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Mit Dampf in den Füßen: Timothy Chandler.

Timothy Chandler

"Wir werden auch jetzt wieder aufstehen"

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Eintracht-Verteidiger Timothy Chandler spricht über die Niederlage in Köln, seinen hohen Stellenwert in der Mannschaft und weshalb er es hasst, Fußballspiele im Fernsehen anzuschauen.

Herr Chandler, Sie haben in Köln eine Gelbsperre abbrummen müssen, durften nicht zum Einsatz kommen. Wie haben Sie sich denn das Dienstagsspiel der Eintracht angesehen? Ganz locker auf der Couch mit Freunden und der Familie?
Ganz locker? Na ja, das würde ich nicht sagen. Die Anspannung ist doch immer sehr groß. Ich habe mit der Familie auf dem Sofa geschaut, da ist man natürlich total aufgeregt, es wird da auch immer etwas lauter, am Dienstag war es wieder so. Und natürlich habe ich mich geärgert, dass wir verloren haben. Das war total unnötig.

Wie ist es für einen Profifußballer, wenn er zur Untätigkeit verdammt ist und den Kollegen bei der Arbeit zusehen muss?
Das ist kein gutes Gefühl, das können Sie mir glauben. Vor dem Fernseher ist es extrem schlimm, da lebt man wirklich jede Sekunde mit, kann aber nicht eingreifen und nicht helfen. Das ist keine einfache Situation. Ich hätte sehr gerne gespielt, es war ja auch eine dumme Gelbe Karte, die ich da bekommen habe gegen Mönchengladbach. Meiner Meinung nach war es auch nicht zwingend erforderlich, mir in dieser Szene nach einem leichten Schubser an der Mittellinie Gelb zu zeigen. Aber nun gut, das lässt sich nicht mehr ändern, und irgendwann wäre es ja sowieso passiert. Ich finde aber, dass der junge Marius Wolf auf meiner Position einen guten Job gemacht hat. Auch wenn wir am Ende mit leeren Händen dastehen.

Die Niederlage in Köln war ja vermeidbar.
Klar, gerade in der ersten Hälfte haben wir ein richtig gutes Spiel gemacht. Doch im Moment ist es wie verhext. Wir werden aber auch jetzt wieder aufstehen. Die Mannschaft ist intakt.

Kommen wir zu Ihnen: Man hat das Gefühl, dass Ihnen die Länderspielpause sehr gut getan hat, da konnten Sie Ihren Akku noch mal richtig aufladen. Zuvor hatte man den Eindruck, dass Sie persönlich vielleicht nicht in einem kleinen Loch waren, aber doch etwas müde wirkten. Gegen Mönchengladbach haben Sie dann eine hervorragende Leistung gezeigt.
Vielleicht war ich nicht mehr ganz so spritzig, das mag sein. Ich habe mich auf die wichtigen Aufgaben im Spiel konzentriert und versucht, defensiv gut zu stehen. Denn die ganze Mannschaft steckte ja in einer schwierigen Situation. Da kann man dann nicht einfach blindlings nach vorne rennen. Ich denke, schlecht habe ich es auch nicht gemacht. Aber gegen Gladbach etwa haben wir wieder ein anderes System und mit einer anderen Taktik gespielt, insgesamt etwas offensiver agiert. Dadurch konnte ich mehr Akzente nach vorne setzen und gute Flankenläufe starten.

Weshalb tut sich die Eintracht in der Rückserie insgesamt so schwer?
Es war halt auch sehr viel für uns, es ging alles schnell. Und die Leute erwarten dann auch sehr viel von uns, in jedem Spiel. Wir wussten aber, dass irgendwann mal der Zeitpunkt kommt, an dem wir in ein Loch fallen und auch mal ein paar Spiele hintereinander verlieren können. So ist es auch gekommen. Aber wir können uns über die Saison – insgesamt gesehen – sicher nicht beschweren. Wir stehen ja noch im DFB-Pokal-Halbfinale, das sollte man auch nicht vergessen.

Wie groß sind die Strapazen für die Spieler und für die Mannschaft? Es wird ja allenthalben viel gefordert, Trainer Niko Kovac ist bekannt dafür, nie locker zu lassen.
Die Fans und der Verein fordern viel von uns – weil wir gute Leistungen gebracht haben. Da ist die Erwartungshaltung vielleicht gestiegen. Ich finde das gut, so bleibt man wach, so lässt man nicht nach. Unser Ziel bleiben nach wie vor 40 Punkte, diese Marke wollen wir jetzt am Freitag gegen Bremen knacken. Ich kann jedenfalls sagen, dass wir als Mannschaft in dieser Saison in jedem Spiel alles gegeben haben, und das wird man nach der Saison sicherlich auch anerkennen. Auch wenn es momentan von den Ergebnissen her nicht so läuft.

