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Durchblick: Eintracht-Vorstand Axel Hellmann hat durchaus Visionen.

Eintracht Frankfurt

„Wir sind blütenweiß“

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  • Ingo Durstewitz
    Ingo Durstewitz
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Eintracht Frankfurt plant mit einem Plus, einem Rekordumsatz und begründet den Strategiewechsel.

Irgendwann grätschte der alte Hase Heribert Bruchhagen in die Ausführungen des neuen Finanzvorstandes Oliver Frankenbach. „Von Sparbrötchen“, rief der 67 Jahre alte Eintracht-Boss fast schon triumphierend aus, „kann also keine Rede sein. Wir haben immer alles reininvestiert.“ Frankenbach, seit einer Woche der Herr der Zahlen bei Eintracht Frankfurt, hatte gerade eine Fünf-Jahresbilanz vorgestellt, aus der hervorging, dass der Bundesligist aus Hessen in dieser Zeit nur einmal schwarze Zahlen schrieb, vor zwei Jahren war das, als die Eintracht europäisch unterwegs war. Da erwirtschaftete der Klub einen Überschuss von 9,1 Millionen Euro. Das war aber auch „das wirtschaftlich erfolgreichste Jahr in der Geschichte von Eintracht Frankfurt“, wie Vorstand Axel Hellmann schon damals ausführte. Ansonsten standen in der Bilanz immer rote Zahlen.

In der vergangenen Saison machten die Frankfurter einen Verlust von 6,1 Millionen Euro, auch um den Umbruch vor der letzten Runde mit den Abgängen „der Schlüsselspieler Jung, Rode, Schwegler und Joselu“ (Hellmann) einigermaßen verträglich gestalten zu können. Mit diesem Minus hatte der Klub kalkuliert. Der Ausblick für die aktuelle Spielzeit sieht schon besser aus, da erwarten die Hessen einen Gewinn von 3,1 Millionen Euro. Und in dieser Runde wird der Gesamtumsatz „erstmals in der Geschichte von Eintracht Frankfurt“ (Frankenbach) die 100-Millionen-Euro-Marke knacken.

Das Eigenkapital, das im vergangenen Geschäftsjahr 5,7 Millionen Euro betrug, wird auf 8,8 Millionen Euro anwachsen. Hellmann reicht das noch nicht. „Das ist etwas dünn, das muss besser werden.“ Gerade, um Risiken zu minimieren. Denn schon jetzt kann die Eintracht ihre Mannschaft nicht mehr „durch die vorhandenen Erträge decken“. Auch deshalb wird ab November das viel diskutierte Genussscheinmodell auf den Weg gebracht, mit dem der Klub mindestens zehn Millionen Euro einsammeln will. Die Hessen wären auch in der Lage, auf diesem Wege weitaus mehr Geld zu akquirieren, doch das sei gar nicht notwendig. „Zur Absicherung brauchen wir keine 20 Millionen Euro“, sagte Hellmann.

Beispiel Augsburg

Der Jurist stellte am Montag während des obligatorischen Finanzgesprächs heraus, dass die Eintracht ein „kerngesunder“ Klub sei. „Keine Schulden, kein Geld im Vorgriff auf Verträge genommen, wir müssen nichts Externes bedienen – wir sind blütenweiß.“ Und doch sucht der Verein händeringend nach neuen Einnahmemöglichkeiten, weil die klassischen Ertragsquellen weitgehend ausgereizt sind. Und, das kommt noch hinzu, der Stadion- sowie der Vermarktervertrag den Klub knebeln. Beide Partnerschaften enden erst 2020. Eine lange Zeit, die überbrückt werden muss.

