+
Zahlen zeigen, das vorsätzliche Tötungsdelikte seit 1993 rückläufig sind. 

Verbrechensfurcht

Warum Gewaltkriminalität uns Angst macht

  • schließen

Schon vor den Attacken in Frankfurt und Stuttgart glaubte die Mehrheit der Bundesbürger fälschlicherweise, Kriminalität habe zugenommen. Ein Gastbeitrag von Wolfgang Heinz.

Jugendliche, insbesondere solche mit Migrationshintergrund, seien überproportional mit Gewaltkriminalität belastet. Diese Gewissheiten beruhen nicht auf eigener Erfahrung, sondern werden durch die Berichterstattung in den Medien vermittelt und aus ihnen gewonnen. Nachrichtenwert haben nur aufsehenerregende Fälle. Berichte über Sexualmorde an Kindern, über Amokläufe in Schulen, über brutale Überfälle und sexuelle Übergriffe beherrschen tagelang die Berichterstattung und die Talkshows. Sie prägen die Vorstellung einer steigenden und zunehmend brutaler und gefährlicher werdenden Kriminalität.

Wie sehr es sich hierbei um eine Selektion handelt, wird deutlich, wenn das massenmedial vermittelte Bild von Kriminalität konfrontiert wird mit der Polizeilichen Kriminalstatistik. Im medialen Kriminalitätsbild ist zum Beispiel der Anteil der Sexualmorde mehr als 6000-mal so hoch wie in der Statistik. Diese dem Nachrichtenwert geschuldete „Dramatisierung der Gewalt“ ist folgenreich für die Kriminalitätswahrnehmung und die Verbrechensfurcht.

Befragungen zufolge wird der auf Gewaltkriminalität entfallende Anteil an polizeilich registrierter Kriminalität deutlich überschätzt. Tatsächlich macht dieser derzeit 2,9 Prozent aus. Überschätzt wird aber auch die Schwere der die Gewaltkriminalität bildenden Delikte. In der Polizeilichen Kriminalstatistik werden hierunter Kriminalitätsformen unterschiedlichsten Schweregrades, unterschiedlicher Häufigkeit und auch zeitweilig gegenläufiger Entwicklung erfasst.

70 Prozent der Gewaltkriminalität werden dem (weiten) Straftatbestand der gefährlichen Körperverletzung zugeordnet, der etwas über die Art der Tatbegehung, aber nichts über die Schwere einer etwaigen Verletzung besagt. Weitere 25 Prozent entfallen auf Raubdelikte. Mord/Totschlag (einschließlich Versuch) machen 1,2 Prozent (gerundet ein Prozent) der gesamten Gewaltkriminalität aus, ein Anteil von vier Prozent entfällt auf Vergewaltigung/sexuelle Nötigung. Jeder Fall kann ein schreckliches Einzelschicksal sein. Die Zahlen verdeutlichen aber die Heterogenität der unter Gewaltkriminalität zusammengefassten Fälle.

Gewaltkriminalität ist rückläufig

Entgegen der Annahme, Gewaltkriminalität habe stetig zugenommen, zeigt die Statistik, dass die schwersten Formen, nämlich vorsätzliche Tötungsdelikte, seit 1993 rückläufig sind und derzeit unter dem Stand der ersten Hälfte der 1960er Jahre liegen. Ebenfalls seit Jahren zurückgegangen sind Vergewaltigung/sexuelle Nötigung und Raub sowie (seit 2007) auch die gefährliche Körperverletzung.

Das Ausmaß der Vorfälle in der Kölner Silvesternacht wurde erst nach vielen Tagen deutlich, als immer mehr Frauen Anzeige erstatteten. Der Polizei wird ganz überwiegend nur das bekannt, was angezeigt wird. 80 bis 90 Prozent aller registrierten Delikte erfährt sie nur durch Anzeigen. Jeder weiß aber, dass nicht jedes Delikt als solches wahrgenommen wird (der Betrogene merkt häufig nicht, dass er betrogen worden ist) und dass nicht alles, was dem Opfer widerfährt, auch angezeigt wird.

