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„Wir stehen unverdient so weit da unten“

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Von: Thomas Kilchenstein

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Ist einer der Gewinner des Trainerwechsels: Timothy Chandler
Ist einer der Gewinner des Trainerwechsels: Timothy Chandler © Stefan Krieger

Timothy Chandler über Frust auf dem Sofa, Noten im Training, Gespräche mit Niko Kovac, der Kampf um seinen Platz rechts hinten und warum das Beste in seinem Leben der Wechsel zum 1. FC Nürnberg war.

Timothy Chandler, 26, ist ein Frankfurter Eigengewächs. Mit elf Jahren kam er zur Eintracht, er spielte von der D-Jugend bis zur U23 am Riederwald, ehe er zum 1. FC Nürnberg wechselte. 2014 kehrte er als gestandener Bundesligaprofi und US-Nationalspieler zurück. Er sollte Sebastian Jung vergessen machen. In der US-Elf rufen sie ihn zuweilen wegen seines ausladenden Hinterteils auch J.Lo, nach der Schauspielerin Jennifer Lopez, manchmal auch Duck, Ente. Der Deutsch-Amerikaner nimmt es hin, „was soll ich machen, das ist halt mein Gang.“ Zwischen den Jahren hat Timmy Chandler seine langjährige Freundin Nina geheiratet. Die Flitterwochen verbrachten sie auf den Malediven.

Diese Saison ist für den 26-Jährigen nicht gut gelaufen. Er verlor seinen Stammplatz auf rechts. Doch richtig durchsetzen konnte sich keiner, weder Makoto Hasebe, Aleksandar Ignjovski noch Yanni Regäsel. Jetzt spielt Chandler wieder auf seinem angestammten Platz.

Herr Chandler, zum Einstieg ganz direkt geragt: Sind Sie froh, dass Armin Veh kein Trainer mehr ist?
Wieso? Weil ich bei ihm nicht mehr gespielt habe?

Ja.
Nein, froh, dass ein Trainer weg ist, das ist man als Spieler nie. Okay, wenn es bei der Mannschaft nicht so läuft wie erwartet oder sogar noch schlechter, dann wird meist dem Trainer die Schuld gegeben. Es ist ja auch einfacher, sich von dem Trainer zu trennen statt von der ganzen Mannschaft. Aber so ist das im Fußballgeschäft: Es gibt Trainer, die stehen auf dich als Spieler und es gibt Trainer, die stehen nicht auf dich. Herr Veh stand wohl nicht so auf mich. Aber ich hatte auch schon viele Trainer, die mir vertrauten. Das ist alles schon in Ordnung.

Wir fragen deswegen, weil Sie und Constant Djakpa die großen Gewinner des Trainerwechsels sind. Sie beide sind jetzt wieder erste Wahl?
Stimmt, ich habe fast drei Monate nicht gespielt, war nicht einmal mehr im Kader. Und natürlich freut es einen, wenn ein neuer Trainer kommt und einem eine neue Chance gibt. Dies war unter Herrn Veh nicht so. Dennoch habe ich mich im Training nie hängen gelassen und immer Vollgas gegeben. Es hat aber nicht gereicht.

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Herr Chandler, über die Hinrunde müssen wir nicht reden. Sie kamen vom Gold-Cup verspätet zurück, dann wurden Sie am Meniskus operiert. Doch in der Winterpause hieß es noch, wichtig werde es sein, den Timmy zum Laufen zu bekommen. Warum hat es nicht geklappt?
Weiß nicht. Vielleicht wurde nicht richtig darüber gesprochen.

Ist denn im Trainingslager in Abu Dhabi irgendetwas vorgefallen?
Ich kann mich nicht erinnern, was ich falsch gemacht haben sollte. Es mag sein, dass ich ein paar Flanken hinters Tor geschlagen habe oder vielleicht mal falsch gestanden habe. Ich glaube dennoch, ich habe mich jederzeit korrekt verhalten. Es gab auch zwischen mir und dem Trainer nie eine Auseinandersetzung, ein Problem oder gar ein Streit. 

Sie sind auch nie mal ausgebüxt?
(lacht) Nein. Auch menschlich hatten wir nie ein Problem miteinander. Mir hat auch niemand etwas gesagt.

Die Situation war aber nicht schön für Sie?
Nein, wirklich nicht, Ich war drei Monate nicht dabei. Damit musste ich mich erst abfinden, leicht ist mir das nicht gefallen. Aber auch das gehört zum Fußballleben dazu.