Finanzchef Frankenbach sprach sogar „von einem Wettbewerbsnachteil“ und beziffert die jährlich fehlenden Einnahmen auf fünf bis sieben Millionen Euro. „Davon könnten wir uns zwei, drei überdurchschnittliche Spieler holen, die wir brauchen, um uns für Europa qualifizieren zu können“, flankierte Hellmann. Beide Verträge, sagte er, seien „eklatante Bremsklötze. Sie sind das größte strukturelle Problem.“

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Wie also nach vorne kommen? „Wir sind nicht mutlos, sondern aggressiv und aktiv“, sagte Bruchhagen. Kurzfristig sei ein Schritt nach vorne aber nur durch sportlichen Erfolg und einer dadurch bedingten Verbesserung im TV-Ranking möglich. In diese Saison geht die Eintracht als Zwölfter, vor ihr liegen Bremen, Hoffenheim und Mainz in greifbarer Nähe. Jeder Platz bringt 1,3 Millionen Euro. Als Beispiel für die große Bedeutung des Fernsehgeldes führte Hellmann den FC Augsburg an. Die Schwaben sind binnen eines Jahres von Platz 14 auf Rang sieben gesprungen und haben damit „neun Millionen Euro eingecasht“.

Bei Sky unter den Top 7

In diesem Zusammenhang warb der Vorstand indirekt für eine Neuverteilung der TV-Gelder nach englischem Vorbild. Dort gibt es einen Sockelbetrag von rund 50 Prozent, zu je einem Viertel werden der sportliche Erfolg sowie die Reichweiten des Klubs berücksichtigt. Vereinfacht gesagt: Auf der Insel werden Vereine mit größerer Zugkraft stärker belohnt. „Ohne TV-Einnahmen wären wir ein Big Player“, sagte Bruchhagen. Und Hellmann hob auf die guten Einschaltquoten bei Abosender „Sky“ ab. Dort rangiere die Eintracht unter den Top 7. Er zitierte DFL-Geschäftsführer Christian Seifert, der ausgeführt haben soll: „Wir sind reichweitenmäßig ein Bundesligabrückenkopf.“ Doch genau dort sieht Hellmann das Kernproblem: „Unsere Erträge korrespondieren damit zu wenig. Die Diskrepanz zwischen dem, was wir bekommen und dem, was wir der Liga bringen, ist zu groß.“

Die Eintracht sieht sich auch durch die neuen Einflüsse aus England „und den wahnsinnigen Transfersummen“ (Bruchhagen) dazu gezwungen, ihre Strategie zu ändern. Bruchhagen warnte vor dem englischen Modell, weil die Bundesliga „sensationell gut funktioniert. Wir sollten dem Fetisch Premier League nicht nachjagen“ – auch wenn das Durchschnittsgehalt eines Profis in England 2,2 Millionen Euro beträgt, in Deutschland „nur“ 1,18 Millionen. Trotzdem werden sich die Hessen anpassen müssen. Zum Beispiel ihre besten Spieler verkaufen wie zuletzt Kevin Trapp, der für knapp zehn Millionen Euro nach Paris wechselte.

Fans wollen Nikolov

Unter seiner Führung, sagte Bruchhagen, habe ein Jahrzehnt die Maxime geherrscht, keinen Spieler zu verkaufen. „Das war meine Strategie. Jetzt ist uns ein Umdenken aufgezwungen worden.“ Auch wenn Bruchhagen sagte, „dass wir kein Verein wie Mainz sind, der verkaufen muss.“ Hellmann konkretisierte: „Die Frage ist, wann wir den einen oder anderen Spieler werthaltig in den Markt geben.“ Für Haris Seferovic, hatte Sportdirektor Bruno Hübner erst kürzlich gesagt, habe man eine Millionenofferte im zweistelligen Bereich vorliegen gehabt. Doch aus sportlichen Gesichtspunkten entschloss man sich, ihn nicht ziehen zu lassen. „Über allem steht die Qualität der Mannschaft“, sagte Bruchhagen. Man könne also nicht folgern, „jetzt gehen Seferovic, Zambrano und Stendera“.

Ohnehin müsse ein traditionsreicher Mittelklasseverein wie Eintracht Frankfurt auf seine Wurzeln achten und Identifikationsfiguren lange im Klub halten. „Das Arsenal-Prinzip greift bei uns nicht. Es ist undenkbar, dass wir 25 Spieler haben und kein Hesse dabei ist. Fans identifizieren sich mit Spielern wie Ochs, Russ und Nikolov.“ Auch deshalb seien die Abgänge von Sebastian Rode und Sebastian Jung „ein herber Schlag für uns gewesen“.

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