Amazon setzt schon früh auf die Klick-Arbeiter.
+
Amazon setzt schon früh auf die Klick-Arbeiter.

Crowdsourcing

Die Klick-Worker

  • Jonas Rest
    vonJonas Rest
    schließen
  • Eva Roth
    schließen

Wie ein Computerprogramm erledigen Millionen Menschen auf Knopfdruck für Firmen im Internet Aufgaben.

Morgens um neun, wenn andere in Büros ihre Rechner hochfahren, klappt Liane Spindler in ihrer Wohnung in Berlin-Lichtenberg ihren Laptop auf. Dann beginnt ihre Suche nach digitalen Gelegenheitsjobs. Ein halbes Dutzend Web-Plattformen grast sie ab, um sich einen Überblick zu verschaffen, welche Arbeit heute angeboten wird: Das Texten von Produktbeschreibungen für Internet-Shops ist etwa dabei. Oder das Einsortieren von Hosen und Hemden in Kategorien wie Damen- und Herrenbekleidung.

Spindler ist Klick-Jobberin, sie gehört zu einem rasant anwachsenden Schwarm von Digitalarbeitern. Für die Auftraggeber ist Spindler unsichtbar, sie kennen ihren Namen ebenso wenig wie die der anderen Klick-Arbeiter, die auf Internet-Plattformen angemeldet sind. Die Auftraggeber haben die Jobs in die Crowd ausgelagert, in die große Menge der Internet-Nutzer. Crowdsourcing nennt man dieses neue Form des Outsourcen.

Inzwischen sind es Millionen weltweit, die im Netz für Centbeträge oder wenige Euro Mikro-Aufgaben erfüllen. Das Internet, wie wir es kennen, würde ohne die Klick-Arbeiter nicht funktionieren.

Der US-Konzern Amazon erkannte als erster, dass die Technologiekonzerne des Internet-Zeitalters Personen wie Spindler brauchen. Das war 2005. Amazon begann, CDs zu verkaufen und wollte sicherstellen, dass zu den Alben die richtigen Informationen angezeigt werden. Doch kein Algorithmus konnte die Informationen so zuverlässig, schnell und billig der CD-Hülle entnehmen wie ein Mensch. Also baute Amazon eine Plattform, die Menschen wie ein Computerprogramm einsetzt, um die Angaben zu digitalisieren.

Künstliche künstliche Intelligenz (rpt. künstliche künstliche Intelligenz), nennt Amazon den Ansatz. Ein Ansatz, der nur vortäuscht, dass die Intelligenz künstlich ist. Konzernchef Jeff Bezos taufte seine neue Plattform aus diesem Grund Amazon Mechanical Turk. So nannte man auf Englisch den „Schachtürken“, der 1769 in Europa für Aufregung sorgte.

Der Mechanical Turk war ein Schachcomputer: Eine große Puppe in türkischer Tracht saß hinter einer Kommode, auf dem ein Schachbrett lag. Die Maschine spielte ausgezeichnet. Zuschauern, die nicht überzeugt waren, es mit einem Roboter zu tun zu haben, wurde das Gewirr aus Zahnrädern, Antrieben und Federn in der Kommode gezeigt. Doch das war nur eine Täuschung. Denn geschickt im Inneren versteckt sorgte ein Schachgroßmeister dafür, dass die Maschine nahezu unschlagbar war.

Amazon adaptierte das Modell für das Internet-Zeitalter. So wie der Schachgroßmeister unsichtbar für die Zuschauer blieb, so sollten nach dem Amazon-Modell die Netz-Arbeiter nicht mit den Auftraggebern in Kontakt kommen. Die Firmen stellten ihre Aufträge einfach ins Internet und erhalten flugs die Resultate – ausgespuckt wie von einem Computerprogramm.

Mehr als eine halbe Million Menschen sind Amazon zufolge als Turker angemeldet, wie sich die Mechanical-Turk-Arbeiter selbst nennen. Zwei Cent bekommt, wer in einem Web-Shop zu drei Produkten die Preise recherchiert. Drei Cent gibt es, wenn man sich eines kurzen Filmschnipsel ansieht und zehn Fragen beantwortet, etwa, ob die Stimmung beängstigend oder eine Maschinenpistole zu sehen ist.

Menschliche Arbeitskraft auf Knopfdruck

In einer Stunde muss sich ein Turker 46 solcher Clips ansehen und die entsprechenden Fragen beantworten, um auf umgerechnet 1,29 Euro zu kommen. Diesen Betrag haben Forscher der New York University als durchschnittlichen Stundenlohn errechnet. Andere gehen davon aus, dass die Turker 2,10 Euro verdienen. Profi-Turker berichten, dass sie es schaffen, acht Dollar und mehr in der Stunde zu verdienen. Mache arbeiten mit zwei Bildschirmen, um die Wartezeit zu verkürzen, die es dauert, bis das zu kategorisierende Produktbildern geladen ist. Crowdwork ist digitale Fließbandarbeit von Minutenlöhnern.

