+
Der Bundestrainer könnte Trendsetter in Sachen Führungsstil werden.

Joachim Löw

Führung als Entscheidung für die Liebe

Was Manager von Bundestrainer Joachim Löw lernen können. Ein Gastbeitrag Frank E.P. Dievernich, Präsident der Frankfurt University of Applied Sciences.

Von Frank E.P. Dievernich

Als Deutschland im vergangenen Sommer die Fußballweltmeisterschaft gewann, kommentierte Bundestrainer Joachim Löw dies mit folgendem Satz: „Ich bin mehr als verliebt in dieses Team. Es ist eine tiefe Liebe.“ Man kann fragen, ob diese Stellungnahme letztendlich nicht den größeren Sensationsfaktor beinhaltete, als die Verewigung des vierten Sterns auf den Trikots der Mannschaft.

Für die Managementpraxis jedenfalls ist damit ein Dammbruch zu markieren – geht man davon aus, dass Löw als Top-Manager anzusehen ist. Zwar spricht man neuerdings von „Achtsamer Führung“ („mindful leadership“), bei der es auch und gerade um Gefühle geht. Allerdings hat es die Liebe im Management bisher nicht leicht gehabt, denn sie ist ein Faktor, von dem nicht klar ist, wie mit ihm in Organisationen (außer vielleicht in der Kirche) und im Management umzugehen ist.

Liebe nämlich ist alles andere als rational. Liebe ist nicht das Kind der Entscheidung. Gerade weil Organisationen sich als rationale Entscheidungsgebilde verstehen, deren Grundlage Argumentationsketten sind, fehlt der Liebe nicht nur der Platz in Organisationen, es braucht auch ungeheuren Mut, als Führungskraft auf die Liebe als Gestaltungsinstrument zu setzen. Ein Manager muss schon gekonnt darstellen, warum es rational klug ist, auf die Irrationalität der Liebe zu setzen. Löw muss das nicht mehr, er wurde Weltmeister.

Der Clou bei dieser Betrachtung ist jedoch, dass die Liebe eine allumfassende Kategorie darstellt, die alle erfolgreichen Rationalitätstugenden beinhaltet, ja sogar ihre Grundlage bildet: ohne die Liebe kein Schaffungsdrang, ohne die Liebe nichts, was langfristig gut wird. Die Liebe ist die Grundenergie des Lebens. Und sie ist es, die Bindung entstehen lässt und Bindungslosigkeit damit entgegentritt.

Schöner als der Schalke 04-Manager Horst Heldt zu einem möglichen, medial ins Spiel gebrachten, Engagement von Jürgen Klopp als Trainer der Knappen kann man es nicht ausdrücken: „Sieben Jahre echte Liebe innerhalb von zwei Monaten zu verändern, würde keiner verstehen.“ So gesehen ist Liebe eine echte Wunderwaffe moderner Unternehmensführung und man muss fragen, warum das bisher noch nicht erkannt wurde: Einerseits sichert Liebe die so oft beschworene Nachhaltigkeit, andererseits liefert sie den Funken, damit Neues und vielleicht sogar Unmögliches gedacht, entstehen und umgesetzt werden kann.

Schließlich ist sie es, die Gegensätze – obwohl vorhanden und gesehen – überwinden kann. Mit einem Streich(eln) kann die Liebe es schaffen, Ambivalenzen zu überwinden – oder zumindest nicht mehr so ernst zu nehmen, weil im Lichte der Liebe die Schärfe der Gegensätze weich gezeichnet wird.

Es hat jedoch seinen Grund, warum dieses „Zauberinstrument“ in Organisationen bislang wenig beachtet wird. Der Verweis auf die Liebe bringt nämlich die alte Unterscheidung zwischen Rolle und Person mächtig ins Wanken. Genau diese ist es aber, die Organisationen bisher funktionieren ließ. Die Person verschwindet hinter der Rolle der Führungskraft und mit ihr die ganze Welt der Gefühle, der persönlichsten, schicksalshaften Empfindungen und natürlich eben die ganze Welt von Liebe, Gleichgültigkeit, Ärger und gegebenenfalls Wut. Vor allem kommt eben auch das Ringen nicht zum Vorschein, wie mit diesen Gefühlen umzugehen ist. Wer die Liebe adressiert, meint damit die ganze Person in ihrem Gefühlshaushalt.

