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Eintracht Frankfurt: Kraft tanken in der Wüste

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Von: Ingo Durstewitz

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Sagen Europa adieu - um stärker zurückzukommen: Eintracht Frankfurt. Foto: dpa
Sagen Europa adieu - um stärker zurückzukommen: Eintracht Frankfurt. Foto: dpa © dpa

In Dubai will eine ambitionierte Eintracht die Basis für eine erfolgreiche zweite Saisonhälfte legen und lässt sich von der Kritik am fernen Trainingslager nicht beeindrucken.

Frankfurt – Als die Eintracht-Entourage am Mittwochabend nach gut sechs Stunden Flug aus der Boeing 777 krabbelte, war die Sonne im arabischen Emirat Dubai zwar untergegangen, angenehm warm war es dennoch, mehr als 20 Grad zeigte das Thermometer noch nach 19 Uhr Ortszeit. So oder so ähnlich geht es in den kommenden Tagen weiter, der Himmel stahlblau, 25, 26, 27 Grad, Wohlfühlklima im Winter. Auch die, nun ja, nennen wir sie: Unterkunft des Frankfurter Bundesligisten kann sich sehen lassen, feudal und mondän ist sie, wie so vieles in Dubai. Willkommen in dieser merkwürdigen Glitzerwelt, willkommen in der Wüste.

Mit dem Trip an den Persischen Golf beginnt für den Europa-League-Sieger die heiße Phase der Vorbereitung auf den finalen Saisonabschnitt, zehn Tage Vollgas, kein Larifari, kein Schnickschnack, powern ohne Ende. Ohne Rücksicht auf Verluste. „Es gibt keine Zeit, sich auszuruhen. Wir können im Trainingslager keine Zufälle gebrauchen. Wir wollen, dass alles passt“, sagt Sportvorstand Markus Krösche. „Es geht ausschließlich um Fußball und den vollen Fokus. Das ist das, was wir brauchen.“

Eintracht Frankfurt vor der Rückrunde – sportliches Abschmieren nicht akzeptabel

Schließlich hat die Eintracht auch in diesem Jahr einiges vor, in allen drei Wettbewerben liegt sie aussichtsreich im Rennen, im nationalen Pokal wartet das Derby gegen Darmstadt 98, in der Champions League das Kräftemessen mit dem italienischen Spitzenreiter SSC Neapel, und in der Bundesliga gilt es, Rang vier zu verteidigen. Dieses Ziel hat sich der Klub ganz klar gesetzt, sehr offen und einprägsam nach innen wie außen kommuniziert. Ein Abschmieren in der Liga wie in der vergangenen Spielzeit würden die Verantwortlichen dieses Mal nicht akzeptieren und machen deshalb schon frühzeitig vernehmbar Druck: nur kein Zurücklehnen, kein Schlendrian, kein Laissez-faire. In keinem Wettbewerb. „Wir priorisieren nicht“, sagt Coach Glasner.

Im Frühjahr des gerade abgelaufenen Jahres war das anders, da legte das Trainerteam ganz klar den Fokus auf die Europa League – aus verständlichen und letztlich lohnenden Gründen. Doch der große Triumph von Sevilla aus dem Mai 2022 ist Geschichte, vorbei, very nice to have, bringt aber in der Gegenwart nichts mehr. „Wir können nicht die Vergangenheit, nur die Zukunft beeinflussen“, sagt Trainer Glasner.

In dieser trauen die Eintracht-Macher ihrem Team zu, auf allen Hochzeiten zu tanzen, ohne irgendwo eine schlechte Figur abzugeben oder gar abgehängt zu werden. Das fordern sie daher sehr deutlich ein, lassen keinen Platz für Entschuldigungen oder Alibis. Jeder soll wissen und spüren, um was es geht und was gefordert ist. Die Erwartungshaltung an die Mannschaft hat zugenommen. Ganz klar. Die Zeiten, da man auch mal als Neunter, Zehnter einlaufen kann und es jeder trotzdem irgendwie okay findet, sind vorbei – zumindest in dieser Saison und mit dieser Mannschaft, die in der Tat sehr stark, kräftig und gefestigt wirkt und qualitativ einfach auf einem erstaunlich hohen Level performt.

Eintracht Frankfurt vor der Rückrunde: Fokus der Arbeit auf Abwehrverhalten

Auch das ist ein Teil der Entwicklung hin zu einem Topteam, das nicht durch eine glückliche Fügung mal oben reingespült wurde, sondern in den vergangenen sechs, sieben Jahren organisch gewachsen ist. Die regelmäßige Teilnahme am internationalen Geschäft ist kein Zufall, fünf Halbfinalteilnahmen, drei Endspiele und zwei Titel in den letzten sechs Jahren auch nicht. Sie sind Ausdruck einer aus innen heraus gewachsenen Stärke, einer besonderen Haltung, eines neuen Selbstverständnisses – und sehr, sehr vielen guten Entscheidungen auf administrativer Ebene und auf dem sportlichen Sektor. Diese Geschichte soll fortgeschrieben werden.

