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„Der Sport rückt in einer solchen Situation erst einmal in den Hintergrund“, sagt Eintracht-Profi Johannes Flum.

Interview Johannes Flum

„Es wird alles besser“

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    Ingo Durstewitz
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Eintracht-Profi Johannes Flum über seinen schlimmen Trainingsunfall, die Folgen der Knieoperation, Beistand in schweren Zeiten und weshalb er davon überzeugt ist, auf den Fußballplatz zurückzukehren.

Das Jahr 2015 wird Johannes Flum nicht unbedingt in bester Erinnerung behalten. Rein sportlich gesehen war es eine einzige Enttäuschung, der Mittelfeldspieler kam nicht wirklich zum Zuge, lag weit hinter den (eigenen) Erwartungen zurück. Unter Ex-Trainer Thomas Schaaf kam er in der abgelaufenen Saison nur auf sieben Einsätze, fünf davon in diesem Jahr. Kein einziges Mal stand der 28-Jährige in der Startelf. Flum hätte den Verein gewechselt, wäre Schaaf Trainer geblieben. Das blieb er nicht, stattdessen kehrte Armin Veh zurück.

Doch auch unter seinem großen Förderer kam er nicht ins Rollen. Nur einmal durfte Flum in dieser Saison beginnen, das war ausgerechnet beim 1:5 gegen Mönchengladbach. Danach war er wieder außen vor. Das hatte Gründe: Der Ex-Freiburger litt noch lange darunter, mehr als ein Jahr kaum Spielpraxis sammeln zu können. Das wird nach seinem verheerenden Trainingsunfall wieder der Fall sein. Doch jetzt sind ohnehin andere Dinge wichtig.

Herr Flum, nach Ihrer Operation an der gebrochenen Kniescheibe lassen Sie uns mit einer ganz profanen und eigentlich verpönten Frage beginnen, die in Ihrem Fall aber durchaus ihre Berechtigung hat, wie wir finden: Wie geht es Ihnen?
So weit geht es mir ganz gut. Die ersten Tage nach der Operation waren schon schwer. Die Schmerzen waren stark. Und es ist halt so, dass man rund um die Uhr auf Hilfe angewiesen ist. Ich habe das Glück, dass meine Frau für mich da sein kann, obwohl sie berufstätig ist. Und auch mein Schwager, der in Frankfurt wohnt, und mein Bruder, der in Darmstadt studiert, helfen mir, wo sie können. Generell aber gilt: Es wird jeden Tag besser. 

Wie sieht denn Ihr Alltag aus? Oder besser gesagt: Wie beschwerlich ist Ihr Alltag? Gehen Sie an Krücken?
Der Alltag ist nicht leicht, das ist doch klar. Seit ein paar Tagen gehe ich an Krücken. Das läuft mittlerweile ganz gut. Aber am Anfang konnte ich nicht einmal meinen Socken oder meinen Schuh am linken Fuß alleine anziehen. Das sind Kleinigkeiten, für die ich jemanden gebraucht habe. Das war nicht so einfach. Aber langsam komme ich immer besser zurecht. 

Sie absolvieren in der Praxis von Julia Runzheimer und Ralf Arlinghaus ihre Reha. Mal ganz platt gefragt: Wie kommen Sie da hin? Gibt es einen Fahrdienst? Oder werden sie gebracht?
Entweder fährt mich meine Frau, mein Schwager oder mein Bruder. Wenn sie nicht können, fahre ich mit dem Taxi. Mittlerweile kann ich mir ja auch die Schuhe anziehen und die Schiene anlegen, das geht dann schon. 

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Welche Anwendungen bekommen Sie dort?
Vor allem Lymphdrainage, damit die Schwellungen und Blutergüsse abklingen. Dann werde ich zusätzlich mit Strom behandelt. Die Muskulatur und die Kniescheibe müssen aktiviert werden, damit auch der Stoffwechsel in Gang kommt. Viel mehr geht momentan noch nicht, wird aber peu à peu gesteigert. Am Mittwoch habe ich erstmals die Schiene ausgezogen und die Muskulatur im Oberschenkel angespannt. Mit gestrecktem Bein. Das ist gar nicht so leicht, weil es da die Kniescheibe zusammenzieht. Das ist unangenehm und ungewohnt. Aber Schmerzen habe ich glücklicherweise nicht mehr, die Fäden sind gezogen, Schmerztabletten nehme ich keine mehr. Und die Ärzte in der BGU sind sehr zufrieden, wie das Knie aussieht. 

Wie eingeschränkt sind Sie?
Mittlerweile geht es. Aber am Anfang war es eine brutale Umstellung. Ich habe gemerkt, wie eingeschränkt man ist, wenn die Körperfunktionen nicht bei 100 Prozent sind. Die einfachsten Sachen hauen nicht hin, sich im Bett umdrehen beispielsweise. Das ist schon hart. Aber man gewöhnt sich auch ein bisschen daran. Mittlerweile schlafe ich auch wieder durch. Es wird alles besser. 

