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„Irgendwann war es einfach genug“, schreibt Dilek Güngör. „Genug mit der Erklärerei und der Geschwätzigkeit. Ich hatte keine Lust mehr, mich so zu erzählen, wie andere es erwarteten.“

Geschichte

Lass es gut sein

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Lange, vielleicht zu lange hat Viktor Funk kaschiert, wo er herkommt. Heute weiß er, wie wertvoll die eigene Geschichte ist.

Sie sitzt auf einem Klapphocker, zu ihren Füßen liegen selbstgestrickte Wollsocken. Ihr Platz zwischen zwei großflächigen Auslagen anderer Flohmarkt-Händler ist kaum zu sehen. Ich bin aber nicht wegen der Socken stehengeblieben, sondern wegen des Kopftuchs der Frau, ihrem Mantel, ihrem Gesicht.

Zum letzten Mal habe ich solche Gesichter mit ähnlichen Kopftüchern und dicken Mänteln vor zweieinhalb Jahren gesehen, hoch oben im russischen Norden. Die Frauen saßen auf kleinen Hockern auf der schneebedeckten Straße, verkauften Fisch, Fleisch, eingemachtes Gemüse und in ihren Gesichtern, im Gesicht dieser Frau auf dem Flohmarkt, sah ich das Gesicht meiner Großmutter, die schon lange nicht mehr lebt. Tiefe Falten, ruhige Augen, weißgraues Haar.

Ich nehme ein paar Socken, fühle die dicke Wolle, das Strickmuster und denke an das letzte, längst durchgetragene Paar Wollsocken meiner Großmutter, das ich nicht wegwerfen kann.

„Was kosten sie?“

„Sieben Jero“, antwortet die Frau. Sie spricht das „Eu“ im Euro wie „Je“ aus, typisch für viele aus dem slawischen Sprachraum.

Sieben Euro. Das ist der Wert, den sie ihrer Arbeit, sich selbst, zumisst. In einem Geschäft kostet ein Paar Wollsocken dieser Qualität 20 Euro und mehr.

Brüche: „Ihr müsst lernen“

Viktor Funk:  Mein Leben in Deutschland begann mit einem Stück Bienenstich, Größenwahn Verlag 2018, 220 Seiten, 12,90 Euro.

Ich ringe mit Bildern und Gefühlen, die mich unerwartet überfluten, ich höre die Stimme meiner Großmutter, die weint und auf sich schimpft, wie „dumm“ sie sei, wie „ungebildet“ und dass wir, ihre Enkel, „lernen“ sollen, „lernen, lernen, ihr müsst lernen, dass ihr nicht so dumm sterbt wie mir“. Sie sagte immer „mir“ statt wir. Und sie klagte so an dem Tag, an dem mein Großvater gestorben war, nach 49 Jahren gemeinsamer Zeit.

Ich nehme diese Selbstabwertung, diese verinnerlichte Unterdrückung, immer wieder bei Zuwanderern wahr. Dieses Nicht-Auffallen, Sich-Unsichtbar-Machen, Sich-Klein-machen, Nicht-Zu-Laut-Fordern, dieses Alles-Hinnehmen – das sehe ich immer wieder bei Migranten, besonders bei jenen aus den sogenannten „einfachen“ Verhältnissen, wobei mit diesem Begriff immer der Reichtum an Lebenserfahrung ausgeschlossen, dafür aber der materielle Stand hervorgehoben wird.

Diese Unterordnung ist nicht typisch für Migranten, sie ist typisch für Menschen, die ohne viele Privilegien, ohne viele Chancen auf eine selbstbestimmte Entwicklung aufgewachsen sind. Und in diesem Punkt sind Migranten trotz vieler Verbesserungen in Deutschland noch immer im Nachteil. Wer diesem Nachteil entkommen will, kann das durch Überanpassung kompensieren. Das habe ich viel zu lange versucht.