Und dann erfährt man aus der Zeitung, dass Eintracht Frankfurt für seine Position einen neuen, jungen Mann verpflichtet hat, Yanni Regäsel aus Berlin. Ein Nackenschlag?
Es ist nie ein schönes Gefühl, wenn neue Leute direkt für deine Position geholt werden, ohne das man selbst eine richtige Chance bekommen hat. Es geht andererseits aber auch alles so schnell, das sieht man jetzt ja bei mir. Ich musste mich schon damit auseinandersetzen und einen Weg für mich finden. 

Wie haben Sie das gemacht?
Viele wären sauer gewesen, wären zum Trainer gerannt, hätten sich beschwert. Oder hätten versucht, sich über Zeitungen in die Mannschaft zu singen. Ich bin nicht so ein Mensch. Ich habe zu Hause viel darüber geredet, mit meiner Frau, meiner Familie. Das ist auch so meine Art: Ich lasse die Enttäuschung eher zu Hause raus als in der Öffentlichkeit oder, noch schlimmer, in der Mannschaft. Klar, es war eine schwierige Situation für mich.

Und wie ging es dann weiter?
Ich bin ein Typ, der sich einfach wieder zurück kämpfen will. Und das geht nicht mit Diskutieren. Man muss es auf dem Platz zeigen. Das habe ich getan, ich habe in jedem Training Vollgas gegeben. Und habe mich dabei selbst bewertet... 

....wie haben Sie abgeschnitten?
Ich war mit mir im Training sehr oft zufrieden, muss sich sagen. Ich brauchte mir nichts vorwerfen zu lassen und habe auch nichts Gegenteiliges zu hören bekommen. 

Umso schlimmer ist es dann, trotz allen Trainingseifers und Fitness am Samstag nicht einmal zu den ersten 18 im Kader zu gehören?
Das war echt bitter, am Wochenende auf dem Sofa zu sitzen oder auf der Tribüne. Vor allem auch so lange, gut drei Monate. Das hat ganz schön an meinen Nerven gekratzt, spurlos ging so eine Zeit nicht an mir vorbei. Es bleibt einem halt nichts anderes übrig, als zu trainieren und sich fit zu halten.

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Und jetzt trainieren Sie ganz anders als unter Armin Veh?
Nein. Ich trainiere genau so wie immer. 

Dennoch: Was ist unter Niko Kovac anders?
Er redet sehr viel mit uns. Für ihn ist es ja auch eine neue Situation. Es ist seine erste Station als Vereinstrainer, vorher war er ja für die kroatische Nationalmannschaft zuständig, die sich nur alle paar Wochen trifft. Man merkt, dass er früher selbst Spieler war. Er weiß, wie Spieler denken. Er geht sehr gut mit der ganzen Mannschaft um. Aber: Er verlangt auch sehr viel von uns. 

Er redet mehr?
Ja. Und er redet vor allem mit der ganzen Mannschaft. Das ist aus meiner Sicht auch sehr wichtig. 

Gibt es weitere Unterschiede?
Naja, ich habe schon gemerkt, selbst in den beiden Spielen, in denen ich gespielt habe, dass wir unsere Laufleistung erhöht haben. Und wir stehen kompakter, enger beieinander, wir haben uns insgesamt verbessert. 

Legen die Kovac-Brüder auf andere Dinge mehr Wert als früher Armin Veh?
Wir versuchen, schneller zu laufen und den Ball bei Ballgewinn schneller nach vorne zu spielen. Und die Trainer zeigen uns sehr viele Videos von Situationen, die wir besser lösen müssen.

Was gibt Ihnen denn Zuversicht für die wichtige Partie am Samstag Nachmittag gegen die TSG Hoffenheim?
Ich denke, die letzten Spiele können uns zuversichtlich stimmen. Wir haben das schwere Spiel gegen Hannover gewonnen, wir haben zwar nicht gut gespielt, aber der Druck war auch enorm. Und gegen die Bayern haben wir gut gestanden, viele Ballgewinne gehabt und wir haben uns, alles in allem, gut geschlagen. Und Hoffenheim am Samstag ist, wie sagt man so schön, ein Sechs-Punkte-Spiel. Und ich glaube auch, wir haben die Qualität dafür, zuzuschlagen und die Partie zu gewinnen. 

Und Hoffenheim ist auch ein gutes Omen für Sie. Da haben Sie Ihr erstes Tor in der Bundesliga für die Eintracht erzielt.
Ja, sogar per Kopf. Letzte Saison beim 3:1-Sieg zu Hause.

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Timothy, Sie haben ja auch in der Saison beim 1. FC Nürnberg gespielt, als der Club abgestiegen war. Ist diese Situation vergleichbar mit der jetzigen in Frankfurt? Auch in Nürnberg waren Sie in der Abstiegssaison lange ausgefallen?
Man kann es schon ein wenig vergleichen, aber ich denke, so komisch es sich auch anhört: Wir stehen unverdient so weit da unten. 

