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„Das ungute Bauchgefühl will sich eigentlich nicht da runterstürzen, aber der Kopf sagt, dass man das kann, dass man das will und dass man das beherrschen kann.“ Marco Büchel.

Extremsportler Marco Büchel

„Die Gefühle sind unbeschreiblich“

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Die frühere alpine Skirennläufer Marco Büchel über Sprünge ins Nichts und das Austesten der eigenen Grenzen.

Herr Büchel, Sie haben sich in ihrem Leben viele Freiheiten genommen und eine Menge ausprobiert. Sie waren Fallschirmspringer, Base Jumper, Sie fahren Motorrad und Sie waren 13 Jahre lang einer der besten Skifahrer der Welt, mit Vorliebe für hohe Geschwindigkeiten. Muss es bei Ihnen immer rasant und mit einem gewissen Risiko zugehen?
Im Skiweltcup bin ich zu den Speeddisziplinen gekommen, weil es mir als Riesenslalomspezialist zu langweilig war, nur zehn Rennen in einer Saison zu haben. Ich war dann von der Geschwindigkeit, der ganzen Action, der Aufregung und auch dem Nervenkitzel sehr schnell fasziniert. Je besser ich auf der Abfahrt wurde, desto schlechter wurde ich im Riesenslalom.

Jetzt erklären Sie uns doch mal, was faszinierend daran ist, in Kitzbühel mit rund 120 Kilometern pro Stunde auf die Mausefalle zuzurasen und dann 50, 60 Meter ins Nichts zu springen?
Das Problem beginnt oben im Starthaus. Da gibt es einen inneren Dialog zwischen Kopf und Bauch. Das ungute Bauchgefühl, man fühlt sich nicht wirklich wohl da oben, will sich eigentlich nicht da runterstürzen, aber der Kopf sagt, dass man das kann, dass man das will und dass man das beherrschen kann. Dann stürzt man sich mit dem so gesammelten Mut mit Überzeugung hinaus. Dann gibt es nur einen einzigen Gedanken: technisch alles richtig zu machen, weil man weiß, dann gibt es kein Problem.

Es braucht also immer eine Überwindung. Was treibt einen dazu, solche Risiken einzugehen?
Ja, Überwindung braucht es immer. Wenn alles klappt, dann ist das ein unbeschreibliches Gefühl, die Mausefalle und andere schwierige Stellen zu meistern. Ich begebe mich nicht absichtlich ins Risiko oder weil ich vielleicht lebensmüde bin, ich mach das in dem guten Gefühl, ich kann das und ich genieße das.

Verdrängt man die Gedanken daran, dass man bei 140 Kilometer pro Stunde stürzen könnte und die einzige Knautschzone der eigene Körper ist?
In Kitzbühel und auch anderenorts gibt es einige Passagen, wo man besser nicht stürzt. Im besten Fall ist das sehr schmerzhaft. Aber man ist von seinem Können so überzeugt, dass man nicht an die Gefahren denkt. Es gibt natürlich ein Kribbeln, eine ungeheure psychische Anspannung, aber gerade die ist so faszinierend.

Im Ziel sind dann alle erleichtert, weil sie die Höllenfahrt heil überstanden haben.
Ja, da ist man wie befreit. Da gehen die Emotionen sehr, sehr hoch. Ich sage Ihnen etwas: Was sich während so einer Fahrt und beim Jubel der Menge an einem einzigen Tag an Gefühlen abspielt, das erreiche ich als Pensionist in einem Jahr nicht.

Die Psychologen sprechen von Glücksgefühlen, die nach Bestehen einer solch extremen Herausforderung hochkommen. Danach könnte man süchtig werden. Ist das so?
Die Gefühle sind unbeschreiblich. Suchtgefahr verneine ich klar. Ich war, was gefährliche Abfahrten angeht, immer froh, wenn ich unten war. Nach den Trainingsfahrten musste ich mich am nächsten Tag immer überwinden. Ich brauchte da nicht zweimal runterfahren.

Mit Höchstgeschwindigkeit Ski zu fahren, hat Ihnen offensichtlich nicht genügt. Sie haben noch andere Herausforderungen gesucht. Warum?
Ich bin seit 20 Jahren Fallschirmspringer. Wenn den Körper nichts umgibt als nur Luft, wenn man mit der Luft spielt, sich bewegt im dreidimensionalen, weiten Raum, dann spüre ich die absolute Freiheit. Ich bin ein freiheitsliebender Mensch und dieses Gefühl ist einzigartig.

Wenn man in der offenen Tür des Flugzeuges sitzt und ein paar Kilometer ins Nichts und dann auf die Erde schaut, dann ist von der Freiheit wohl noch nichts zu spüren?
Natürlich war ich bei meinem ersten Sprung nervös. Aber ich habe den Instruktoren vertraut, die gesagt haben, der Schirm wird sich garantiert öffnen und falls nicht, dann gibt es noch den Reserveschirm. Das Risiko schien mir schon damals überschaubar.

