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Hatte Tränen in den Augen kurz nach seinem Fehlschuss: Martin Hinteregger.

Europa League

„Wir waren so nah dran, so nah ...“

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Am Sonntag spielt die Eintracht das letzte Bundesliga-Heimspiel der Saison. Es wird schwierig nach dem brutalen Aus in London.

Die recht unvermittelt daherkommende, durchaus berechtigte, aber doch seltsam deplatziert wirkende Frage schoss mitten hinein in die große Leere, ins schmerzvolle Nichts – und sie traf Fredi Bobic unvorbereitet. Ob er Angst habe, dass nun die Saison mit einem negativen Gesamteindruck beendet werde und die Eintracht auf den letzten Metern alles verspiele, wollte da jemand von dem Frankfurter Sportvorstand wissen. Eine Einlassung, die den 47-Jährigen in den Minuten der riesigen Enttäuschung, in denen viele feuchte Augen zu sehen waren, schwer nervte und die er barsch zur Seite wischte: „Das ist mir jetzt gerade mal scheißegal“, entgegnete Bobic und begründete: „Egal, was jetzt herauskommt, es war ein überragendes Jahr.“

Eintracht Frankfurt wird am 29. Mai nicht in Baku antreten, das Finale der Europa League steigt ohne die tapferen Hessen, es gibt, genau wie in der Champions League, ein rein englisches Duell: FC Arsenal gegen FC Chelsea. Die Eintracht war dicht dran, sie ist am Wunschziel denkbar knapp vorbeigeschrammt. „Wir hätten es verdient gehabt“, befand der Sportchef. „Aber der Fußballgott war nicht auf unserer Seite.“ Er hatte sich wohl eine Auszeit genommen.

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Bitterer kann man nicht ausscheiden

Sehr viel bitterer als der Frankfurter Traditionsklub kann man aus einem Wettbewerb nicht ausscheiden, der große FC Chelsea hat nach zwei 1:1-Unentschieden im Hin- und Rückspiel ein Elfmeterschießen benötigt, um den aufmüpfigen Außenseiter aus Deutschland in die Knie zu zwingen – und selbst vom Punkt lagen die Londoner schon mit 2:3 zurück, hatten die schlechteren Karten. Doch dann drehte sich das Blatt, Martin Hinteregger und Goncalo Paciencia verschossen für die Eintracht (siehe Artikel auf rechter Seite), Jorginho, David Luiz und Eden Hazard trafen für Chelsea – und schwupps waren die so hoch fliegenden Frankfurter raus und knallhart auf den Boden der Realität zurückgeholt worden. Durch vier Treffer aus elf Metern. Das ist brutal.

„Wir haben den Topfavoriten fast blamiert“, fasste Trainer Adi Hütter zusammen. „Wir waren mit einem Bein im Finale, deshalb ist es bitter, mit leeren Händen dazustehen.“ Er konnte sein Gefühlsleben selbst nicht deuten, es changierte zwischen „Traurigkeit und Stolz“, klar sei nur: „Wir haben mit Leidenschaft, Herz und Haltung gespielt. Was wir geleistet haben, hat große Anerkennung gefunden – auch über Frankfurt hinaus.“ Selbst in England wurde die Eintracht als „Hell of a Team“, als verdammt starke Mannschaft, gefeiert.

Nach dem dramatischen Aus im Halbfinale waren die Spieler untröstlich, Danny da Costa, völlig konsterniert, weinte hemmungslos, „es sind viele Tränen geflossen“, sagte Torhüter Kevin Trapp, der zwar einen Elfmeter parierte, aber eben einen weniger als sein Gegenüber Kepa. Der leidvolle Eintracht-Schlussmann hatte eine „schwierige Nacht“ hinter sich gebracht. „Das ist ein extrem bitteres Erlebnis.“

Auch die Verantwortlichen mussten sich erst einmal schütteln. Justiziar Philipp Reschke, der das Spiel kauernd auf einer Steintreppe auf der Pressetribüne verfolgte, war fix und fertig, er spülte seinen Frust mit dem einen oder anderen Bier hinunter. „Wir waren so nah dran“, sagte er, tief in der Nacht. „So nah ...“ Wer weiß, wann diese Chance noch einmal wiederkommt. Bis ins Halbfinale ist es ein weiter Weg.

