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Nordkoreaner betrauern den Tod von Kim Jong Il: "Der Missbrauch besteht darin, dass man einem inszenierten Trugbild aufsitzt."

Interview Personenkult

Der Einzelne wird erniedrigt

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Inwiefern spielt Liebe beim Personenkult eine Rolle? Der Psychologe und Rhetorik-Dozent Alexander Kirchner spricht im FR-Interview über Missbrauch von Liebe und Manipulation im Personenkult totalitärer Systeme.

Herr Kirchner, inwiefern spielt Liebe beim Personenkult eine Rolle?
Personenkult als Phänomen ist ja weidlich dehnbar. Wir sprechen hier nicht über eine Verehrung von Idolen, wie sie etwa Bastian Schweinsteiger zuteil wird. Aber in Form des bewusst inszenierten Personenkults in autoritären Systemen, in Sekten oder in manch krimineller Bande wird mit der Liebe gespielt. Zum Nutzen des Systems wird die Liebe des Anführers instrumentalisiert, um die Menschen zu einem Verhalten zu bringen, das selbstschädigend oder sittlich oft schwierig ist.

Zum Beispiel?
Ganz klassisch: Nordkorea. Hier akzeptiert es die Bevölkerung, weiterhin unter sehr schlechten Bedingungen zu leben und sogar zu hungern. Andere Beispiele sind Gurus im spirituellen Umfeld, aber auch manche Finanzjongleure. Die Anhänger vermachen ihnen ihr letztes Hemd und hoffen auf materiellen Segen.

Wie kann es so weit kommen?
Propagandistisch findet eine Personalisierung statt. Ein Beispiel dafür sind die berühmten Autobahnen im Dritten Reich, die angeblich Adolf Hitler zu verdanken sind. Im nächsten Schritt wird diese Leistung als genial hervorgehoben und der vermeintliche Erfinder heroisiert und mythisiert.

Das geht aber nur, wenn man die Medien unter Kontrolle hat.
Grundsätzlich ja. Denn das Urteilsvermögen der Anhänger ist oft beschränkt. Doch es gibt Ausnahmen, bei all den Gruppen etwa, wo die Mitglieder freiwillig auf andere Informationsquellen verzichten – weil sie in ihrer Weltsicht nicht irritiert und verunsichert werden wollen.

Wie bringt man denn die Anhänger dazu, sich selbst so ganz und gar aufzugeben?
Oft besteht bei ihnen eine Unzufriedenheit mit den jetzigen Zuständen. Dann werden Sehnsüchte geschürt und Versprechungen gemacht. Die Anhänger identifizieren sich mit dem vermeintlichen Heilsbringer und akzeptieren ihn als Vorbild, der es angeblich gut mit ihnen meint.

Und dann?
Der Führer wird idealisiert: Er allein wird mir aus meinem Unglück helfen und für meine Bedürfnisse Sorge tragen.

Wie muss ich mir das genau vorstellen?
Seine Anhänger erleben, dass sich der Führer für sie aufopfert und nur an ihrem Wohl interessiert ist. Rastlos und selbstlos. Ein echter Liebesbeweis! Er suggeriert Liebe und Zuwendung. Und der Einzelne sieht seinen tiefen Wunsch erfüllt, dass man sich um ihn sorgt und dass er geliebt wird.

Liebe macht eben blind.
Ja, es entstehen Trugbilder. Der Missbrauch besteht darin, dass man einem inszenierten Trugbild aufsitzt. Man erlebt eine narzisstische Gratifikation: Mein Ego wird aufgewertet, weil sich der Andere mir zuwendet. Die Wirklichkeit will man da nur eingeschränkt wahrnehmen.

Kann man da denn überhaupt von Liebe sprechen?
Wohl kaum. Denn Liebe ist symmetrisch angelegt. Manipulation hingegen ist asymmetrisch. So ist es letztlich eine Entwertung der Liebe und eine Erniedrigung des Einzelnen. Denn wer liebt, meint es ehrlich. Hier aber hat der Andere eine bestimmte, unausgesprochene Absicht. Darin steckt das Unaufrichtige und ethisch Bedenkliche.

Jenseits von totalitären Systemen und Sekten – wo gibt es diese Form des Missbrauchs von Liebe noch?
Eines ganz ähnlichen Musters bedient sich etwa der klassische Heiratsschwindler. Oder der Geheimagent, der eine Sekretärin dazu bringt, Geheimnisse auszuplaudern, indem er ihr das Gefühl gibt: Der liebt mich. Auch im Führungsalltag gibt es ähnliche Phänomene – die so genannte transformationale Führung. Hier gehen Mitarbeiter ihrem charismatischen Vorgesetzten zuliebe über ihre Grenzen, weil sie sich von ihm eine besondere Zuwendung erhoffen. Für alle diese Fälle gilt: Von innen sieht die Illusion aus wie Wahrheit. Um so mehr schmerzt die Enttäuschung.

Interview: Sabine Hamacher

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