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Für die junge Generation ist die Geschlechtsdefinition vielfältig und längst nicht mehr bipolar.
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Für die junge Generation ist die Geschlechtsdefinition vielfältig und längst nicht mehr bipolar.

Sexuelle Sozialisierung in den USA

„Ich bin definitiv Cis“

Für junge US-Amerikaner ist sexuelle Sozialisierung ein buntes Rollenspiel. Nichts ist vorgegeben, alles ist möglich.

Von Sebastian Moll

Janet B. (Name geändert) ist in vielerlei Hinsicht ein „normaler“ amerikanischer Teenager, wenn man das Attribut „normal“ als typisch für ihre Generation versteht. Sie mag koreanischen Pop und japanische Mode, sie bewegt sich mit der Selbstverständlichkeit von jemandem durch das Internet, der mit sozialen Medien aufgewachsen ist und sie macht den Sommer über ein Praktikum bei einem Technologie-Startup.

Auch was die großen Teenager-Themen –Liebe und Sexualität angeht – findet Janet B. sich eher im Mainstream ihrer AltersgenossInnen. „Ich bin definitiv Cis“, sagt sie und zuckt mit den Schultern, so, als wolle sie sich dafür entschuldigen, dass sie keine interessantere Identität anzubieten hat („Cis“ bedeutet, dass sie mit ihrem biologischen Geschlecht einverstanden ist). Die Frage ob sie eher Homo- oder Heterosexuell ist, hat sie für sich noch nicht letztgültig beantwortet, „da will ich mich noch nicht festlegen.“

Janet wirkt mit sich im Reinen, die sexuelle Identitätsfindung ist für sie so unproblematisch, wie sie nun einmal für einen Teenager sein kann. Für viele ihrer Schulkameradinnen auf einer privaten Mädchenschule in Neu-England, sind die Dinge jedoch wesentlich komplizierter. „Meine beste Freundin ist ein semi-romantisches semi-Mädchen“, erklärt sie. „Und wir haben viele, die sich als A-Gendered oder Void-Gendered begreifen.“

Wem Begriffe wie „semi-romantisches“, „semi-girl“ oder „void-gendered“ nichts sagen, der wird von Janet an einen beliebten Blog ihrer Altersgenossen, das Mogai-Archiv verwiesen. Mogai steht für „Marginalized orientations, gender alignment and intersex“ und ist ein Lexikon der sexuellen Identitäten, die heute Jugendlichen als positive Optionen zur Verfügung stehen.

Ein Semigirl wird dort beschrieben als jemand der sich teilweise aber nicht ganz als weiblich identifiziert. Diese Identität ist wiederum scharf zu unterscheiden von einem Semiboy oder jemandem, der Semifluid ist. Jemand der A-gendered ist hat eine neutrale Gender-Identität, zu unterscheiden von voidgendered, was bedeutet, dass der Betroffene keine Gender-Identität hat.

Andere Identitäten, die im Mogai-Archiv angeboten werden sind „Spacegender“ – eine Bezeichnung für jemanden dessen Gender-Identität in keine irdischen Kategorien zu fassen ist, „FaFab“ oder forcibly assigned female at birth (zwangsweise bei der Geburt als weiblich designiert) oder Borderromantic – „jemand der nicht zwischen platonischer und romantischer Liebe unterscheiden kann und glaubt, das auf eine bipolare Störung zurück führen zu können.“

Natürlich kann diese extreme Ausdifferenzierung von sexuellen und Genderidentitäten ins Absurde abgleiten. Das gibt auch Janet B. zu: „Manches davon ist völliger Quatsch.“ Doch dahinter steckt eine profunde psycho-soziale Entwicklung. „Es ist der Ausdruck einer neuen Generation, die in einem Umfeld aufwächst, in dem es keinen Begriff von einer sexuellen Norm mehr gibt“, sagt der Gender Forscher Jack Halberstam von der University of Southern California.