Die Eintracht hat in London eine herausragend gute, eine grandiose Leistung abgeliefert, sie hatte den FC Chelsea am Rande einer Niederlage, zweimal mussten die Engländer bei Versuchen von Sebastien Haller in der Verlängerung auf der Linie retten, sie lieferte einen heroischen, ja fast schon epischen Kampf, sie zeigte alles, für was diese Mannschaft steht. Mentalität, Aufopferung und die Einstellung, niemals aufzugeben.

„Es war die Haltung, wie wir sie die gesamte Saison über an den Tag gelegt haben“, betonte Coach Hütter. Die Eintracht geht als moralischer Sieger aus dem Semifinale und dem gesamten Wettbewerb hervor, sie hat die Europa League in dem Maße gerockt wie Ajax Amsterdam die Königsklasse. Beide wildromantischen Vertreter des Fußballs in Reinkultur schieden binnen 24 Stunden auf dramatische Art und Weise aus. Auch das gehört zum Sport, der manchmal grausam sein kann.

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Eintracht hat viele neue Fans gefunden

Die Eintracht aber hat mehr als nur ein Ausrufezeichen hinterlassen, sie hat sich selbst, aber auch den deutschen Fußball als letzter Vertreter würdig vertreten, daran sollten sich andere ein Beispiel nehmen, Bayer Leverkusen und RB Leipzig etwa. Die Frankfurter haben viele neue Fans gefunden, in Deutschland, aber auch in Europa. Das liegt an dieser außergewöhnlichen Mannschaft, aber auch an den Fans, die in London erneut für eine unglaubliche Stimmung und eine Gänsehautatmosphäre gesorgt haben. Noch eine halbe Stunde nach dem Abpfiff feierten die rund 3000 Anhänger ihre Mannschaft in ohrenbetäubender Lautstärke, schmetterten voller Stolz und Inbrunst aus tausender Kehlen „Europas beste Mannschaft, SGE“ und sangen das Vereinslied „Im Herzen von Europa“. Für einige Spieler war das zu viel, sie konnten ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Auch bei der Ankunft am Freitag in Frankfurt ließen die Fans das Team hochleben. Ehre, wem Ehre gebührt.

Zum Vergleich: Die Mannschaft des durch Öl-Milliarden hochgezüchteten FC Chelsea war am Donnerstag nach dem Abpfiff rasch in der Kabine verschwunden, das Stadion schon fünf Minuten nach dem Abpfiff so gut wie leer. Für die einen wäre das Europa-League-Finale das Größte gewesen, die anderen nehmen es als Zugabe routiniert mit. Auch das gehört zum Fußball der Neuzeit: Vier englische Teams stehen in den beiden Europapokalfinals. „Da wird sich die Uefa freuen“, spottete Fredi Bobic. Und doch zeigt es die Kräfteverhältnisse in Fußball-Europa: Erst kommt England, dann England und England und irgendwann der Rest.

Adi Hütter: „Ich kann den Jungs nur Danke sagen“

Es wird ein paar Tage dauern, ehe die Frankfurter Spieler und auch die Verantwortlichen realisiert haben werden, was da eigentlich genau passiert ist an der Stamford Bridge. „Ich kann den Jungs nur Danke sagen und ihnen gratulieren“, bekundete Trainer Hütter, und Vorstand Bobic ergänzte. „Es war ein unglaublicher Ritt. Wir sind Frankfurts Stolz“, sagte Bobic, der den Spielern persönlich seinen Dank aussprach und sie auf die letzten Aufgaben einschwor. Denn nach Europa ist vor der Bundesliga.

Am Sonntag (18 Uhr) kommt Mainz 05 nach Frankfurt. Ein schwieriges Duell, geistig und körperlich. „Die Jungs werden in den letzten Spielen alles investieren“, sagte Bobic und legte die Latte trotz 48 Pflichtspielen gleich wieder nach oben. „Wir haben mehr Spiele gemacht als die meisten anderen, natürlich sehe ich die Wunden. Trotzdem wollen wir in die Champions League, das ist unser Traum. Aber wir wissen, dass es verdammt schwer wird.“ Trainer Hütter hat bereits angekündigt, die Rotationsmaschine anzuwerfen, weil fast alle Profis weit über ihre Grenzen hinausgegangen seien. Vielleicht kann sich das Team ja ein letztes Mal aufraffen – trotz des fast schon traumatischen Erlebnisses an der Stamford Bridge in London.

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