller ließen sich Hendrix-Stücke erlernen, wenn die Zahl pro Menschenhand nicht auf fünf festgelegt wäre?

Jimi wer? Zu einem Gespräch unter Saiten-Virtuosen könnte der Gitarrist Fingers vermutlich wenig beitragen. Außer ein bisschen mit dem Kopf und den braunen Cowboystiefeln zu wippen. Fingers ist ein Roboter, der Gitarre spielt. Mit seinen Kumpels Stickboy (Vier Arme,Schlagzeug) und Bones (Bass) bildet er die Gruppe „Compressorhead“ – die erste Roboter-Rockband der Welt. „De-dum-dum-dum-dum – TNT“, brüllt das Publikum. Die berühmten Riffs des AC/DC-Gitarristen Angus Young sind kein Problem für Fingers. Es spricht sogar vieles dafür, dass er besser Angus-Young-Riffs spielen kann als Young selbst. „De-dum-dum-dum-dum.“ Er hält eine echte Gitarre in den Stahlhänden. Lampenfieber kennt er nicht. Compressorhead haben schon in Konzertsälen und Stadien rund um die Welt gespielt, auch auf der Frankfurter Musikmesse waren sie Gäste.

Für Fingers selbst sind schwierige Musikstücke kein Problem. Für seine technischen Väter schon eher. Der Berliner Bastler und Schrottkünstler Markus Kolb und zwei Kollegen haben Compressorhead erfunden und in mühsamer Kleinarbeit aus Metallteilen vom Flohmarkt zusammengebaut. Heavy Metal, ganz wörtlich genommen. Fingers, Stickboy und Bones sind richtig schwere Jungs. Zusammen wiegen sie fast eine Tonne. Bei den Auftritten der Robotercombo sitzen Markus Kolb und seine zwei Mitstreiter konzentriert an Computern.

Roboter mit echten Instrumenten, die live spielen: Wie kann das gehen? Wie macht man so etwas? Kolb und seine Mitstreiter haben ein System entwickelt, wie sie Noten-Signale vom Rechner aus über ein spezielles Programm zu den Magnetventilen an den Händen der Musiker schicken. Klingt kompliziert, ist es auch. Vielleicht liegt es daran, dass die Jungs bislang weltweit keine Pendants haben, dass sie wie echte Stars gefeiert werden.

Die Künste experimentieren seit hundert Jahren an der Schnittstelle Robotik und Kunst. Jetzt stehen sie an der Schwelle, ihre Phantasien in der Wirklichkeit umgesetzt zu sehen. Die Robotermusik-Szene ist auf der ganzen Welt verstreut – und sie wächst. In Berlin gibt es seit 2016 das Festival „Wir sind die Roboter“. Dabei gibt es technisch und künstlerisch die unterschiedlichsten Ansätze. Von der showorientierten Roboterrockband, über höchst differenzierte Kirchenorgel- und Klavierautomaten, bis zu spezialisierten Geräuschmaschinen reicht die Bandbreite.

Künstler wie Björk oder Aphex Twin ließen sich eigens Musikapparate für Ihre Produktionen herstellen. Alte Lochkartensysteme und Schallplattenaufnahmen werden neu gescannt, um legendäre Pianoaufnahmen von Glenn Gould oder Jelly Roll Morton exakt wiederzugeben. Musikroboter sind zwar computergesteuert, erzeugen die Klänge aber auf analogem Weg. Metallstifte zupfen an Saiten, bewegliche Module fahren eine Klaviertastatur entlang, mechanische Arme drücken die Tasten oder schlagen die Trommel. Manch ein Musikroboter besteht aus kaum mehr als einer Walze oder einem Gelenkarm. Musikroboter schließen sozusagen die Lücke zwischen akustischer und elektronischer Musik. Eine reine Nische für Tüftler und Nerds?

Zumindest in Japan können künstliche Popstars berühmter werden als ihre Kollegen aus Fleisch und Blut. Hatsune Miku zum Beispiel ist so ein „Vocaloid“. Um vor ihren Fans singen und tanzen zu können, wird sie als dreidimensionales Hologramm auf die Bühne projiziert. Manche Fans bauen sie als Roboter zum Anfassen nach. Ihre Stimme kommt aus dem Computer. Egal ob Rock oder Pop, Englisch oder Japanisch, Miku kann alles.

Sie ist in der Lage, schneller und höher zu singen als ein Mensch. Sie trifft jeden Ton. Ihre Stimme klingt leicht blechern, aber ihre Fans stört das nicht. Mehr als 2,5 Millionen Likes hat sie auf Facebook. Sie ist ein Synthesizer, der nicht nur mit Noten, sondern auch mit Wörtern gefüttert werden kann. So unterscheidet sich Miku deutlich von Musikern wie Daft Punk oder den Gorillaz, die mit Maskierung, Unsichtbarkeit oder Virtualität spielen, aber eben Menschen sind.

Es gibt Menschen, die sagen: Roboter können sogar wunderbar komponieren. Das klingt seltsam – aber warum eigentlich? Erzeugen nicht auch Tiere, Naturvorgänge und Zufallsereignisse strukturierte Klänge? Doch was bleibt von der heiligsten und intimsten Kunstform Musik, wenn Software Kompositionen kreiert, die man von Werken der großen Meister nicht unterscheiden kann? Der amerikanische Musikologe und Programmierer David Cope hat eine Software entwickelt, die jedes musikalische Muster erkennen und fortschreiben kann. Wenn man also das Programm, das Cope „Emily Howell“ getauft hat, mit der Musik von Wolfgang Amadeus Mozart füttert, komponiert Emily bis in alle Ewigkeit Werke, die klingen, als stammten sie von Mozart.

In den Clubs ist Robotermusik längst angekommen. Beim sogenannten Live Coding wird mit Algorithmen auf Laptops improvisiert – ähnlich wie bei einem Musik-Jam. Die Briten Alex McLean und Nick Collins haben diese Technik ans DJ-Pult geholt. Besucher tanzen zu Musik, die auf der Bühne in Echtzeit programmiert wird. Es ist also eine Kombination von Algorithmen und Rave, ein „Algorave“.

Androide und Vocaloide haben von sich aus keine Gefühle oder Triebe. Das heißt natürlich nicht, dass sie keine wecken können. Trotzdem: Muss es gerade in diesem Bereich nicht menscheln? Hat Musik, die von Robotern gespielt wird, eine Seele? Die Frage nach der Seele der Robotermusik kennt Markus Kolb, der Berliner Erbauer des 78-fingrigen Gitarristen, zur Genüge. „Das ist eine europäische Sicht“, sagt er. „In Asien können auch Gegenstände so etwas wie eine Seele annehmen, indem man sie benutzt.“ Hatsune Miku würde sicher zustimmen.

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