Wie wird Ihre Kniescheibe denn jetzt zusammengehalten?
Mir wurde eine Platte eingesetzt, die mit Schrauben verstärkt wurde. Der Arzt sagte, er habe das sehr gut hinbekommen. Es sehe sehr gut aus, aber ich müsse viel Geduld und Ruhe haben. Für mich war wichtig, dass das Knie sonst okay ist, also keine weiteren relevanten Schäden entstanden sind. Das ist eine schwere Verletzung, ganz klar, aber ich hatte sogar noch ein bisschen Glück im Unglück. 

Haben Sie die Situation, wie es zu diesem Trainingsunfall kam, noch im Kopf, läuft Sie noch vor Ihrem inneren Auge ab?
Ich habe nicht mehr oft daran gedacht, aber ich weiß ungefähr, wie es passiert ist. 

Slobodan Medojevic und Sie wollten zur gleichen Seite ausweichen...
...ja, genau, und dann sind wir mit den Knien zusammengestoßen. Knie an Knie passiert nicht oft im Fußball, aber ich hatte solche Zusammenstöße vorher auch schon, da ist nicht viel passiert. Das jetzt war sehr unglücklich. 

Sie haben ja höllische Schmerzen gehabt. Haben Sie sofort gewusst, dass etwas Schlimmes passiert ist?
Ich hatte starke Schmerzen, aber ich hatte schon mal einen Innenbandriss. Da hat es sich für mich aber angefühlt, als hätte mir einer mit einem Messer ins Knie gestochen. Das hatte ich jetzt nicht. Ich habe auch kein Ziehen gespürt oder Knacken gehört. Deshalb dachte ich, so viel kann da gar nicht kaputt sein. Aber als ich das Knie dann gesehen habe, war ich schon geschockt. 

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Haben Sie ihr Knie danach noch mal auf Bilder gesehen?
Ja, man hat mir die Bilder gezeigt. Ich habe kurz hingesehen, es mir danach aber nicht mehr angesehen. Das brauche ich nicht, und das werde ich auch nicht mehr machen. 

Bekamen Sie Angst, als der Rettungshubschrauber kam?
Natürlich wirkt im ersten Moment alles sehr dramatisch, wenn ein Hubschrauber landet. Ich bekam aber keine Angst, denn es war ja so, dass der Rettungswagen kam und kein Notarzt dabei war. Deshalb musste er mit dem Helikopter kommen. Ich war froh, als er kam. Der Notarzt hat das sehr gut gemacht und mich schnell beruhigt. Bei dieser schwerwiegenden Verletzung sei es besser, mit dem Hubschrauber zu fliegen, weil es schneller ginge und auch nicht rüttle. Ich denke, das war der richtige Weg. 

Wie war der Tag bis zur Operation? Hatten Sie da Angst? Es hätten ja auch noch andere Schäden im Knie geben können.
Nein, daran habe ich nicht gedacht. Meine Frau und mein Bruder waren da. Sie standen mir zur Seite. Ich habe nicht groß nachgedacht, was sein könnte. Ich hatte viele Schmerzmittel bekommen und geschlafen, so gut es ging. Ich war dann auf die Operation fokussiert, alles andere lag eh nicht in meinen Händen. 

Wird in solchen Momenten der Sport erst einmal unwichtig? Sieg oder Niederlage, Abstieg oder Nichtabstieg – das kann einen doch kaum mehr interessieren, oder?
Der Sport rückt in einer solchen Situation erst einmal in den Hintergrund. Das ist ja ganz klar. Aber auch wenn ich gesund bin, weiß ich, dass es wichtigeres als Fußball gibt. Gesundheit, Familie. Aber natürlich merkt man da noch einmal deutlicher, dass der Sport nicht alles ist.

Hatten Sie die Befürchtung, dass Ihre Karriere mit einem Schlag vorüber sein könnte?
Nein. An das Karriereende habe ich nie einen Gedanken verschwendet. 

Aber Sie haben sich doch sicherlich gefreut, als Sie hörten, dass es keine weiteren Schäden im Knie gibt.
Das war eine Bestätigung, es tat gut zu hören, und es war schon aufbauend. 

Es gab ohnehin viele aufbauende Worte. So viel können Sie in Ihrer Karriere nicht falsch gemacht haben, wenn man sieht, wie überwältigend groß das Mitgefühl war.
Ja, ich habe unzählige Nachrichten bekommen. Gute Freunde, Familie, Bekannte, Weggefährten aus dem Sport, Journalisten – ganz, ganz viele Leute haben an mich gedacht. Das hat mich mega gefreut. Wirklich. Das bedeutet mir auch sehr viel. Und es ist auch eine Motivation für die kommenden schweren Zeiten. 

