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Der Löwe ist das Wappentier der ING Diba-Bank, die das Ausbildungskonzept 50+ betreibt.

Ausbildungskonzept

Auszubildender mit 56 Jahren

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Zwei deutsche Banken haben Ausbildungsprogramme für Menschen über 50. Die Zahl älterer Azubis steigt langsam. Sie wird möglicherweise weiter steigen, der demografische Wandel in Deutschland ist schließlich nicht mehr abzuwenden.

Roland Wick schrieb fünfzig Bewerbungen. Ein einziges Mal wurde er zum Gespräch eingeladen. Kein guter Schnitt – und schon gar kein ermutigender für einen Mann mittleren Alters mit langjähriger Berufserfahrung, aber ohne Job. Dann sah er vor vier Jahren eine Anzeige der Direktbank ING Diba in einer Zeitung. Sie suchte Menschen über 50, die eine Ausbildung machen wollten. „Ich war gerade in Hartz IV gewechselt, kein gutes Gefühl. Ich habe viele Hoffnungen in meine Bewerbung bei der ING Diba gesteckt“, erinnert sich Wick, der schon bei einer Sparkasse, dann in der Textilbranche und zuletzt im Speditionsgeschäft gearbeitet hatte.

Und dieses Mal klappte es. Wick bekam einen Ausbildungsplatz. Danach übernahm die Bank ihn. Seitdem arbeitet der heute 56-Jährige bei dem Geldhaus als Bankassistent für Immobilienfinanzierung. Er kümmert sich beispielsweise um die Auszahlung von Krediten und die Grundbucheinträge zugunsten der Bank.

Seit 2006 bietet die ING Diba die Ausbildung 50+ an. Dieses Jahr starten sechs Männer und Frauen, die älter als 50 sind, ihre einjährige Ausbildung zum Bankassistenten. Die Lehrinhalte sind die gleichen wie die von angehenden Bankkaufleuten im ersten Ausbildungsjahr. Die ING Diba bezahlt den älteren Auszubildenden allerdings deutlich mehr als den jüngeren, die brutto um die 900 Euro erhalten – wie viel mehr genau, das will sie nicht sagen.

Der Erfolg des Programms ist groß. „Auf eine Ausschreibung bekommen wir 90 bis 120 Bewerbungen. Dennoch ist es nicht immer leicht, die richtigen Leute zu finden“, sagt Dieter Doetsch, Ausbildungsleiter der ING Diba. Denn kaufmännische Erfahrung sollten die Bewerber schon mitbringen. Sie sollten aber auch arbeitslos sein. „Wir nehmen Leute, die eine Chance brauchen“, sagt Doetsch.

Die brauchen gerade ältere Arbeitslose in Deutschland. Zwar boomt der hiesige Arbeitsmarkt – doch ältere Menschen profitieren davon kaum. Anfang 2010 waren 993 526 Menschen über 50 bei der Bundesagentur für Arbeit arbeitslos gemeldet; das waren 27,5 Prozent aller Erwerbslosen. Im März 2015 hatte sich die absolute Zahl mit 954 694 zwar etwas verbessert, der Anteil an allen Joblosen aber ist auf 33,3 Prozent geklettert. Auch der Anteil der über 50-Jährigen an den Langzeitarbeitslosen, also Menschen die länger als ein Jahr ohne Job sind, hat sich verschlechtert: Anfang 2010 lag er bei 38,9 Prozent, im März 2015 dagegen bei 45,4 Prozent.

„Gerade ältere Arbeitslose haben oft das Gefühl, von der Gesellschaft nicht mehr gewollt zu sein. Manche haben 300 Bewerbungen geschrieben, wenn sie bei uns anfangen. Das ist kein erhebendes Gefühl“, sagt ING Diba-Ausbildungsleiter Doetsch.

Die Bank startete das Programm 50+ aber natürlich nicht aus Nächstenliebe, sondern aus eigenem unternehmerischem Interesse. Die ING Diba ist in den vergangenen Jahren rasant gewachsen; 2002 hatte sie in Deutschland und Österreich 600 Mitarbeiter, inzwischen sind es 3500. „Aber weniger als fünf Prozent der Menschen, die sich bei uns beworben haben, waren älter als 50“, sagt Doetsch. Als Folge ist die ING Diba mit einem Durchschnittsalter der Belegschaft von 38,8 Jahren recht jung. „Ein guter Altersmix hat aus unternehmerischer Sicht große Vorteile“, sagt Doetsch. Die Älteren brächten mehr Lebenserfahrung und Gelassenheit mit und dadurch Ruhe in die Teams. „Und die Älteren bleiben uns meistens bis zur Rente erhalten, sie sind also sehr loyale Mitarbeiter. Jüngere Arbeitnehmer dagegen wechseln verständlicherweise häufiger den Job.“ Zudem gebe es auch Kunden, die am Telefon gezielt nach den älteren Beratern fragten.

Seltsam fand Roland Wick es nicht, noch einmal die Schulbank drücken zu müssen. Einen Tag die Woche saß er mit seinen älteren Mitauszubildenden im Klassenraum eines externen Bildungsträgers, vier Tage die Woche arbeitete er in der Bank. „Es wäre vielleicht komisch gewesen, wenn wir mit jungen Auszubildenden gemeinsam gelernt hätten. Aber wir waren ja eine eigene Klasse“, erinnert er sich. Schon seltsam sei es aber gewesen, wieder einen Schülerausweis zu bekommen – auch wenn er den dann nie genutzt habe. Auch in der Bank habe er sich immer gut integriert gefühlt. „Es gibt da eher ein anderes Problem“, sagt Doetsch. „Die Mitarbeiter erkennen ja gar nicht, dass die Älteren Auszubildende sind. Sie werden dadurch sofort wie gleichberechtigte Kollegen behandelt. Man muss die Kollegen dann eher darauf hinweisen, dass es noch nicht soweit ist.“

Die Abbrecherquote sei bei den Älteren nicht höher als bei den jungen Auszubildenden. Und die Übernahmequote mit 90 bis 95 Prozent sei sogar sehr gut, sagt Doetsch. Allerdings sei die Ausbildung 50+ für die ING Diba deutlich teurer als die Ausbildung junger Menschen – und das nicht nur, weil das Geldhaus den Älteren ein höheres Gehalt zahlt. Zusätzlich muss die Bank auch den externen Bildungsträger finanzieren, was sie nach eigenen Angaben 50 000 Euro im Jahr kostet.

Doch die Bank will das Programm fortführen. Und findet erste Mitstreiter. Seit zwei Jahren bietet auch die Targobank eine einjährige Ausbildung für über 50-Jährige an, zum Kaufmann oder zur Kauffrau für Dialogmarketing. Breite Schule dagegen hat das Modell noch nicht gemacht. Laut Zahlen des Bundesinstituts für Berufsbildung erhielten 2013 gerade einmal 1170 Bürger über 40 Jahren in Deutschland einen neuen Ausbildungsvertrag – gemessen an insgesamt 525 897 neu abgeschlossenen Verträgen eine verschwindend geringe Zahl. Der Trend zeigt allerdings leicht nach oben: 2007 schlossen nur 564 über 40-Jährige einen Ausbildungsvertrag ab. Die Zahlen werden also möglicherweise weiter steigen, der demografische Wandel in Deutschland ist schließlich nicht mehr abzuwenden.

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