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Da muss er durch: Niko Kovac unter der Bierdusche.
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Da muss er durch: Niko Kovac unter der Bierdusche.

Pokalsieg der Eintracht

Das Wunder von Berlin

  • Ingo Durstewitz
    VonIngo Durstewitz
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  • Thomas Kilchenstein
    Thomas Kilchenstein
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Mit Leidenschaft und Mentalität zwingt Eintracht Frankfurt übermächtig scheinende Bayern in die Knie und wird erstmals seit 30 Jahren wieder deutscher Pokalsieger.

Ganz spät am Abend, fast schon am frühen Morgen, ist dann auch noch Philipp Lahm zur Frankfurter Feiergesellschaft am Brandenburger Tor geeilt. Der EM-Botschafter des Deutschen Fußballbundes (DFB), der selbst den Pokal schon x-Mal in die Höhe hat stemmen dürfen, hatte es sich nicht nehmen lassen, dem Sensationssieger der 75. Auflage dieses DFB-Pokalfinales in Berlin, Eintracht Frankfurt, seine ganz persönliche Aufwartung zu machen. Der ehemalige Profi der Münchner Bayern weiß nur zu genau, wie süß solche Siege im gleißenden Rampenlicht schmecken. Und er erlebte auch einen DFB-Präsidenten Reinhard Grindel, der diese Frankfurter Mannschaft von oberster Stelle adelte: „Sie haben den Erfolg von Anfang an mehr gewollt. Sie haben mit ihrer Leidenschaft und Einsatzbereitschaft aus einem Sieg einen verdienten Sieg gemacht.“

Dann und nach einem kurzen Imbiss am opulenten Büfett im vornehmen Etablissement einer befreundeten Bank, entschwanden die Helden für einen Tag in die Berliner Nacht. „Heute geben wir Gas ohne Ende“, hatte Kevin-Prince Boateng schon kurz nach dem Abpfiff und dem ersten von vielen Kaltgetränken das Motto ausgegeben. Und anderntags enterten die Helden den Balkon auf dem Frankfurter Römer.

Es hat in der langen Geschichte des DFB-Pokalfinales lange keine Mannschaft gegeben, die so sehr in der ihrer Außenseiterrolle gefangen schien wie Eintracht Frankfurt. Wer sollte diesen übermächtig scheinenden FC Bayern schon in Gefahr bringen? Noch dazu, da er sich nicht für das am kommenden Samstag stattfindende Champions League-Finale in Kiew hatten qualifizieren können? Es ging für viele im Grunde nur darum, die Niederlage halbwegs in Grenzen zu halten und den neuen Bayern-Trainer Niko Kovac nicht schon vor seinem ersten Arbeitstag in München im Sommer zu beschädigen.

Und dann bekommt Mijat Gacinovic in den letzten Sekunden dieser packenden, dramatischen Partie nach einer Kopfballabwehr von Jetro Willems, gut 30 Meter in der eigenen Hälfte, den Ball. Er legt ihn an Kingsley Coman vorbei und hat freie Bahn, das Bayern-Tor ist verwaist, weil Schlussmann Sven Ulreich mit in den Frankfurter Strafraum gekommen war. Und Gacinovic, dem so viel in dieser Saison missraten ist, läuft. Er läuft und läuft. Und läuft.

Spätestens ab der Mittellinie steht die komplette Frankfurter Bank, sie sind längst aufgesprungen, die Ersatzspieler, die Physios, die Trainer. Und Gacinovic läuft weiter. Und schiebt den Ball dann endlich ins leere Tor – zu 3:1. Das halbe Stadion explodiert in diesem Moment. Gacivonovic läuft immer weiter, in die Fankurve, und wenn er dort nicht gebremst worden wäre, er wäre bis Warschau weitergelaufen. Sekunden später pfeift Schiedsrichter Felix Zwayer (Berlin) an seinem Geburtstag die Partie ab – Eintracht Frankfurt ist durch einen sensationellen 3:1 (1:0)-Erfolg über den FC Bayern München Pokalsieger. Erstmals wieder seit 1988, erstmals seit jenem 1:0-Sieg über den VfL Bochum. Und dann brachen alle Dämme.

SGE empfängt die Bayern im August

Später sollte Sportvorstand Fredi Bobic von „einem epochalen Abend“ sprechen, von „Geschichte, die geschrieben“ wurde. Solch ein Pokalsieg, noch dazu für einen Klub wie die Eintracht, für die das nicht die Regel ist, „verbindet für die Ewigkeit“. Vereinspräsident Peter Fischer, der den Pokal lange Zeit nicht anfassen wollte – „ich war fast schüchtern“ - , wollte bei aller Euphorie nicht von „einem historischen Tag“ reden, aber es sei dennoch „ein seltener, ein großer Tag in der Geschichte von Eintracht Frankfurt“. Und dieser Sieg bedeutet, und das ist eine besondere Volte: Eintracht Frankfurt empfängt als Pokalsieger im Supercup im ersten Pflichtspiel vor der neuen Bundesligasaison im August den Deutschen Meister Bayern München – mit deren neuen Trainer Niko Kovac.

„Der Fußball schreibt die schönsten Geschichten“, sagte der scheidende Coach am frühen Sonntagmorgen nach der obligatorischen Bierdusche bei der Pressekonferenz und konnte natürlich eine gehörige Portion Wehmut nicht verbergen. Unmittelbar nach dem Abpfiff waren ihm die Tränen der Freude übers ganze Gesicht gelaufen, er herzte und umarmte jeden, den er erwischen konnte. „Es waren mehr als zwei schöne Jahre hier. Ich werde Eintracht Frankfurt immer im Herzen tragen, diesen Klub werde ich nie vergessen“, sagte Kovac in einer kleinen Dankesrede beim Bankett. Die unschönen Querelen rund um Art und Weise seines Wechsels zu den Bayern waren da zwar nicht vergessen, allerdings war eine Versöhnung halbwegs gelungen. Schon im Stadion gab es erst verhaltenen Beifall nach dem Spiel für den Trainer, der bald in Sprechchören mündeten. Vor der Partie freilich wurde der 46 Jahre alte scheidende Coach noch von den eigenen Fans ausgepfiffen. Das ist auch nicht gerade üblich.