Unverdient?
Mit der Qualität unserer Einzelspieler dürften wir normalerweise nie so weit unten stehen. 

Nochmals zurück: Der Schritt damals von der Eintracht nach Nürnberg war für Sie ein ziemlich prägender?
Ich bin mir sicher: Nach Nürnberg zu gehen, war die wichtigste Entscheidung in meinem sportlichen Leben. Ich hatte bei der Eintracht, bei den Amateuren, noch einen Vertrag, den habe ich aufgelöst. Es ging einfach nicht voran. Ich war dann erst mal einige Zeit vereinslos, hatte nur Angebote von ein paar Drittligisten. Doch dazu hatte ich mich nicht durchringen können. Rene Müller, der Trainer der U23 des 1. FC Nürnberg, wollte mich. Ich habe zugesagt und mich dort vom ersten Augenblick an sofort wohl gefühlt. Dann hatte ich natürlich das Glück, dass mich Dieter Hecking (damals Trainer beim Club, Anm. d. Red) nach drei Monaten zu den Profis hochgezogen hat. 

Dann ging alles ganz schnell?
Ja. Ich durfte mit den Profis ins Wintertrainingslager. Mein Glück war, dass die Nürnberger gerade selbst einen rechten Verteidiger suchten. Nur hatte ich bei der Eintracht meist vorne gespielt, rechts oder links auf den Flügeln. Dieter Hecking hat mich umgeschult. 

Auch für Sie persönlich war der Schritt raus aus Frankfurt ein ganz entscheidender?
Das war der wichtigste Schritt in meinem Leben. Ich bin aus Frankfurt raus, habe das erste Mal allein gewohnt, da musste ich mich selbst um alles kümmern. Da bin ich noch erwachsener geworden als ich es davor schon war. Das hat mich geprägt. Und die vier Jahre 1. FC Nürnberg waren das Beste, was mir in meiner Karriere passieren konnte. 

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Sie hätten auch bei einem Drittligisten spielen können. Dann hätten Sie eine gänzliche andere Laufbahn eingeschlagen.
Deswegen bin ich ja so froh, dass das mit Nürnberg so gut geklappt hat. Und schon drei Monate später kam dann auch die Anfrage vom US-amerikanischen Fußball-Verband, vom damaligen Trainer Bob Bradley, für zwei Freundschaftsspiele gegen Paraguay und Argentinien. Die habe ich dann bestritten. 

Und dann lief alles wie am Schnürchen.
Ja, kann man so sagen. Es kam Jürgen Klinsmann. Bei ihm habe ich auch immer gespielt, weil er vor allem Spieler haben wollte, die möglichst in den höchsten Klassen spielten.

Die USA ist nach einem 4:0-Sieg gegen Guatemala ohne Sie wieder auf WM-Kurs. Im Sommer steht für Sie die Copa America an, etwa zur gleichen Zeit wie die EM in Frankreich. Zuletzt waren Sie ja nicht dabei.
Ich hatte bei der Eintracht ja drei Monate nicht gespielt, dann kam der neue Trainer Niko Kovac. Mit Klinsmann war abgesprochen, dass ich hier bleiben und gut trainieren sollte. Es stehen noch zwei Testspiele aus, da will ich wieder dabei sein. Und wenn ich bei der Eintracht spiele und Leistung bringe, wird das auch klappen. 

Sie haben beide Staatsbürgerschaften. Fühlen Sie sich eher als US-Amerikaner oder eher als Deutscher?
Außerhalb des Platzes bin ich schon eher amerikanisch. Ich bin ein lockerer Typ, für jeden Spaß zu haben. Wenn es auf dem Platz geht, bin ich immer 100prozentig da, immer Vollgas. Ich habe von beiden Mentalitäten ein bisschen was. Gut, dass ich mich nicht entscheiden muss. 

Sie haben auch nie für eine längere Zeit in den Staaten gelebt?
Nein. Ich habe in Frankfurt-Preungesheim bis zum Alter von fünf, sechs Jahren in einer Kaserne gelebt, bin in einen amerikanischen Kindergarten gegangen. Als sich meine Eltern getrennt haben, sind wir ausgezogen. 

Wenn Sie in den Staaten wählen würden, wären Sie eher auf der Trump-Seite oder der Clinton-Seite?
Ohje, mit Politik habe ich es nicht so. Aber in dieser Konstellation wäre klar, für wen ich stimmen würde? 

Und für wen?
Verrate ich nicht. 

Interview: Thomas Kilchenstein

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