Sie springen aber nur noch selten. Ängstlicher geworden oder nicht mehr auf der Suche nach dem Kick?
Sie werden es mir kaum glauben, es langweilt mich ein bisschen (lacht laut)… .

... darum sind Sie noch Base Jumper geworden?
Das habe ich mittlerweile ganz aufgegeben. Ich renne jetzt durch die Berge, der Jungfrau-Marathon zum Beispiel, das ist mein neues Freiheitsgefühl.

Also man muss nicht den Kitzel haben, um sich frei zu fühlen?
Nein. Bei all den Risikosportarten, die ich betrieben habe, war ich immer ein vorsichtiger Mensch. Ich habe meinen eigenen Gefahrenrahmen und mein Können nie überschritten.

No risk, no fun – hat das bei Ihnen nie gestimmt?
Mmmh, früher schon, jetzt nicht mehr so.

Die Psychologie will herausgefunden haben, dass risikobereitere Menschen sich glücklicher fühlen, weil sie extreme Aufgaben bewältigt haben.
Das ist sicher bei mir auch so gewesen. Ich bin aber grundsätzlich ein positiver Mensch. Wichtig war immer, das zu tun, was ich wollte, was mich erfüllt – das ist für mich Freiheit. Dennoch trägt ein gewisses Risiko dazu bei, das Leben intensiver zu genießen, es spannender zu machen.

Waren Sie als Kind auch einer, der auf die höchsten Bäume geklettert ist?
Das ist eine ganz eigene Geschichte. Meine Mutter hatte eine Privat-Pilotenlizenz, sie war auch Fallschirmspringerin, Taucherin, Skirennfahrerin und Motorradfahrerin. Sie hielt das alles für viel zu gefährlich für mich und hat alles verboten. Einem Heranwachsenden etwas zu verbieten, macht das Ganze noch interessanter. Ich war ein bisschen ein Rebell.

Base Jumping ist nun noch mal eine andere Nummer. Sicher eine der gefährlichsten Sportarten, die es gibt. Unfälle enden meist tödlich. Sie haben es dennoch probiert.
Ich habe in den 90er-Jahren die ersten Leute gesehen, die sich von Brücken stürzen. Für mich war das die Königsdisziplin. Ich wollte das einmal erleben. In Florida bin ich zum ersten Mal von einem Sendemast gesprungen. Da ist eine Überwindungskraft nötig, die um einiges größer ist als Fallschirmspringen. Wenn die Brücke, der Fels oder der Mast unter einem wegfällt, dann ist das ein extrem emotionaler Moment.

Sie haben bei dieser Art Mutprobe auch einen Freund verloren.
Ich habe beim Base Jumpen drei Regeln kennengelernt: du kannst dich verletzen, ein Freund von dir kann sterben oder du selbst findest den Tod. Wenn man oft genug springt, dann läuft das auf Letzteres hinaus. 2009 habe ich meinen besten Freund bei einem Sprung von einem Hochhaus verloren. Das war für mich der Moment zu sagen, okay. Du hattest eine coole Zeit das war’s.

Nicht nochmal in Versuchung geraten, mit den neuen Wing Suits, in denen Menschen versuchen, es den Vögeln gleichzutun?
Doch. Ich hatte einen Anzug der ersten Generation und bin damit aus Flugzeugen herausgesprungen, aber nie von Felsen herab. Ich hatte damals 100 Kilo, da bin ich nicht besonders elegant geflogen und habe es dann gelassen. Die Bilder faszinieren mich, aber ein Fehler dabei endet meist tödlich. Durch die weite Verbreitung von Videos lockt das viele Leute an, die das lieber nicht machen sollten.

Motorradfahren ist auch nicht ganz ungefährlich, übt aber auch auf Sie einen ganz besonderen Reiz aus.
Ich glaube, ich bin ein sehr vorsichtiger, sich des Risikos bewusster Fahrer. Eine Passstraße mit langgezogenen Kurven zu fahren, ist phantastisch, tatsächlich ein Gefühl von Freiheit. Ich fahre eine Harley und eine alte Triumph, eine Speedmaschine wäre nichts für mich. Das Rennfahrer-Gen hatte ich nur auf der Piste.

Die meisten Studien zum Risikoverhalten des Menschen beschäftigen sich mit Wirtschaftsfragen, genauer gesagt mit der Risikobereitschaft bei Investmentgeschäften. Sie sind Schweizer und Liechtensteiner Staatsbürger, also geradezu prädestiniert, sich in Geldfragen auszukennen (Marco Büchel lacht laut). Nehmen Sie sich auch die Freiheit zu spielen?
Überhaupt nicht. Ich bin sehr konservativ. Ich habe mein Geld in einem Fonds angelegt, für die Alterssicherung. Der bringt, wenn es hoch kommt mal fünf Prozent, eher weniger.

Interview: Jürgen Ahäuser

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