Wir haben gehört, dass sich auch Trainer Armin Veh rührend gekümmert hat, auf dem Platz noch.
Ja, er war sofort da und hat mir Mut zugesprochen. In so einer Situation war es wichtig, dass da niemand ist, der das Ganze noch dramatisiert, sondern dass man die Ruhe bewahrt. Und das hat er hervorragend gemacht. Das hat mir sehr geholfen. Auch jetzt stehen wir in ständigem Kontakt. 

Das alles zeigt ja, dass Sie Spuren hinterlassen haben in den zweieinhalb Jahren in Frankfurt.
Absolut. Und ich bin fest davon überzeugt, dass es nicht meine letzten Spuren waren. Es ist toll zu sehen, dass man nicht nur die Unterstützung hat, wenn es gut läuft, sondern gerade dann, wenn die Zeiten mal etwas härter sind. Es hat mich auch gefreut, dass sich etwa der Vorstandsvorsitzende Heribert Bruchhagen die Zeit genommen hat, um mich bei mir zu Hause zu besuchen. Das ist nicht selbstverständlich. Und er hat ja im Moment andere Sorgen und steht unter Anspannung. Trotzdem hat er es gemacht. Das fand ich sehr schön. 

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Ihr Vertrag läuft im Sommer aus. Hoffen Sie auf ein Signal der Eintracht, also dass der Vertrag verlängert wird – gerade, weil Sie jetzt ja erst einmal aus dem Verkehr gezogen sind.
Momentan geht es mir darum, zur Ruhe zu kommen und den kleinen Alltag regeln zu können. Und es ist ja so, dass der Verein zurzeit andere Sorgen hat. Ich leide da echt mit. Das ist auch nicht schön für mich. Klar würde es auch mir gut tun, wenn die Jungs jetzt am Wochenende gewinnen würden. Das hoffe ich sehr. Ich denke, der Verein wird zum passenden Zeitpunkt auf mich zukommen, dann werden wir uns zusammensetzen. Aber im Moment mache ich mir darüber gar keine Gedanken. Ich brauche meine Energie jetzt für die Reha. Und an Weihnachten ist mal für ein paar Tage Ruhe. Da kann jeder im Verein Kraft sammeln. Und dann kommt die Zeit früh genug, dass wir darüber sprechen. 

Sind Sie am Samstag im Stadion?
Ich würde gerne, aber ich bin mit den Krücken noch ein bisschen zu schwach und wackelig. Das ist mir zu riskant. Da muss mich nur jemand aus Versehen anrempeln oder so. Nein, das muss jetzt nicht sein. Ich fiebere vor dem Fernsehen mit. Im Januar komme ich dann ins Stadion. 

Haben Sie überhaupt einen Kopf dafür, sich mit der Situation Ihres Vereins zu beschäftigen? Oder ist das weit weg?
Nein, weit weg ist es nicht. Es ist natürlich anders, wenn ich jeden Tag in der Kabine wäre. Aber ich bekomme schon vieles mit. Ich stehe mit meinen Mitspielern in Kontakt, einige waren jetzt am Montag an meinem Geburtstag bei mir. Das fand ich schön. Das hat mich gefreut. Natürlich haben wir dann auch über die Situation gesprochen. Es ist ja auch wichtig, es geht um unseren Beruf. Und keiner von uns will absteigen. Das beschäftigt die Jungs. Ist doch klar. Ich versuche natürlich zu unterstützen. Aber derzeit bin ich halt auch ziemlich mit mir beschäftigt. Wenn wir jetzt am Samstag gewinnen und einen positiven Abschluss haben würden, würde uns das allen gut tun. Und dann bin ich felsenfest davon überzeugt, dass wir eine gute Rückrunde spielen werden. Aber am besten ist es natürlich, man kann handeln und tatkräftig eingreifen. Das kann ich nicht. Und das ist schon schlimm. 

Wie sieht denn Ihr Zeitplan aus? Wann wollen, wann dürfen Sie noch aktiver werden, wann können Sie womöglich wieder Fußball spielen?
Schwierig zu sagen. Am 20. Januar habe ich einen Kontrolltermin. So lange muss ich die Schiene tragen und an Krücken gehen. Mal sehen, wie es dann weitergeht. Auf jeden Fall kann ich anschließend in der Reha mehr machen. Dann geht es richtig los. Ich werde auf jeden Fall wieder Fußball spielen können. Das hat mir der Arzt bestätigt. Das ist das Wichtigste. Und ob es dann fünf, sechs oder sieben Monate werden, das spielt wirklich keine Rolle. 

Wo verbringen Sie die Festtage? Bei Ihren Eltern?
Ja, aber nur kurz, hier wartet die Reha auf mich. In der Zwischenzeit werde ich bestens versorgt, rund um die Uhr sozusagen, auch an Weihnachten – meine Frau ist nämlich Physiotherapeutin. 

Interview: Ingo Durstewitz und Thomas Kilchenstein

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