Liane Spindler hat sich auf das Schreiben von Texten spezialisiert. Sie formuliert mit Schlüsselwörtern gespickte Artikel, die Websites brauchen, um in den Google-Suchergebnissen nach oben zu rutschen. Oder sie textet Produktbeschreibungen für E-Commerce-Shops. 1,20 Euro gibt es für einen 80-Wörter-Text über eine Ledertasche.

Mindestens 7,50 Euro versucht Spindler in der Stunde zu verdienen, acht Stunden arbeitet sie mindestens täglich. So will sie auf 60 Euro kommen. Sie schafft es nicht immer. Ihr monatlicher Verdienst pendelt zwischen 800 und 1200 Euro. Deutlich weniger als bei dem Reiseveranstalter in Hannover, bei dem sie früher eine Anstellung hatte. Dafür kann sie nun wieder in Berlin leben und als Autorin arbeiten. Deshalb ziehe sie die Internet-Plattform vor. „Ich bin genügsam“, sagt Spindler.

Crowdsourcing liefert menschliche Arbeitskraft auf Knopfdruck. Das macht das Modell für Unternehmen so attraktiv. So schwärmt Lukas Biewald, Chef der US-amerikanischen Web-Plattform Crowdflower: „Bevor es das Internet gab, wäre es schwierig gewesen, jemanden zu finden, der zehn Minuten für Dich arbeitet und den Du danach wieder rauswirfst.“ Mit dem Internet habe sich das geändert: „Zahle ihnen einen kleinen Geldbetrag und Du bist sie sofort wieder los, wenn Du sie nicht mehr brauchst.“ Aus Sicht von Liane Spindler und den anderen Klick-Jobbern bedeutet dieses Modell, dass sie nie wissen, ob und was es am nächsten Morgen auf einer Plattform zu tun gibt – und wie es bezahlt wird. Spindler musste Schulden machen, als sie einige Monate nicht genug verdiente.

Bei den meisten Plattformen haben die Klick-Jobber noch nicht einmal ein Recht darauf, für getane Arbeit bezahlt zu werden. Bei Amazon Mechanical Turk können Auftraggeber die Bezahlung sogar ablehnen, ohne dies zu begründen. Thomas Klebe, Leiter des gewerkschaftsnahen Hugo-Sinzheimer-Instituts für Arbeitsrecht, sagt: „Im Augenblick herrscht auf den Plattformen Wilder Westen, was die Arbeitsbedingungen angeht.“

Trotzdem erledigen immer mehr Menschen die Mini-Aufträge. Die Plattformen wachsen rasant. Mit über 700 000 Netz-Arbeitern wirbt die deutsche Plattform Clickworker, mehr als doppelt so viele wie vor drei Jahren. 10 000 bis 20 000 kämen pro Monat hinzu, sagt Clickworker-Chef Christian Rozsenich. Zugriff auf fünf Millionen Menschen verspricht die US-amerikanische Plattform Crowdflower. Mehr als eine Milliarde Mikro-Aufgaben hätten sie bereits erfüllt.

Der Auslagerungsboom im Netz macht aber auch vor komplexen Aufgaben keinen Halt: Firmen können über spezialisierte Plattformen Datenbankprogrammierer aus Rumänien ebenso im Web buchen wie sie sich Ingenieurteams zusammenklicken können, oder Web-Designer, Übersetzer und Datenanalysten auswählen. Der Freelancer-Marktführer Elance-Odesk verspricht Zugriff auf knapp zehn Millionen Freelancer.

Es sind längst nicht mehr nur Internet-affine Konzerne und Start-ups, die sich bei den Arbeitern auf Knopfdruck zugreifen. Selbst konservative Mittelständler und Autokonzerne wie BMW haben begonnen, mit der Arbeit aus der Crowd zu experimentieren. Clickworker-Chef Rozsenich prophezeit: „In zehn bis zwanzig Jahren wird Crowdsourcing eine breit angewendete Methode sein.“ Die Folge könnte eine tiefgreifende Veränderung der Arbeit selbst in Betrieben sein, die auf den ersten Blick nichts mit dem Internet zu tun haben. Arbeitsrechtler Klebe sagt: „Die Plattformen haben das Zeug, eine Tsunami-Wirkung zu entfalten und das Normalarbeitsverhältnis in weiten Gebieten der Wirtschaft hinwegzufegen.“

Mehr zum Thema

Kommentare