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Der Plan nach Japan auzuwandern endete in Hartz 4.

Neue Chancen

Krisen und Brüchen trotzen

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Krisen ereilen uns früher oder später alle. Nicht immer eröffnen sich dadurch neue Chancen. Davor bangen muss aber niemand.

Als Peter Braun vor acht Jahren nach Japan auswanderte, hatte er große Pläne. Er und seine Frau wollten sich in Fukuoka im Süden des Landes ein neues Leben aufbauen. Mit einem Bekannten plante Braun, sich selbstständig zu machen und Brettspiele zu digitalisieren. Er habe sich in die Arbeit gestürzt und viel Herzblut in die kleine Firma gesteckt, erzählt der heute 49-Jährige.

Doch sein Geschäftspartner verlor irgendwann das Interesse. Und Braun selbst habe in derart ungünstigen Verträgen festgesteckt, dass er nur schwer etwas verkaufen konnte. „Schließlich ist das Unternehmen wie ein Kartenhaus in sich zusammengefallen“, sagt Braun, der daraufhin nicht nur wegen der gescheiterten Firma am Ende war: Kurze Zeit später ging auch seine Ehe in die Brüche. Braun siedelte daraufhin wieder nach Deutschland um, schlug sich in München als freier Illustrator durch. Doch dann sei es erst richtig losgegangen, sagt er. Die Aufträge blieben aus, Braun rutschte in Hartz IV. „Das Ganze war tatsächlich ein Lebensbruch“, sagt er heute.

Die „Individualisierung von Brüchen“

Persönliche Krisen, Wirrungen und Wendungen gehören zum Leben dazu. Die Art der Brüche, die jede und jeden im Laufe des Lebens irgendwann ereilen, hat sich in den vergangenen Jahren allerdings verändert – zumindest in der westlichen Welt. Sighard Neckel, Professor für Gesellschaftsanalyse und sozialen Wandel an der Universität Hamburg, spricht von einer „Individualisierung von Brüchen“: Denn „Persönliche Krisen hat es natürlich auch früher schon gegeben, allerdings haben sie sich oftmals inmitten kollektiver Brüche wie etwa Kriegen oder heftigen Wirtschaftskrisen vollzogen.“ In der jüngeren Vergangenheit seien wir von Katastrophen und schweren gesellschaftlichen Krisen dagegen verschont geblieben. „Deswegen machen sich Brüche heutzutage häufig an Einzelschicksalen fest.“

Was als Krise oder Bruch empfunden wird, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich – je nachdem, wie und mit welcher Intensität uns eine Situation belastet. „Stress entsteht im Kopf“, sagt Donya Gilan, Psychologin am Deutschen Resilienz Zentrum (DRZ) in Mainz. Der persönliche Stress und die Stressantwort hingen in erster Linie davon ab, wie die Situation, mit der man gerade konfrontiert ist, wahrgenommen und eingeschätzt wird. Während dem einen also etwa ein plötzlicher Jobverlust extrem zu schaffen macht, kommt die andere verhältnismäßig gut damit zurecht. 

Jeder geht mit der Krise anders um 

Die psychische Widerstandskraft – also die Fähigkeit, Stress- und Krisensituationen zu überstehen – wird in Psychologie und Medizin als Resilienz bezeichnet. Der Begriff hat sich in den vergangenen Jahren zu einem regelrechten Modewort entwickelt, das insbesondere in der Ratgeberliteratur und Magazinen gerne aufgegriffen wird. Grundsätzlich, sagt Forscherin Gilan, könne man erst nach einer Krise mit Gewissheit bestimmen, wie jemand eine Krisensituation bewältige und was er dafür benötige. „Der eine verfällt trotz Familie, Geld und Status in eine stressassoziierte Erkrankung wie eine Depression, Sucht oder Angst, während der andere weder Geld noch Glaube oder soziale Unterstützung hat, sich aber dennoch wie Phoenix aus der Asche schwingt.“

Man habe bisher aber beobachten können, dass sich bestimmte Menschen in Krisensituationen besser und vor allem schneller an Stressfaktoren anpassen könnten. „Auch ‚resiliente Menschen‘ leiden in Krisensituationen, sie kommen nur schneller darüber hinweg und bleiben nicht an einem Tiefpunkt stehen.“ Sie gingen in belastenden Lebenssituationen konstruktiv mit ihren Emotionen um und seien in der Lage, wieder aktiv die Gestaltung ihres Lebens zu übernehmen, so die Forscherin.

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Nach den Tiefschlägen hat sich auch Peter Braun aufgerafft. „Ich war wie ein Schwamm und habe alles aufgesaugt, was mir irgendwie hätte helfen können“, sagt er rückblickend. „Was auf jeden Fall nicht geholfen hat, war vor der Situation zu fliehen, etwa mit Alkohol.“ Stattdessen fing er mit Yoga und Meditation an, zusätzlich stützte ihn sein Glaube – und langsam ging es ihm besser. 

