Hat alles im Blick und agiert am liebsten im Hintergrund: Der scheidende Aufsichtsratsvorsitzende Wolfgang Steubing.
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Hat alles im Blick und agiert am liebsten im Hintergrund: Der scheidende Aufsichtsratsvorsitzende Wolfgang Steubing.

Machtwechsel

Wolfgang Steubing: Patriarch aus dem Hintergrund

  • Thomas Kilchenstein
    vonThomas Kilchenstein
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Wolfgang Steubing gibt den Vorsitz im Aufsichtsrat ab. Unter seiner Führung erlebte Eintracht Frankfurt einen schier atemberaubenden Aufschwung.

Wolfgang Steubing kann jetzt wieder durchschlafen, zumindest ist die Wahrscheinlichkeit auf eine geruhsame Nacht erheblich gestiegen. Früher, als der Mann noch dem neunköpfigen Aufsichtsrat der Frankfurter Eintracht vorgestanden hat, war es keine Seltenheit, dass mitten in der Nacht, durchaus gegen 4 Uhr in der Früh, das Telefon in seiner Wohnung im Westend klingelte, Fredi Bobic war dran. Dem Vorstands-Boss des sehr ambitionierten Bundesligisten war da mal wieder eine Idee gekommen, ein Gedankenblitz, und das musste er unbedingt teilen – mit Wolfgang Steubing. „Wenn einer Ideen hat, müssen die raus“, sagt Wolfgang Steubing heute.

Er fand das seinerzeit überhaupt nicht lästig, ganz im Gegenteil. Da war einer am Werk, der brannte, der den Klub entwickeln wollte, der voran kommen wollte, der sprühte vor Leidenschaft – und genau das hatte sich Wolfgang Steubing erhofft, keinesfalls erwartet, als er, in einer seiner ersten wichtigen Amtshandlungen, diesen Fredi Bobic aus dem Schwabenland zum Vorstandsvorsitzenden machte, zum Nachfolger des langjährigen Heribert Bruchhagen.

Vermutlich war das die beste Personalentscheidung in den fünf Jahren seiner Amtszeit als Aufsichtsrats-Chef, eben jenen Fredi Bobic gegen großen Widerstand im Klub zu installieren, 17 Namen hätten seinerzeit auf der Liste möglicher Anwärter gestanden. Bobic, sagt Steubing noch heute, da er nach fünf Jahren Vorsitz am morgigen Dienstag das Zepter dem Vernehmen nach an Philip Holzer weiterreicht, „ist ein Edelstein“. Er schätzt den Schwaben mit slowenischen Wurzeln über die Maßen. Kennengelernt hatten sich die beiden 2003 auf den Färöer Inseln, die DFB-Auswahl spielte, Bobic war Nationalspieler, Steubing interessierter Zuschauer vor Ort, und in der Hotel-Bar war man ins Gespräch gekommen, abgebrochen ist der Kontakt in all den Jahren nie wirklich.

Saison-Vorbereitung

Mit diversen Leistungstests startet Eintracht Frankfurt an diesem Montag in die Saisonvorbereitung, auch der Dienstag ist für medizinische Tests reserviert. Erstmals soll der Ball trainingshalber am Mittwoch rollen. 32 Spieler, darunter drei Jungprofis, sechs Leihspieler und Neuzugang Ragner Ache stehen im Kader, zu viel, wie Trainer Adi Hütter findet. Am 6. August steht das Europa-League-Rückspiel beim FC Basel an; danach könnten die Hessen auf den Sieger aus der Partie Schachtjor Donezk gegen VfL Wolfsburg treffen.