Schwere Delikte werden häufiger angezeigt als Bagatellen; Delikte im öffentlichen Raum wie Körperverletzung haben ein höheres Anzeigerisiko als etwa Wirtschaftskriminalität. Wenn die Sensibilität für Gewalt in einer Gesellschaft steigt, dann werden mehr Gewaltdelikte angezeigt. Dunkelfeldstudien zeigen beispielsweise, dass ein erheblicher Teil des in den letzten drei Jahrzehnten erfolgten Anstiegs der Körperverletzungsdelikte auf einer zunehmenden Anzeigebereitschaft beruht.

Lesen Sie auch: Bundespolizei zählt weniger Körperverletzungen an Bahnhöfen

Die Anzeigebereitschaft ist aber nicht nur von Tat-, sondern auch von Tätermerkmalen abhängig. Untersuchungen belegen, dass die Anzeigebereitschaft erheblich von der ethnischen Zugehörigkeit der Täter abhängt, dass Fremde mit höherer Wahrscheinlichkeit angezeigt werden als Einheimische. Die Kriminalstatistik misst also nicht objektiv die „Kriminalitätswirklichkeit“, sondern erfasst überwiegend nur jenen Ausschnitt, der für anzeigewürdig erachtet wird.

Jeder weiß nicht nur um die Selektivität der Anzeige, sondern auch, dass nicht jeder Fall aufgeklärt wird. Die Aufklärungsrate reicht bei Gewaltdelikten von um die 50 Prozent (Raub) über 80 Prozent (Vergewaltigung, gefährliche Körperverletzung) bis zu über 90 Prozent (Mord/Totschlag). Was wir über die Tatverdächtigen wissen, ob jung oder alt, männlich oder weiblich, mit oder ohne Migrationshintergrund, wissen wir nur dann, wenn der Tatverdächtige ermittelt werden konnte. Ein Rückschluss von den ermittelten auf die nicht ermittelten Tatverdächtigen ist nicht möglich.

Nicht jeder namentlich bekannte Tatverdächtige wird allerdings auch verurteilt. Die Polizeiliche Kriminalstatistik gibt die „Situation des Verdachts“ wieder. In vielen Fällen lässt sich freilich der Tatverdacht nicht so weit erhärten, dass das Gericht auch verurteilt. Die zahlenmäßige Gegenüberstellung von Tatverdächtigen und Verurteilten zeigt, dass derzeit auf 100 Tatverdächtige wegen Mordes/Totschlags nur 20 wegen dieser Delikte Verurteilte kommen, bei Raub sind es 27.

Kriminalität: Mediales Bild durch Dramatisierung von Einzelfällen gekennzeichnet

Bei einem großen Teil der Tatverdächtigen ist – entgegen polizeilicher Einschätzung – nach Auffassung der Staatsanwaltschaft kein für eine Anklageerhebung hinreichender Tatverdacht gegeben, bei einem weiteren Teil wird wegen eines anderen, zumeist minderschweren Delikts verurteilt. Die Schwere des Vorfalls wird offenbar in der Kriminalstatistik tendenziell überschätzt.

Das mediale Bild ist durch Dramatisierung und Verallgemeinerung von unbestreitbar schrecklichen Einzelfällen gekennzeichnet, das Bild in der Kriminalstatistik gibt ein zu den schweren Deliktformen hin verschobenes Bild wieder. Deshalb ist eine als Korrektiv dienende, statistikbegleitende Dunkelfeldforschung notwendig, die sowohl die Wahrnehmung der Betroffenen als auch die Anzeigebereitschaft wiedergibt. Nur eine Verlaufsstatistik würde es ermöglichen, die Gründe für den „Schwund“ zwischen Tatverdächtigen und Verurteilten zu erkennen. Sie wird seit langem gefordert, ist aber immer noch nicht realisiert.

Und nicht zuletzt ist die Wiederaufnahme der umfassenden Berichterstattung über die innere Sicherheit geboten, wie sie in den beiden Periodischen Sicherheitsberichten 2001 und 2006 erfolgte. Nur so lassen sich unbegründete Ängste entkräften, Populisten mit Fakten konfrontieren, lässt sich rationale Kriminalpolitik betreiben. Im Blindflug geht es nicht.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare