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Abgang: Jonathan de Guzman, Evan Ndicka und Nicolai Müller, bedröppelt in Dortmund.

Eintracht Frankfurt

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    Daniel Schmitt
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Eintracht-Trainer Adi Hütter muss Lösungen finden, um der spielerischen Armut bei der Frankfurter Eintracht Herr zu werden.

Den Sonntag stellte Adi Hütter schließlich doch zur freien Verfügung. Auf dem ursprünglichen Trainingsplan war eigentlich noch eine Übungseinheit vermerkt, 10.30 Uhr, doch irgendwann dämmerte dem Frankfurter Trainerteam, dass es für die Profifußballer der Eintracht in den kommenden Tagen nicht mehr so viele Gelegenheiten geben wird, Körper und Geist mal runterzufahren und wieder einzupendeln. Es geht Schlag auf Schlag in den kommenden Wochen, das Mammutprogramm sieht en détail so aus: Donnerstag in Marseille, sonntags gegen Leipzig, mittwochs in Mönchengladbach, sonntags gegen Hannover, donnerstags gegen Rom und zum Abschluss sonntags in Hoffenheim.

Erst dann bleibt Zeit, mal durchzuschnaufen, dann verabschiedet sich die Bundesliga in die zweite Länderspielpause. Wahrscheinlich wird die Sportliche Leitung nach den ersten sieben Bundesliga- und zwei Europa-League-Begegnungen ein vorsichtiges Zwischenfazit ziehen. Wie es aussehen wird? Man muss schon ein ausgewiesener Optimist sein, um der Eintracht eine verheißungsvolle Prognose zu geben.

Der Saisonstart ist rein faktisch gesehen nicht mal mittelprächtig. Von fünf Pflichtspielen haben die Hessen vier verloren, eines im Supercup gegen die Bayern, eines im Pokal in Ulm, die letzten beiden in der Liga. Nicht auszudenken, wenn die Frankfurter nicht zum Bundesligaauftakt überraschend in Freiburg gewonnen hätten. Die Leistungen der Mannschaft in der Premiumklasse waren weitgehend in Ordnung, auch in Dortmund beim 1:3 hielt die Eintracht mit ihren Mitteln ganz gut mit.

Es ist zu spüren, dass das Team sich auflehnt, es an einem Strang zieht und mit viel Mentalität und Willen dagegenhält. Die Zweikampfwerte sind in Ordnung, die Laufleistungen sind sehr gut, in Freiburg und Dortmund spulte die Mannschaft mehr als 120 Kilometer ab, im Breisgau gar den Spitzenwert von 124,8. Selbst gegen Bremen liefen zehn Frankfurter fast genauso viel wie elf Werderaner. „Läuferisch sind wir gut unterwegs“, sagte Trainer  Hütter. „Mit den Basissachen bin ich zufrieden.“ Das große Aber folgte auf den Fuß, und das völlig berechtigt. „Spielerisch“, ergänzte er, „erwarte ich eine absolute Steigerung.“ Zumindest dann, „wenn alle Mann an Bord sind“. 

Wer könnte die Mannschaft nach vorne bringen? 

Zur Wahrheit gehört aber auch: Außer Ante Rebic ist gar kein Spieler mehr zurückzuerwarten, der das fußballerische Niveau in der Offensive merklich anheben würde. Chico Geraldes (Rücken) oder Goncalo Paciencia (Knie) haben bisher genauso wenig eine Rolle gespielt wie die gar nicht berücksichtigten Allan Souza (dessen Verpflichtung kein Mensch versteht) oder Marc Stendera. Viel mehr Kreativpotenzial ist im Kader nicht auszumachen.Ein Problem ist, dass sich Hütter den Luxus erlaubt, zwei Profis, die wissen, wie das Spiel zu funktionieren und zu laufen hat, auf der Bank schmoren lässt. Weder Makoto Hasebe noch Jonathan de Guzman standen in der Liga auch nur einmal in der Startformation, Hasebe spielte bisher keine einzige Minute. Wer auf diese Spieler freiwillig verzichtet, sollte bessere Alternativen haben. Hat Hütter aber nicht.