Ich brach Beziehungen zu anderen Jugendlichen ab, die mit mir im Deutschförderkurs saßen, ich mied große Familienfeiern, sprach die Sprache meiner Kindheit nicht. Und viel zu lange habe ich gedacht, dass das ein erfolgreicher Weg ist. Helle Haut, helle Haare, graublaue Augen, akzentfreies Deutsch. „Woher kommst Du?“ blieb mir nach kurzer Zeit in Deutschland erspart. Ich wollte dazugehören (zu was genau?) und es schien, als gehörte ich dazu. Aber eigentlich war das kein Dazu-Gehören-Wollen, sondern ein Dazu-Gehören-Müssen.

Brüche: „Müssen“ begleitet alle Integrationsdiskussionen

Dieses „Müssen“ begleitet alle Integrationsdiskussionen. Und entlarvt diese auch, weil „Müssen“ eigentlich zeigt, dass es nicht um Integration, sondern oft um Assimilation geht. Und Assimilation zwingt Menschen, mit etwas zu brechen – wofür unser Innerstes aber nicht gemacht ist. Und dieser Bruch, der eigentlich unserer Vergangenheit, einem bestimmten Kulturkreis oder bestimmten Traditionen gelten soll, dieser Bruch ist dann in uns.

Brüche: Lange, sehr lange hat Dilek Güngör erzählt, wo sie herkommt. Heute erzählt sie, wer sie ist

Viktor Funk, 1978 in Kasachstan geboren, ist Redakteur in der FR-Politikredaktion.

Ich habe ihn zu kitten versucht, bin gereist, habe geschrieben, Gespräche geführt. Doch ich habe, indem ich versucht habe, einen Fehler aufzuarbeiten, den Fehler wiederholt, weil ich den Bruch unsichtbar machen wollte.

Seit einiger Zeit lehrt mich mein Sohn, wie ich mit Brüchen umgehen kann. Er liebt Autos. Er hat unzählige Spielfahrzeuge und es vergeht kaum ein Tag, an dem er nicht klagt, dass er dieses oder jenes Modell noch nicht hat. Er packt gerne neue Autos aus, aber er mag auch gebrauchte. Sie sind oft zerkratzt, bei manchen ist etwas abgebrochen und bei anderen ist die Farbe ganz ab. Ein Auto, das ihm besonders am Herzen liegt, hat er auf einem Spielplatz gefunden. Verrostet, Räder fehlen, und als er es aus dem Sand grub, brach gleich das Dach ab.

Abende lang schrubbte er seinen Fund mit einer alten Zahnbüste. Und ich schrubbte danach das Waschbecken. Schicht für Schicht legte er eine Sportlimousine frei. Nach und nach zeigte sich uns der Jaguar (3,4 Liter, Made in England, By Lesney). Er ist nicht perfekt und nicht neu, aber er hat eine Geschichte.

Brüche: Momente, in denen unsere Geschichte sich zeigt

Brüche, schoss es mir da durch den Kopf, sind Momente, in denen unsere Geschichte sich zeigt. Aber wenn ich versuche, Brüche unsichtbar zu machen, welche Geschichte von mir wird dann noch sichtbar? Welche Version?

Ich nehme zehn Euro aus meinem Portemonnaie und reiche sie der Frau. Sie steckt eine Hand in ihre Manteltasche, wo vermutlich Münzen sind.

„Spasibo, ostawtje“, sage ich. Danke, lassen Sie’s.

Sie lächelt und wieder sehe ich in ihrem Gesicht das Gesicht meiner Großmutter.

Mein Sohn zieht mich weiter. Schräg gegenüber der Frau steht ein Tisch mit vielen Elektrogeräten. Am Tischrand stehen aufgereiht Spielzeugautos.

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Identitätspolitische Debatten werden mit großer Vehemenz geführt, vor allem von rechts. Ein Gespräch mit der Soziologin Sabine Hark über Zugehörigkeit und Zuschreibung.

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