Coach Glasner wird daher versuchen, die Balance in seinem Team zu finden und zu halten, die Balance zwischen ungezügelter Offensivlust und disziplinierter Defensivarbeit. Gerade das Abwehrverhalten ist ihm ein Dorn im Auge, wobei er das Thema richtigerweise differenziert betrachtet. Denn die Analyse der ersten Saisonhälfte hat ergeben: „In fast allen Parametern sind wir in den Top Five der Bundesliga.“ Nur in zweien nicht: Gegentore und Gegentore nach Standards. Wobei: Das eine bedingt das andere. 40 Prozent aller geschluckten Treffer fielen nach ruhenden Bällen für den Gegner, führt der Österreicher aus. Damit liege seine Truppe auf dem vorletzten Rang, ein unhaltbarer Zustand. „Da haben wir das größte Potenzial, uns zu verbessern.“ Auch daran wird in Dubai intensiv gearbeitet. Versteht sich von selbst.

Daher hat sich der Klub auch dafür entschieden, den Trip in die Golfregion anzutreten, obwohl es auch genügend Gründe gäbe, die dagegen sprechen. Es ist eine Reise, die heikel und politisch gesehen fragwürdig ist – gerade im Hinblick auf die berechtigten, aber irgendwann auch ausufernden und überladenen Debatten rund um die WM in Katar.

Eintracht Frankfurt im Trainingslager in Dubai – Fokus auf das rein sportliche

Coach Glasner, der auf diese Destination gedrängt hatte, sieht sich nicht in der Position, die Entscheidung rechtfertigen zu müssen. Der 48-Jährige ist politisch ganz gewiss nicht neutral, sondern einer, der sich auskennt, sich damit beschäftigt und klar Stellung bezieht. „Es fliegen eine Million Deutsche nach Dubai in den Urlaub. Daher kann ich diese Diskussion gar nicht nachvollziehen“, sagte er schon vor wenigen Wochen. „Ich finde, dass das nicht unser Thema ist und auch nicht die Aufgabe des Sports.

In meinen Augen wird der Sport da missbraucht.“ Glasner verweist auf Missstände in vielen anderen Ländern, „wo fangen wir da an, wo hören wir auf?“ Und er führt ganz pragmatische Gründe ins Feld. „Wären hier 18 Grad sicher, wären wir auch hiergeblieben“, argumentiert er. „In Dubai haben wir beste Voraussetzungen und Wettergarantie.“ Und es gehe gerade jetzt, da fast alle europäischen Topligen schon wieder um Punkte spielen, um Faktoren wie Testspielgegner. „Wir haben hier zwei hochklassige gefunden.“ RB Leipzig und Lech Posen. Üben für den Ernstfall. Sportvorstand Markus Krösche assistierte: „Hier geht es nicht um Sightseeing, PR-Termine oder Vermarktungsthemen“ – wie erst kürzlich bei der Japanreise der Hessen. Sondern um beste sportliche Bedingungen.

Eintracht Frankfurt im Trainingslager - zum sechsten Mal auf der arabischen Halbinsel

Auch Vorstandssprecher Axel Hellmann, so etwas wie der Seismograph des Vereins, warb daher im jüngsten Eintracht-Podcast um Verständnis und sagte an die Kritiker gewandt, die gerade der eigentlich haltungsstarken Eintracht vorwarfen, sich gemein zu machen mit einer im Grundsatz schlechten Sache, dass er durchaus verstehen könne, wenn manch einer sage: „Das ist nicht konsequent.“ Ihm leuchte ein, „dass Menschen dazu eine andere Meinung haben“. Aber: „In Abwägung der Interessen haben wir, auch vor dem Hintergrund der Argumente im Sport, gesagt, das ist kein Ausschlusskriterium da hinzufahren.“ Und deswegen am Ende zu sagen, man sei „enttäuscht von Eintracht Frankfurt, das finde ich überzogen“.

Zur Erinnerung: In der Vergangenheit bezog die Eintracht bereits fünfmal ihr winterliches Trainingsquartier in der arabischen Welt, residierte von 2013 bis 2017 im benachbarten Abu Dhabi. Das fanden schon damals nicht alle toll, ein Sturm der Entrüstung blieb aus. Das war zwar nach der WM-Vergabe nach Katar, aber eben lange vor diesem merkwürdigen Turnier in der Wüste. (Ingo Durstewitz)

Unterdessen blickt Eintracht Frankfurt gelassen auf die winterliche Transferphase, in der sich manche Gerüchte verselbständigen.

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