Haben Sie Angst, dass die Mannschaft nach dieser Spielzeit wieder neu aufgebaut werden muss?
Das weiß ich nicht. Es stehen ja auch einige Entscheidungen bevor, ich weiß auch gar nicht, welche Tendenzen es da gibt. Ich kann nur sagen, dass ich der Sportlichen Leitung vertraue. Und wenn einige Spieler uns wirklich verlassen sollten, dann werden die Verantwortlichen auch wieder gut einkaufen – wie vor dieser Saison. Da hatte uns ja auch niemand auf dem Zettel.

Sie haben mit Ihrer langfristigen Vertragsverlängerung bis 2020 ein deutliches Signal gesendet. Auch mit ein bisschen Abstand die richtige Entscheidung?
Auf jeden Fall. Ich bin glücklich, dass ich verlängert habe. Ich wollte natürlich auch ein Zeichen setzen, ich komme aus Frankfurt. Deshalb freue ich mich, dass ich noch ein paar Jahre bei der Eintracht bleiben kann.

Hat man als Berufsfußballer überhaupt Zeit, eine Karriere zu reflektieren? Oder geht das alles viel zu schnell? Allein Ihre persönliche Situation in den vergangenen Jahren gleicht ja einer Achterbahnfahrt.
Deshalb freue ich mich auch, dass es jetzt gut läuft. Ich habe hier schon auf die Ohren bekommen, bei Armin Veh war es auch nicht leicht für mich. Aber das gehört im Fußball dazu. Man muss sich immer wieder aufraffen, und das habe ich gemacht. Ich habe mich als Alternative angeboten, mich nicht hängenlassen. Der Trainer hat mir die Chance gegeben, ich habe sie genutzt. Der neue Vertrag ist die Folge daraus.

Wer ist eigentlich Ihr Regulativ? Freunde, Berater, der Trainer? Oder lesen Sie sich Kritiken in den Zeitungen durch?
Also, wenn ich Zeitungen oder im Internet gelesen hätte, dann hätte ich schon aufhören müssen (lacht). Da nehme ich lieber die Kritik von meinem Trainer an und versuche, sie umzusetzen.

Man hat den Eindruck, dass Ihnen größere Wertschätzung zuteil wird. Sie versuchen auch, mehr Verantwortung zu übernehmen. Wie würden Sie Ihren Stellenwert innerhalb der Mannschaft einschätzen?
Ich denke, ich bin gut angesehen im Team. Ich kann auch mal etwas sagen, das vielleicht nicht so nett ist. Die Jungs können gut damit umgehen. Ich bin andererseits aber auch für jeden Spaß zu haben. Ich denke, ich komme damit sehr gut an und habe einen recht guten Stellenwert. Das passt alles. Und natürlich möchte ich mehr Verantwortung übernehmen, diesen Anspruch habe ich einfach an mich selbst. Ich bin jetzt auch schon neun Jahre Profi, habe Erfahrungen gesammelt und weiß, wie die Bundesliga funktioniert.

Wie ist es um Ihre Nationalmannschaftskarriere bestellt? Gibt es da die Befürchtung, dass Sie es schwerer haben werden, weil Jürgen Klinsmann nicht mehr Trainer des US-Teams ist und sein Nachfolger Bruce Arena nicht ganz so stark auf Legionäre baut?
Bei den letzten beiden Partien war ich nicht dabei, das war aber abgesprochen. Ich war im ersten Spiel gesperrt, und wegen einem Spiel dann so weit zu fliegen, das musste ja nicht sein, das hätte keinen Sinn gemacht. Generell ist es so, dass der Trainer mich weiter beobachten will. Er verfolgt meine Leistungen sehr genau. Und dann wird er entscheiden, ob er mich im Sommer für die zwei Qualifikationsspiele und den Gold-Cup wieder einladen wird. Ich werde hier also meine Leistung abrufen müssen, und dann sehen wir weiter.

Die Nationalelf hat für Sie einen hohen Stellenwert.
Natürlich. Für die USA, so ein riesiges Land, zu spielen, hat einen hohen Stellenwert, das ist etwas ganz Besonderes. Aber jetzt gilt meine Konzentration erst mal der Eintracht und speziell dem Spiel gegen Bremen. Da wollen wir endlich einen Sieg schaffen und die Wende einleiten.

Interview: Ingo Durstewitz

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