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Der Friedenswille der Menschen im Land, war die weltpolitische Voraussetzung für das, was auf den Straßen der DDR, in Leipzig, Dresden, Berlin und anderen Städten in den ersten Oktoberwochen befreiend ablief.

Umbruch ohne Gewalt

Glücksfall

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Friedrich Schorlemmer ist dankbar für den Umbruch ohne Gewalt – es hätte ja auch anders kommen können.

Ein Glück war das damals! Ein Glück, ein Wunder, ein Wahnsinn! Denn in den Oktoberwochen vor dreißig Jahren waren wir einem Bürgerkrieg ganz nahe. Ganz nahe die Angst, dass die sogenannte „chinesische Lösung“ auch bei uns greifen würde. Lager für Widerständler waren vorbereitet. Und ich will mir gar nicht ausmalen, wie es hätte kommen können über uns, wenn nur ein einziger Schuss gefallen wäre. Aber: Weil kein erster Schuss fiel, fiel kein zweiter…

Wir hatten Glück, dass mit Michail Gorbatschow seit 1985 ein Russe am Ruder war, der nicht mit Panzern, sondern mit neuen Gedanken, Gedanken des Friedens kam und der am 9. November 1989 nicht geweckt worden war und somit keine Anweisungen geben konnte, während in Wünsdorf die Panzer der sowjetischen Streitkräfte gefechtsbereit gewesen waren. Wir hatten Glück, dass Genschers Diplomatie Vertrauen in ganz Europa aufgebaut hatte. Gegenseitige Vernichtungsangst in einem Atomkrieg sollte nicht mehr Basis der Politik sein. Kooperation statt Konfrontation! Nicht neue Waffen in Stellung bringen, sondern alte geregelt vernichten.

Wir hatten unglaubliches Glück, dass Deutschland ein Land geworden war, vor dem kein anderes Land mehr Angst haben brauchte. Abrüstungsverträge gegen Hochrüstung! Reden, nicht schießen!

Wir hatten Glück, dass Menschen wie Richard von Weizsäcker, Helmut Kohl und Johannes Rau wichtige Positionen innehatten und nicht zu vergessen, wie Egon Bahr und Hans-Dietrich Genscher unermüdlich die Konfrontation abbauten. Die Friedensbewegung nahm die Stimmung der Völker auf.

Beides ist wieder und bleibt weiter wichtig: Die große Politik mit Sachverstand, Weisheit und Durchsetzungskraft. Und der Friedenswille der Menschen im Land. Das war die weltpolitische Voraussetzung für das, was auf den Straßen der DDR, in Leipzig, Dresden, Berlin und anderen Städten in den ersten Oktoberwochen befreiend ablief. Dass dies nur ein Jahr später zur Deutschen Einheit führen würde, ahnte damals niemand. Viele Klippen waren zu überwinden. Sie wurden überwunden.

Wir hatten nicht nur Glück, sondern haben rückblickend Anlass, dankbar zu sein, demütig – und ein bisschen Stolz auf Erreichtes zu empfinden. Auch wenn nicht alle Träume in Erfüllung gingen und neue Demütigungen tief sitzen, dürfen wir nie vergessen: Wir hatten Glück! Auch wenn neue Probleme drängen, globale Sackgassen, ökologische und atomare Bedrohungen; beängstigende Brände wüten in Brasiliens Lunge der Welt und den Weiten Sibiriens, während in Afrika Dürre herrscht. Die Schere zwischen Arm und Reich geht weiter auf. 70 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht.

Wir hatten Glück – und sind doch alle in neuer großer Gefahr. Moderne, uns näher rückende Atomraketen, haben altes Denken gefährlich wiederaufleben lassen. Müssen wir es erst am eigenen Leibe spüren? Oder lernen wir noch rechtzeitig vor der Katastrophe, dass wir den Gefahren nicht ausgeliefert sind, sondern ihnen begegnen können, als Vereinte Nationen der Zukunft zugewandt bleibend – und nicht der Trump-Parole „Wir zuerst“ folgend.

Hinter uns liegen Jahrzehnte eines Trainings des aufrechten Gangs, des Achtens auf jedes Wort. Denn das Wort tat seine pazifizierende Wirkung, es atmete den Geist der friedlichen Revolution! Wie sehr, das erkannten wir oft erst später. Bis dahin besuchten wir die Demonstrationen, Woche für Woche, Abend für Abend und zwangen einander zur Rechenschaft – ohne Gewalt, aber mit klaren Forderungen: Demokratie! Frieden! Menschenrechte! Freiheit!

Von hinten her beurteilt, war alles ganz leicht gewesen. Die vorbereiteten Isolierungslager blieben leer. Auch wenn jetzt nicht alles gut ist – zu diesem Tag ist vor allem Dank angebracht. Statt ins Enge, ins Nationalistische zurückzufallen, sollten wir dankbar sein – ohne zu vergessen, zu verleugnen, zu verdrängen, was hinter uns liegt. Nicht nur Krieg mit Raub, Vernichtung und entbehrungsreicher Nachkriegszeit, sondern eben auch 70 Jahre Frieden haben wir erleben dürfen. Wann gab es das je in Deutschland?

Doch der Friede braucht Subjekte, die sich dafür stark machen. Weltweit. Gegenseitiges Vertrauen ist und bleibt Wegbereiter für künftigen Frieden – und das lässt sich mit unentwegtem Twittern nicht bewerkstelligen. Stattdessen müssen wir aufrecht gehen, Menschlichkeit und Mitgefühl leben, uns in Zivilcourage bewähren, eines Neuen Denkens befleißigen, in dem auch der Gegner Platz hat.

Neues Denken heißt: Nicht mehr, nie mehr in Sieg-Niederlage-Kategorien zu denken, sondern von dem Lebenswillen des Anderen, des Fremden, des Konkurrenten, des Feindes her denken: er ist wie du. Denn das Gute ist auch immer das, was anderen gut tut. Das Vernünftige und sachlich Richtige ist immer auch das, was anderen zugutekommen kann.

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