Das bedeutet nicht, dass in einer Rolle nicht auch Gefühle auftauchen können. Jedoch – und genau das ist das Charakteristikum der Rolle – sind es dann bloß Elemente von Gefühlen, die in einer Rolle ausgedrückt werden; das kann Liebe oder auch Ärger sein. Nur sind eben die Rolle und die jeweilige Inszenierung niemals mit der Person gleichzusetzen.

Die Rolle ist eine perfekte Komplexitätsreduzierung der Person, die diese anschlussfähig an viele soziale Settings erscheinen lässt. Genau darin liegt aber zunehmend das Problem: Komplexitätsreduzierungen beschneiden die Vielfalt, die Optionen, die es braucht, um sich in einer komplexen Welt bewegen zu können. Also das ernst nehmen und sich bitte den Authentizitätsschuh endlich anziehen!

Die Liebe in die Führung zu integrieren bedeutet somit die Unterscheidung zwischen Person und Rolle ein Stück weit aufzuheben. Es bedeutet Verantwortung (wieder) an eine Person zu binden, weil eine Bindung zu den eigenen Gefühlen nicht einfach aufzuheben ist.

Nimmt man die seit Jahren geführte Authentizitätsdebatte ernst, dann ist die Thematisierung von Gefühlen und Liebe in Organisationen ein konsequenter Schritt, die Person wieder hinter der Rolle hervorzuholen – mit aller Verantwortung und schonungsloser Konsequenz eben für diese Person.

Es ist die Aufgabe gerade von Hochschulen, in die Zukunft zu denken. Für die Führungsdebatte bedeutet dies, darüber nachzudenken, wie Liebe in die Führung zu integrieren ist, zu verstehen, was Joachim Löw genau gemeint hat. Es geht darum, eine „Liebevolle Führung“ ausbuchstabieren zu lernen und zu definieren, wie eine entsprechende Führungskräfteentwicklung zu gestalten ist.

Liebevolle Führung bedeutet zunächst einmal, sich selbst als Führender im Auge zu behalten und sicherzustellen, dass Führung einer inneren Zuwendung, einer Liebe zum Thema und zu Menschen entspringt. Liebevolles Führen heißt, mit einem liebevollen Blick die Integration der eigenen Gefühle und Emotionen in die Führung zuzulassen. Liebevolle Führung bedeutet, sich selbst mit einem Augenzwinkern zu betrachten, wenn man versucht, sich hinter dem von wem auch immer vorgegebenem Rollenmuster zu verstecken; es geht um die liebevolle Ermahnung, zu sich zu stehen und das persönliche Gesicht zu zeigen – denn nur das bleibt verlässlich nachhaltig.

Das ist es, was die Mitarbeitenden – zu Recht – einfordern. In Bezug auf die Geführten bedeutet eine liebevolle Führung, den anderen im Kontext der Organisation mit allen Chancen und Begrenzungen, die eben Organisationen so zu bieten haben, zu sehen, zu fordern und zu fördern. Es ist sozusagen ein liebevolles Herausfordern, ein strenges Hinschauen bei dem Gefühl versöhnlich den Menschen zu sehen, der in Organisationen immer wieder mit seiner Rolle ins Strudeln kommt.

Liebevolles Führen bedeutet aber vor allem, in der Führungsbeziehung zwischen Führungskraft und Mitarbeitenden sich auf die Suche der gemeinsamen Emotionalität zu machen, denn diese ist es, die alle rationalen Konzepte und Argumentationslinien zum Fliegen oder zum Einstürzen bringt. Aus Liebe zur Organisation sollten wir das nie vergessen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare