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Locker vom Hocker: Auf Eintracht-Sportvorstand Fredi Bobic (links) und Manager Bruno Hübner wartet viel Arbeit.

Eintracht Frankfurt

Wofür steht die Eintracht?

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Nach dem Abgang von Leistungsträger Bastian Oczipka stellt sich nach wie vor die Frage: Für was steht Eintracht Frankfurt und wo will der Klub eigentlich hin?

Als der verdiente Flügelspieler Stefan Aigner der Eintracht vor einem Jahr den Rücken kehrte (für läppische 2,5 Millionen Euro im Übrigen), war das Erstaunen ebenso groß wie der Aufschrei. Kapitän Alexander Meier urteilte scharf und bewertete den Abgang schlichtweg als „Katastrophe“. Aigner fehlte im Mannschaftskreise vor allem als Mensch und Persönlichkeit; sportlich ließ sich der Verkauf sogar verschmerzen – mal ganz davon abgesehen, dass die Rückkehr zu 1860 München für den Spieler selbst zum persönlichen Waterloo wurde.

Nun, zwölf Monate später, nimmt ein weiterer altgedienter Spieler seinen Hut: Bastian Oczipka wird sich dem FC Schalke 04 anschließen. Der Linksverteidiger wollte, wie auch Aigner damals, die Eintracht nach fünf Jahren unbedingt verlassen, um mit 28 noch mal etwas Neues zu probieren. Ein offeriertes Jahressalär von 3,5 Millionen Euro hat dem Bergisch-Gladbacher bei der Entscheidungsfindung geholfen. Die Hessen werden von Königsblau mit 4,5 Millionen Euro entschädigt.

Das ist für einen deutschen Linksfuß auf dieser Position sicherlich nicht übermäßig viel Geld und kein tolles Geschäft für die Eintracht, aber es ist doch ein marktgerechter Preis. Oczipkas Vertrag wäre in einem Jahr ausgelaufen, und der Spieler war nicht bereit, die Zusammenarbeit in Frankfurt über 2018 hinweg auszudehnen. Die Eintracht hatte den Zeitpunkt für eine Vertragsverlängerung zu verbesserten Bezügen schlichtweg verpasst.

Oczipkas Wechsel liegt natürlich auch in der finanziellen Ausstattung seines neuen Arbeitspapiers auf Schalke begründet, aber nicht nur. Der Routinier war mit einigen Begebenheiten rund um die Mannschaft und der Führung des Teams nicht mehr einverstanden. Das war nichts wirklich gravierendes, aber eben doch ein Störfaktor. Es hat den klugen und sensiblen Athleten überdies sehr wohl getroffen, dass ihm seinerzeit sogar Timothy Chandler als Kapitän vorgezogen wurde, als die etatmäßigen Spielführer unpässlich waren.

Sein Fortgang reißt in jedem Fall eine Lücke. Sportlich wie menschlich. Oczipka gehörte in der vergangenen Saison zu den beständigsten Fußballern, war der Dauerbrenner, in den zurückliegenden Jahren zudem immer Stammspieler, eben verlässlich und grundsolide. Und er war intern beliebt, kümmerte sich um die Neuen, sorgte mit den anderen arrivierten Kräfte für ein inneres Gleichgewicht.

Erst kürzlich erzählte Neuzugang Danny da Costa, wie sehr ihm der einstige Leverkusener Mitspieler bei der Integration geholfen hatte. „Basti ist hier Führungsspieler und hat mir den Einstieg leicht gemacht.“

Nach seinem Abflug aus den USA konnte auch Mitspieler Slobodan Medojevic im HR-Gespräch seine Enttäuschung nicht verhehlen: „Es ist sehr, sehr schade für die Mannschaft, Basti war ganz wichtig. Er ist ein super Spieler und ein top Mensch, ein super Typ“, der immer „auf die Atmosphäre“ innerhalb der Gruppe geachtet habe.

Nur Taleb Tawatha reicht nicht

Von Vereinsseite ist es gewiss nachvollziehbar, den flexibel einsetzbaren Abwehrspieler nicht unter Zwang zum Bleiben bewegt zu haben. Zumal die neue Philosophie ja vorsieht, einen Spieler zu verkaufen, wenn die restliche Vertragslaufzeit nur noch ein Jahr beträgt und der Akteur seinen Kontrakt nicht verlängern will. Andererseits war Trainer Niko Kovac natürlich nicht erfreut, den schnellen Verteidiger zu verlieren, zumal er ihn auch sehr gerne in der zentralen Deckung einsetzte, wo Oczipka überwiegend gute bis sehr gute Leistungen zeigte.

Die Eintracht wird nun nachlegen müssen, mit dem unsteten und ungestümen Taleb Tawatha kann sie unmöglich in die Saison gehen. Der Name des 30 Jahre alten Ex-Nationalspielers Dennis Aogo, zurzeit arbeitslos und zuletzt auf Schalke, fällt in diesem Zusammenhang immer mal, auch der 23-jährige Tim Leibold vom 1. FC Nürnberg wird ins Rennen geschickt, genauso wie der Kölner Konstantin Rausch.

Die Eintracht wird, so oder so, aufpassen müssen, nicht alle Spieler zu verlieren, die einen engeren Bezug zum Verein und eine emotionale Bindung haben. Das ist ein schmaler Grat. Die Eintracht ist mittlerweile zu einem Bundesligisten geworden, bei dem der Durchlauf mit am schnellsten und die Verweildauer mit am geringsten ist.

Unter Sportvorstand Fredi Bobic ist stets Druck auf dem Kessel, das Tempo ist immens. Spieler kommen und gehen, ein Umbruch jagt den nächsten, währenddessen die Mannschaft hinter der Mannschaft wird immer weiter aufgeblasen wird. Die Hierarchien im Team werden dadurch automatisch aufgebrochen und aufgeweicht, vielleicht ist das sogar gewollt. Ob es gesund und klug ist, steht auf einem anderen Blatt. Denn jede Mannschaft braucht einen gesunden Kern, ein Stamm und ein Gerüst, das die anderen trägt und auffängt. Sonst ist das innere Gleichgewicht in Gefahr.

Blutauffrischung und Fluktuation sind gut, bei dem anspruchsvollen Training und den gestiegenen Anforderungen an jeden einzelnen Profi vielleicht sogar unausweichlich, doch die Sportliche Leitung sollte es nicht übertreiben und die Wechselspiele nicht zum Prinzip erheben. Eine Linie ist nur schwerlich zu erkennen, und daher bleiben die Fragen aktuell: Für was steht Eintracht Frankfurt und wo will der Klub eigentlich hin?

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