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Die Nordwestkurve beim Heimspiel gegen den FSV Mainz 05. So viel Bewegung wird es am Montagabend gegen RB Leipzig nicht geben.

Montagsspiele

Der Zielkonflikt

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Mit dem ersten Montagsspiel in Frankfurt wird eine überfällige Grundsatzdebatte neu entfacht. Eintracht-Vorstand Axel Hellmann glaubt, dass diese Partien keine große Zukunft haben werden.

Es ist beinahe Normalität bei Heimspielen von Eintracht Frankfurt, dass die Phonstärke aus der Nordwestkurve locker die Lautstärke der tief über das Stadion gesteuerten Flugzeuge übertrifft. Nicht nur wenn die Kulthymne „Schwarz-weiß wie Schnee“ vor Anpfiff aus den Lautsprechern ertönt, wirkt das Getöse mitunter ohrenbetäubend. Keine Frage: Im Stadtwald herrscht gewöhnlich eine besonders gute Stimmung. Doch wenn nun am Montagabend (20.30 Uhr) der 23. Spieltag mit dem Heimspiel gegen RB Leipzig beschlossen wird, droht eine gespenstische Atmosphäre. Ähnlich wie sie der Brauseklub gerade im Europa-League-Auswärtsspiel beim SSC Neapel erlebte.

In Frankfurt sollen rund 45 000 Zuschauer mehr oder weniger schweigend das Verfolgerduell zwischen dem Tabellenvierten gegen den –zweiten begleiten. „Wir appellieren an alle Eintracht-Fans, ihre Fahnen, Banner und Zaunfahnen zu Hause zu lassen und auf die Unterstützung unserer Mannschaft zu verzichten“, fordert die Fanorganisation Nordwestkurve e.V. Der Stimmungsboykott soll das gesamte Spiel dauern, was „schwerfällt, zumal die Jungs eine großartige Saison spielen“.

Es ist das erste klare Statement, um gegen einen Spieltermin zu protestieren, der den Fans schmeckt wie ein abgestandenes Bier. Der bei der Eintracht zuständige Vorstand Axel Hellmann beobachtet in der vertrackten Gemengelage einen typischen Zielkonflikt: „Wir wollen möglichst viel Geld erlösen, um international wettbewerbsfähig zu sein. Wir wollen eine Solidargemeinschaft zwischen erster und zweiter Liga, was Ansetzungen angeht. Wir wollen den Amateursport schützen, damit die Vereine in den unteren Klassen Zuschauer haben. Und wir wollen die Fankultur erhalten.“ Seine Folgerung: „Das sind vier Ziele, die nicht optimal zusammenpassen.“

DFL will keine zusätzlichen Montagsspiele - vorerst

Die Deutsche Fußball Liga (DFL) verweist: Je fünf Sonntagsspiele und fünf Montagsspiele wurden zur Entlastung der Europa-League-Starter und aus Rücksichtnahme auf den Amateurfußball für die nächsten vier Jahre in den Fernsehverträgen verankert. Es gebe „derzeit keine Pläne, die Zahl der Montagsspiele auszuweiten“.

In der Hinrunde wurde ausschließlich der Sonntagstermin 13.30 Uhr mit den Europapokalstartern TSG Hoffenheim, 1. FC Köln und Hertha BSC bespielt. Alle Montagsspiele finden in der Rückrunde statt. Kein Klub soll zweimal an diesem ungeliebten Tag antreten. Auf einen Montag sind auch die Partien Borussia Dortmund gegen FC Augsburg (26. Februar) und Werder Bremen gegen 1. FC Köln (12. März) angesetzt. In beiden Fällen kündigen größere Fangruppierungen ihr Fernbleiben an.