Wenn es um die Findung der sexuellen und der Gender-Identität geht, so Halberstam, dann hat sich in den USA in den vergangenen fünf Jahren so ziemlich alles verändert – zumindest für die gebildete, vorwiegend weiße Elite des Landes. „Die neue Generation denkt weit jenseits der binären Optionen Homo- oder Hetero, männlich oder weiblich“, sagt Halberstam. „Sie sehen und erleben sich selbst außerhalb dieser Kategorien und suchen nach Begriffen und Namen dafür.“ Für die Revolution verantwortlich macht Halberstam wie für so Vieles das Internet. „Das Internet hat die Diskussion über Sexualität und Gender-Identitäten aus der Privatsphäre an die Öffentlichkeit gebracht“, sagt Halberstam. So können Janet und ihre Altersgenossen auf Foren wie Tumblr heute offen und unbefangen darüber sprechen ob sie „Cis“ sind oder nicht. „Jugendliche, die nicht in die binären Klassifikationen passen, haben über das Internet Gemeinschaften gebildet und Gesprächspartner gefunden“, so Halberstam. „Das Internet hat es ihnen ermöglicht aus den Schatten zu treten.“

Für die „Generation LGBTQiA“, wie die New York Times jüngst in einem Feature die Millenialen wie Janet genannt hat (LGBTQiA steht für Lesbian, Gay, Transgender, Queer, Intersex and Allies), ist die sexuelle Sozialisierung ein buntes Rollenspiel geworden. Nichts ist vorgegeben, alles ist möglich. „Man experimentiert eine Weile, bis man heraus gefunden hat, welche Praktiken für einen selbst passen“, sagt Halberstam.

Die vielen, komplexen Kategorien, die etwa auf Mogai archiviert sind, sind dabei für Halberstam nur Krücken auf dem Weg zu einer endlosen Vielfalt möglicher Identitäten. „Wenn ich in San Francisco durch den Mission District laufe“, so Halberstam, „kann ich bei den meisten Leuten nicht unbedingt auf Anhieb die Gender Identität oder die sexuelle Identität ablesen“, sagt sie. Und diese Buntheit ist für Halberstam das Ideal – die Verwirklichung einer „Post-Gay, Post-Gender“-Utopie.

Natürlich hat die neue Offenheit auch Ihre Untiefen. So beklagt Janet B. etwa, dass sie als „Cis“-Girl im Internet oft angefeindet wird. CIS-Heten gelten automatisch als Vertreter der repressiven, binären Ordnung und müssen sich Hass-Tiraden gefallen lassen. Die politische Korrektheit reproduziert, wie so oft, genau die Starre und Engstirnigkeit, die sie eigentlich bekämpfen möchte.

Und auch vermeintliche Triumphe, wie die universelle Bejubelung von Bruce Jenners Transformation ist bei genauem Hinsehen kein so eindeutig es Zeichen einer Liberalisierung, wie das auf den ersten Blick scheinen mag. So empfindet Jack Halberstam es zwar als positiv, dass es offensichtlich nicht mehr akzeptabel ist, sich offen gegen Transsexuelle auszusprechen. Die wenigen transphoben Äußerungen, die es angesichts von Caitlyn Jenners ersten öffentlichen Auftritten gab, wurden mit breiter Entrüstung erwidert.

Gleichzeitig findet es Halberstam gemeinsam mit anderen Kommentatoren schade, dass sich Jenner für seinen ersten Auftritt als Frau das männliche Klischee einer erotisierten Schönheit ausgesucht hat. Der Verdacht liegt nahe, dass er nicht Frau sein will, sondern eine männliche Frauenfantasie auslebt.

In der schönen neuen „Post Gay/Post-Gender“-Welt, die Halberstam sich ausmalt, werden solche Komplexitäten und Untiefen freilich überwunden sein. „In 20 Jahren lachen wir über so etwas nur noch.“

Wenn die Generation von Janet erwachsen ist und das binäre Denken endgültig überwunden, gibt es nur noch Individuen auf einem breiten bunten Spektrum von Gender-Ausprägungen und sexuellen Präferenzen. Queer sind dann alle, das ganze Mogai Lexikon auf und ab, normal ist alles und zugleich nichts. Vorerst muss sich die Gender Avantgarde jedoch noch mit überkomplizierten Akronymen und mit ins Abstruse tendierenden Sub-Kategorien abmühen.

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