Pragmatismus statt Spielidee  

Es ist vielmehr so, dass der Fußballlehrer sich einfach den Gegebenheiten angepasst und seine eigenen Ideale erst einmal hintenangestellt hat. Er stellt die Mannschaft auf, von der er sich den größtmöglichen Erfolg verspricht, das kommt seiner auf Pressing und Offensivdrang ausgerichteten Spielauffassung zwar nicht besonders nahe, ist aber eine auf Pragmatismus fußende Herangehensweise, die in der jetzigen Situation nicht falsch sein muss.

Aber es ist arg zweifelhaft, dass die Eintracht mit derart begrenzten fußballerischen Mitteln auf Strecke gesehen so schlagkräftig sein kann, um einigermaßen sorgenfrei durch die Saison zu kommen. Spielerisch muss dem Team mehr Substanz zugeführt werden. Zweifelsfrei. Die stetig aufgebotenen defensiven Mittelfeldspieler, Lucas Torro und Gelson Fernandes, haben ohne Frage ihren Wert für die Mannschaft, einen nicht zu unterschätzenden gar, es sind wackere Kämpfer, fleißige Arbeitsbienen und nimmermüde Dauerläufer. Aber sie tun sich schwer damit, ein Spiel zu eröffnen, sie trauen es sich zumeist gar nicht, sondern ziehen es vor, die Kugel lieber quer- oder zurückzupassen, was zur Folge hat, dass Torwart Kevin Trapp in Dortmund fast doppelt so viele Ballkontakte hatte, genau 54,  wie Sebastien Haller (29) oder Marco Fabian (28).

Harmlosigkeit im Offensivspiel

Die Eintracht hat mit dieser Lesart des Spiels schon ihre Mühe, hinter die erste Verteidigungslinie des Kontrahenten zu gelangen. Denn auch aus der zentralen Abwehr werden meist nur lange Schläge produziert, die nicht selten postwendend zurückkommen. Da wird der Trainer seinem Ensemble Lösungen an die Hand oder andere Spieler aufstellen müssen. Auch wenn seine Haltung im Ansatz durchaus nachzuvollziehen ist. Die Spieler selbst bemängelten fast unisono die eigene Harmlosigkeit im Offensivspiel. „Uns hat ein bisschen die Power nach vorne gefehlt“, sagte Abräumer Fernandes.

Für die Eintracht ist es zudem schwierig, dass einige Spieler von ihrer maximalen Schaffenskraft weiterhin ein gutes Stück entfernt sind. Kapitän David Abraham zeigte sich zwar formverbessert, doch die Souveränität der vergangenen Runden, als ihn Ex-Trainer Niko Kovac als „unsere Lebensversicherung“ bezeichnete, ist verflogen: Sein Abwehrverhalten vor dem 1:2 etwa war sehr seltsam. 

Dem Team fehlt die Stabilität 

Auch die Leistungen von Rechtsverteidiger Danny da Costa sind schwankend, der junge Abwehrmann Evan Ndicka kann mit gerade mal 19 noch gar nicht die Konstanz haben, die wünschenswert wäre. Und auch von einem Spieler wie Marco Fabian, der bis vor kurzem noch gesondert trainierte, kann man nicht erwarten, die Kastanien aus dem Feuer zu holen – auf dem ungewohnten und ungeliebten rechten Flügel sowieso nicht.

Auch Kevin Trapp, der Nationaltorwart, kann dem Team bisher nicht die erhoffte Stabilität geben. Das liegt nicht an seiner Leistung als solcher, die solide ist – aber eben auch nicht mehr. Der 28-Jährige hat bisher noch keinen Ball halten können, den er nicht hätte halten müssen, er konnte noch keinen sogenannten Unhaltbaren entschärfen. In einigen Szenen, auch bei manch Gegentor, fehlt ihm einfach das nötige Quäntchen Glück. Das kann man sich aber erarbeiten. Sagt man so.

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