Wenn der mittlerweile 70 Jahre alte Patriarch Wolfgang Steubing zurückblickt auf die letzten fünf Jahre seines Wirkens an der Spitze des Aufsichtsrats, dann könnte er sich zufrieden zurücklehnen. Tut er natürlich nicht. Großmanns-, gar Profilierungssucht sind ihm fremd, Selbstbeweihräucherung sowieso, dazu gibt der Mann schon viel zu lange Herzblut für den Klub, kennt ihn wie kaum ein anderer. „Ich bin 60 Jahre bei Eintracht Frankfurt, davon waren 50 schwierig“, ist so ein Bonmot von ihm, das zeigt: Die Bodenhaftung hat der durch Aktien- und Devisenhandel wohlhabend gewordene Wertpapierdienstleister nie verloren. Und doch sind die fünf Jahre unter seiner Führung die erfolgreichsten der Eintracht seit einer halben Ewigkeit: Relegation 2016 knapp geschafft und dann durchgestartet: Zweimal das Pokalfinale erreicht, einmal gewonnen, dazu die spektakulären europäischen Auftritte bis zur Stamford-Bridge in London, in der Liga ist man – um einen Bruchhagenschen Begriff zu verwenden – längst „etabliertes Mitglied“ geworden, Tendenz nach oben. Und nicht nur sportlich ist der Aufstieg atemberaubend, wirtschaftlich hat der Klub in den vergangenen Jahren einen Quantensprung hinbekommen. Als Steubing im Juni 2015 von Wilhelm Bender übernahm, verfügten die Hessen über ein Eigenkapital von fünf Millionen Euro und machten 70 Millionen Umsatz. Jetzt sind es, auch dank der Aktionärsgesellschaft „Freunde des Adlers“, stolze 68 Millionen Euro Eigenkapital, und hätte Corona nicht alles ausgebremst, die 300-Millionen-Marke beim Umsatz wäre geknackt worden. Schließlich empfindet der Wagner-Liebhaber, zudem Stammgast bei den Bayreuther Festspielen, den jüngsten Einstieg der Deutschen Bank als Hauptsponsor als „markantes Zeichen“, das in erster Linie „für uns Sicherheit bedeutet“. Dazu ist grundsätzlich ein außergewöhnlicher Imagetransfer gelungen, Eintracht Frankfurt präsentiert sich mittlerweile als seriöser, kompetenter, offener, sympathischer Verein, auch mit einer klaren politischen Haltung. „Das übt eine große Zugkraft aus“, freut sich Steubing.

Er selbst, der 1984 bis 1994 den Stadtteilklub Rot-Weiss Frankfurt als Präsident bis zur Hessenmeisterschaft führte, hat sich in all den Jahren im Hintergrund gehalten. Aber nicht minder wirkungsvoll. Dort hat er Strippen gezogen, einer fürs Rampenlicht ist der gebürtige Frankfurter und Sohn eines Polizisten nicht. Dass er sich aktuell in Interviews dezidiert zu Spielertransfers („Schließe einen Verkauf von Trapp und Kostic nicht aus“) weit aus dem Fenster lehnt, ist eigentlich nicht seine Art. Er bleibt im Verborgenen, regelt die Dinge diskret. „Ich habe angestoßen“, umschreibt er zurückhaltend sein Wirken. Er sagt: „Ich bin wahnsinnig stolz auf die Truppe im Aufsichtsrat und im Vorstand.“ Arbeit habe es in den fünf Jahren mehr als genug gegeben. 150 Sitzungen habe er geleitet, „das habe ich mir so nicht vorgestellt“.

Wolfgang Steubing ist bei aller Professionalität und nötiger Konsequenz immer Mensch geblieben, verständnisvoll, ist ein Vermittler und verlässlicher Diplomat, „Brückenbauer“ hat ihn die FR einmal charakterisiert. Mit ihm konnten immer alle, einerlei, woher sie kamen. Er ist, kein Zweifel, an Genussmensch, er schätzt einen guten Tropfen. Leben und Leben lassen ist sein Motto. Und: „Wenn es mir gut geht, dann soll es auch meinen Mitarbeitern gut gehen.“ Wie oft hat der 70-Jährige in geselliger Runde die Zeche übernommen, wie selbstverständlich und immer cash. „Ich bin ein Bargeld-Typ.“ Wenn Hilfe gebraucht wird, ist Steubing zur Stelle, sei es bei der Finanzierung des Kinderhauses Frank in Frankfurt, dem Senckenberg Museum, der School of Finance, dem PetriHaus in Rödelheim oder der Sporthalle am Riederwald. Das Land hat ihn mit dem hessischen Verdienstorden ausgezeichnet. Steubing ist so was wie die graue Eminenz mit großem Herzen, dazu unkompliziert, jovial, bei den Leuten. Und doch mit allen Wassern gewaschen, unterschätzen sollte man den Strippenzieher nie. Eine seiner schwersten Entscheidungen war, die Entlassung des Trainers Armin Veh mitzutragen. Veh war mehr als nur Trainer, „er war und ist mein Freund“.

Führungskraft Steubing, gesundheitlich angeschlagen, wird am Dienstag als Chef des Aufsichtsrats abgelöst, sein Rat wird aber weiterhin gebraucht und gehört werden. Der Mäzen soll, so ist es geplant, Ehrenvorsitzender dieses Gremiums werden.

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