Ein Sturz verändert alles

Auch das Leben von Luca Biwer ist durch einen tiefen Bruch geprägt, wenn auch ganz anderer Art. Aber er schaut ebenfalls nach vorne und macht das Beste aus seiner Situation. Der heute 25-Jährige war Mitglied im deutschen Mountainbike-Nationalkader und auf dem Weg an die europäische Spitze, als er im Juni 2017 im Training schwer stürzte. Er fiel auf den Kopf, spürte direkt nach dem Aufprall Arme und Beine nicht mehr. „Ich habe nur immer wieder gesagt: Zieht mir bloß nicht den Helm aus“, sagt Biwer, der nach dem Unfall bei Bewusstsein war und bereits ahnte, dass er schwerverletzt war.

Durch den Sturz brachen zwei obere Halswirbel, einer bohrte sich ins Rückenmark. Biwer ist seitdem ab dem Hals abwärts gelähmt, der Traum vom Leben als Profi-Mountainbiker zerstört. Nach seinem Sturz verbrachte er 14 Monate in Spezialkliniken, wurde mehrfach operiert. Zunächst musste er beatmet werden, das selbstständige Atmen strengt ihn nach wie vor an.

Doch heute, kaum zweieinhalb Jahre nach dem Unfall, sagt er: „Mittlerweile geht es mir wieder gut.“ Zum Zeitpunkt des Unfalls war Biwer mitten in der Ausbildung zum Industriemechaniker an der Dillinger Hütte im Saarland, die Zwischenprüfungen waren gerade vorbei. Die Ausbildung hat er trotz allem beendet: Mit einer Mundmaus kann er am Computer arbeiten, so konnte er sein Werkstück für die Prüfung digital modellieren. Jetzt studiert er in Saarbrücken Wirtschaftsingenieurwesen. Er hat eine 24-Stunden-Betreuung, die ihn überall hin begleitet. „Ich habe wieder gut in meinen Alltag gefunden“, sagt Biwer – auch, weil er unglaublich viel Unterstützung von seiner Familie, der Freundin und seinen Freunden bekommen habe. Er hat sich zurückgekämpft. „Nur so geht es“, sagt er.

Lernen, Herausforderungen zu meistern

Zwei Menschen, deren Leben durch ganz unterschiedliche Brüche umgekrempelt wurden. Beide hatten große Träume und Pläne, die plötzlich geplatzt sind – und trotzdem haben beide die schwere Zeit überwunden und sich mit all den Veränderungen arrangiert. Ist Resilienz, ist psychische Widerstandskraft in Krisenzeiten also eine Charaktereigenschaft, die man hat – oder eben nicht? „Es gibt sicherlich Personen, denen es aufgrund ihrer genetischen Ausstattung leichter fällt, beispielsweise optimistisch in die Zukunft zu schauen, weil sie dispositionell dazu veranlagt sind“, sagt Psychologin Donya Gilan. Auch käme es häufig darauf an, wie wir in unserer Biografie gelernt hätten, Herausforderungen zu meistern, erfolgreich an etwas zu arbeiten oder mit geeigneten Strategien Frustration und Langeweile zu besiegen. „Das bedeutet aber nicht, dass man nicht daran arbeiten könnte“, betont Gilan. „Es kommt auf die Motivation an, tagtäglich etwas zu tun, um an seiner Stresskompetenz zu arbeiten.“

Zwar gebe es kein generelles Patentrezept, um mit einer Krise fertig zu werden. „Die Resilienzforschung aber macht Mut, dass wir in Krisen einen Lösungsweg finden, selbst, wenn wir ihn vorher nicht kennen“, sagt Gilan. „Statt vor der nächsten Krise zu bangen, könnten wir sie auch als Einladung ansehen, die eigene Resilienzfähigkeit zu trainieren. Tatsächlich erkennen wir oft erst in der Not, wie resilient wir wirklich sind.“

Erfahrungen weitergeben 

Peter Braun hat zwei Jahre gebraucht, um sich von seiner schweren Zeit zu erholen – und dann entschieden, seine Erfahrungen mit anderen zu teilen. „99 Schritte aus der Krise“ heißt sein Buch mit Tipps und Ratschlägen, das im Mai erschienen ist. Zudem hat er ein neues Unternehmen gegründet.

Auch Luca Biwer will etwas weitergeben und ist dem Mountainbiken trotz seines Unfalls treu geblieben: Im von ihm gegründeten Verein trainiert er nun Kinder und Jugendliche. So kann er weiter an dem Sport teilhaben und Kontakte pflegen. Kürzlich hat er sogar noch einen weiteren Verein gegründet: „Luca’s Bewegung“ ist aus „Bewegung für Luca“ hervorgegangen, einer Initiative, mit der Freunde nach seinem Unfall Spenden für ihn sammelten. Mit dem neuen Verein will er nun selbst Spenden sammeln – und in Zukunft damit andere verletzte Sportlerinnen und Sportler unterstützen.

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