Der Triumph im Finale bringt Eintracht Frankfurt allein 4,54 Millionen Euro Siegprämie, diese Summe kommt zu den zuvor schon kassierten fünf Millionen Euro hinzu. Dazu gibt es eine garantierte Startprämie von rund 2,6 Millionen Euro für die Europa League, die für die Hessen nun ohne anstrengende Qualifikationsrunden Mitte September beginnt. DFB-Präsident Grindel erinnerte daran in seiner Rede: „Vertreten Sie bitte den deutschen Fußball würdig.“

Der Sieg von Berlin, der einem kleinen Wunder ähnelt, war nicht einmal unverdient. Klar: Eintracht Frankfurt hatte Glück. Sekunden vor dem entscheidenden 3:1 hätte in der letzten Minute der Nachspielzeit dem FC Bayern ein Elfmeter zugesprochen werden können, Boateng hatte klar bei einem Abwehrversuch die Ferse von Javier Martinez getroffen. Der gebürtige Berliner gab hinterher auch unumwunden zu, den Bayern-Profi getroffen zu haben, „ganz klar. Da habe ich gezittert.“ Schiedsrichter Zwayer schaute sich die Szene tatsächlich noch einmal auf dem Bildschirm an – und blieb bei seiner Entscheidung, nicht auf den Punkt zu deuten.

Glück gehört dazu, sagt Hübner

„Glück gehört dazu, wenn man die Bayern schlagen will“, stellte Sportmanager Bruno Hübner später fest. Fakt war aber auch: Eintracht Frankfurt wollte diesen Sieg unbedingt, wollte diesen Erfolg mit jeder Faser, selbst noch nach dem zwischenzeitlichen Ausgleich von Robert Lewandowski (53.). „Die Jungs haben um jeden Millimeter gekämpft“, hob Fredi Bobic hervor, der Anfang dieser Woche nach New York reisen wird, um dort Vorträge zu halten. „Wir wollten solch einen Kampf abliefern, wollten diese Mentalität zeigen.“ Genau so waren die Frankfurter in dieser Begegnung gegangen: erfüllt von dem unbändigen Willen, das Unmögliche möglich zu machen.

„Ich habe auf der Fahrt zum Stadion im Bus zu den Jungs gesagt: Heute holen wir den Pokal“, sagte Boateng, der Leader, der ein außergewöhnlich gutes Spiel in der Angriffsspitze bot. Er sei stolz, in solch einer „bunten Truppe“ spielen zu dürfen. Das ganz besondere Zusammengehörigkeitsgefühl dieser Mannschaft nannte auch Marco Russ als ein Erfolgsgarant, der in seinem dritten Finale seit 2006 endlich mal als Sieger vom Platz gehen durfte. „Wir sind ein ganz verrückter Haufen mit großen Charakteren.“ Mentalität hatte mal wieder Qualität geschlagen.

In der Tat war die Leidenschaft, das Herzblut, das die Eintracht vergossen hatte, der Spirit ausschlaggebend für den Sieg. Selbst Bayern-Coach Jupp Heynckes lobte später das „Engagement, die Zweikampfstärke und Aggressivität“ der Frankfurter. „Man kann den Erfolg auch erzwingen. Das ist uns nicht gelungen." Und es war Bayern München nicht gelungen, sich als guter Verlierer zu präsentieren. Die Münchner verließen die Arena unmittelbar, nachdem sie ihre Plakette bekommen hatten und blieben der Frankfurter Siegerehrung fern. Üblich ist, dass der Verlierer eines Finals ein Spalier für den Sieger bildet. Heynckes nannte diese Respektlosig- und Unsportlichkeit „ein Missverständnis“, Mats Hummels sagte, man sei „wie eine Entenfamilie“ hintereinander in die Kabine „gedackelt“.

Es war natürlich auch das Spiel des Ante Rebic. Der Kroate, der Eintracht Frankfurt wegen eines Muskelfaserrisse schmerzhaft lange gefehlt hatte, erzielte zwei Tore, die beide das Prädikat Weltklasse verdient hatten. Vor allem das 2:1 in der 82. Minute war „unglaublich“, wie der frühere Torjäger Bobic sagte. Da nahm der 24-Jährige im Sprint Nationalverteidiger Hummels zwei Meter Vorsprung ab, setze seinen Körper gnadenlos ein und lupfte die Kugel ins Tor. Auch das 1:0 (12.) erzielte er meisterhaft, erst luchste er James den Ball ab, dann platzierte er in höchster Bedrängnis die Kugel zur Führung ins Tor. „Es hat das Spiel seines Lebens“, gemacht“, fand Torwart Lukas Hradecky mit dem Siegerbier noch in der Hand. Kein Wunder, dass Rebic von Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff auch als „Man of the match“ ausgezeichnet wurde.

Doch an diesem Abend, an dem Eintracht Frankfurt alles gelang, klappte auch eine diplomatisch schwierige Geste der Versöhnung. Alex Meier war von Niko Kovac unverständlicherweise und knallhart nicht für den Kader nominiert worden, trotzdem stemmte die Frankfurter Ikone gemeinsam mit Ersatzkapitän David Abraham in der Nacht den Pott in die Höhe. Dann gab es nur noch Freude pur.

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