Kurios, dass mit dem ersten Montagsspiel nicht einmal der eigentlich entlastete Leipziger Trainer Ralph Hasenhüttl zufrieden ist, der nach dem Neapel-Auftritt bekannte: „Ich hätte lieber am Sonntag gespielt.“ Um mehr Zeit für das Rückspiel zu haben. Die DFL wirkt von dem Thema genervt und beklagt gewissermaßen eine Doppelmoral der Vereine. „Betroffene Klubs und Sportdirektoren hatten zuvor immer wieder – auch öffentlich – darum gebeten, nach internationalen Spielen am Donnerstag nicht bereits wieder am Samstag antreten zu müssen“, hieß es kürzlich in einer Stellungnahme. Das Fachmagazin „Kicker“ fragte: „Viel Lärm um nichts?“ Und rechnete vor, dass durch die Reduzierung der „englischen Wochen“ – nur noch maximal zwei pro Saison – gerade 17 Prozent der Spiele unter der Woche stattfinden. Anfang der 90er Jahre waren es oft mehr als doppelt so viele.

Dennoch beklagt das „Bündnis Südtribüne“ aus Dortmund „eine haarsträubende Gleichgültigkeit gegenüber dem gesellschaftlichen Stellenwert des Fußballs“. Dass es mit der Einführung um finanzielle Aspekte gegangen sei, negiert die DFL aufs Schärfste. „Kommerzielle Gründe waren dabei nicht entscheidend.“ Auf die Montagsspiele würden weniger als ein Prozent der Medienerlöse entfallen. Das entsprechende Rechtepaket hat Eurosport erworben, das über seinen anfangs nicht störungsfreien Player überträgt.

Die Argumentation, die Klubs hätten das Versuchsmodell kritiklos abgesegnet, lässt Hellmann in seinem Fall nicht gelten: So fände sich im Protokoll der Generalversammlung der Liga vor mehr als einem Jahr eine entsprechende Notiz. „Wir versuchen uns an der Quadratur des Kreises und schleichen uns um eine Grundsatzdiskussion herum. Vielleicht war uns allen nicht klar, dass der Montag viel stärker beim Zuschauer in der Kritik steht als wir dachten. Und sie nur auf die Ultras zu reduzieren, wird der Sache nicht gerecht. Wir haben auch Rückmeldungen von Sponsoren, die damit nicht glücklich sind.“ Wie der 46-jährige argumentieren auch andere Vereinsvertreter plötzlich, notfalls sogar auf Geld zu verzichten, um eine Schmerzgrenze nicht zu überschreiten.

Auch Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke spürt, dass zu tiefe Gräben aufreißen: „Ohne Montagsspiele werden wir ab 2021 vielleicht ein, zwei Millionen Euro weniger einnehmen. Aber eine größere Einheit mit den Fans ist uns mehr wert. Wir dürfen keine Politik gegen das Gefühl unserer zehn Millionen Fans in Deutschland machen.“ Klingt jetzt gut. Hat der BVB-Chef aber erst erklärt, nachdem sich so viel Unmut auch an seinem Standort wegen des übernächsten Montags zusammenbraut.

Hellmann erklärt: „Wenn wir uns so ehrlich entscheiden, darf man auch die DFL nicht verprügeln, wenn die Fernseheinnahmen zurückgehen.“ Der Jurist, Gründungsmitglied der Fan- und Förderabteilung von Eintracht Frankfurt empfiehlt, die Proteste nicht zu überhören. „Wenn wir einen Fehler gemacht haben, müssen wir versuchen, das im Rahmen des rechtlich Machbaren zu korrigieren.“

Das könne eingedenk der geschlossenen Verträge nur in einer einvernehmlichen Lösung mit dem Rechteinhaber geschehen. „Auch Eurosport kann nicht daran gelegen sein, Montags Spiele zu übertragen, in denen keine Stimmung ist und der Protest alles überlagert“, sagt Hellmann. Sein Fazit: „Ich glaube, wenn wir alle Vibrationen aufnehmen, wird der Montag keine große Zukunft haben.“ In Frankfurt und anderswo. (mit sid)

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