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Gibt die Richtung vor: Eintracht-Vorstand Axel Hellmann.

Eintracht Frankfurt

"Wir können noch mehr"

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Wie Eintracht Frankfurt in Zukunft noch weiter vorankommen will.

Dieser Tage war der alte Fahrensmann Heribert Bruchhagen mal wieder zu Gast in Frankfurt, zumeist residiert er dann dort, wo er zuvor fast eine Dekade wohnte, im feudalen Main Plaza am Ufer des Mains auf der Sachsenhäuser Seite mit imposanten Blick auf die Skyline.

Am Montag stattete der 70-Jährige dem Hessischen Rundfunk einen Besuch ab und war zu Gast in der Sendung Heimspiel. Der ehemalige Eintracht-Vorstandsvorsitzende, der nach dem erfolgreich bestrittenen Relegationskrimi gegen Nürnberg vor zweieinhalb Jahren abdankte, war gut drauf, plauderte locker-flockig daher. Den Eintracht-Zugang Filip Kostic bezeichnete er etwa flapsig als „Pappnase“, weil der Serbe sein ganzes Potenzial beim HSV, wo Bruchhagen nach seiner Eintracht-Zeit anheuerte, offenbar gut versteckt hatte. „Ich habe ihn ja beim HSV anderthalb Jahre gehabt. Auf dem linken Flügel hatte er mal gute und mal schlechte Spiele. Aber dass er so intensiv arbeitet, auch nach hinten, das habe ich von ihm nicht gekannt. Das zeigt, dass in dieser Mannschaft ein sehr guter Geist herrschen muss, um diese Ergebnisse zu erzielen.“ 

Bruchhagen mahnt mal wieder

Bruchhagen, der in Frankfurt als Begründer des Beton-Zeitalters galt, weil er die Liga stets als zementiert betrachtete und Visionäre am liebsten zum Arzt geschickt hätte, hat für die Entwicklung seines Ex-Klubs logischerweise nur positive Worte übrig. „Ich habe unsere Rolle damals immer im Mittelfeld gesehen. Ich hätte es der Eintracht nicht zugetraut, in die Phalanx von Bayern München, Borussia Dortmund, Borussia Mönchengladbach, Schalke 04, Bayer Leverkusen und Hoffenheim einzubrechen“, sagte er im HR. „Umso großartiger finde ich es, was die handelnden Personen im sportlichen Bereich geleistet haben, um diesen Sprung zu schaffen. Da kann man nur stolz sein.“ So ganz ist er ja noch nicht gelungen, der Satz hinauf zu den Topklubs, aber die Eintracht hat sich sukzessive nach oben gerobbt und steht nun an der Schwelle zu den Spitzenrängen. Das ist aller Ehren wert. Bruchhagen, der Ober-Realo, mahnt aus sicherer Entfernung aber auch Bescheidenheit an. 

„Die Eintracht muss die Erfolge so feiern, wie sie fallen. Aber sie muss auch wissen, dass sie im Ranking der Bundesliga in der Regel einen Platz zwischen acht und zwölf belegen muss – aufgrund ihrer Vereinsstruktur und ihrer Möglichkeiten. Sie darf nicht enttäuscht sein, wenn sich diese Erfolgsstrecke nicht ständig wiederholt.“ Etwas anderes sei es, und das sind durchaus ungewöhnliche Sätze für den oft so knorrigen Ostwestfalen, wenn mal der große Wurf gelingen würde. „Wenn man in die Champions League kommen sollte, ein bisschen Fantasie muss man ja haben, dann würde man natürlich derartig viel Geld generieren, dass eine neue Periode anbrechen könnte.“ Diese Fantasie hat er als Eintracht-Boss nie gehabt oder, besser, nicht haben wollen. 

Eine neue Periode wird für den Klub sowieso anbrechen, die Eintracht entwickelt sich auf allen Geschäftsfeldern weiter. Sie demonstriert ihr neues Selbstvertrauen und ihr Selbstverständnis auch dadurch, dass sie sich nach reiflicher Überlegung dafür entschieden hat, sich in Eigenvermarktung am Markt zu präsentieren und den langjährigen Deal mit Lagardère im kommenden Jahr aufzukündigen.„Das ist ein neues Kapitel für Eintracht Frankfurt, wir treten in eine neue Phase ein und schließen eine alte ab“, sagte Vorstand Axel Hellmann, der darlegte, weshalb die Eintracht damals, 2005, auch auf dezenten Druck der Stadt hin, einen langfristigen Vertrag mit Vermarkter Sportfive, der später in Lagardère aufging, abschloss. „Wir waren ein sportlicher Wackelkandidat zwischen erster und zweiter Liga. Für alle, die damals Verantwortung getragen haben, war das Leitmotiv immer die Absicherung nach unten“, bekundete der 47-Jährige. „Es sollte vermieden werden, dass der Klub wieder in wirtschaftliche Turbulenzen geraten könnte.“

Der Lizenzkrimi 2002, die drohende Pleite, habe Spuren hinterlassen. „Das war eine Zeit, die die Eintracht tief geprägt hat. In ihrer DNA war, dass die Risikovermeidung ganz nach oben zu stellen ist.“ Es sei zudem eine Phase gewesen, „in der der Kredit, das Vertrauen und das Image der Eintracht in dieser Stadt nicht sehr hoch waren.“ Daher sei man diese langfristige Zusammenarbeit mit dem externen Vermarkter eingegangen, der zuletzt pro Jahr fünf bis sechs Millionen an Provisionen erhielt – egal, ob er einen Partner selbst an Land gezogen hatte oder nicht. Für den Klub war das nicht befriedigend.

Viele Jahre habe die Eintracht ein klares Sicherheitsdenken über alles gestellt. „Wir wollten möglichst viele Ressourcen darauf verwenden, um uns in der Bundesliga zu etablieren“, sagte Hellmann. „Auf der anderen Seite waren wir dadurch weniger mit der Frage beschäftigt, wo kommt das Wachstum her, um uns weiter fortzuentwickeln.“

Im Kern heißt das, dass die Alltagssorgen und der stete angstvolle Blick nach unten dazu geführt haben, dass viele einfach nur damit beschäftigt waren, den Status quo zu erhalten, darüber aber vergessen haben, Konzepte, Ideen und Philosophien zu entwickeln, um im Wettbewerb nicht abgehängt zu werden und konkurrenzfähig zu bleiben. Eintracht Frankfurt trat über Jahre hinweg auf der Stelle. Einige behaupten, Heribert Bruchhagen sei daran nicht schuldlos.

„Jetzt haben wir eine andere Zeit, eine andere Situation“, sagte Hellmann. Der Klub habe sich in den vergangenen Jahren Vertrauen erarbeitet, „in der Stadt, aber auch bei Vertragspartnern“, nach der WM 2006 „haben wir einen anderen Boom erlebt“. Diese Faktoren hätten zu einer „wunderbare Wachstumsgeschichte“ geführt, die sich in den zurückliegenden zwei, drei Jahren noch mal verstärkt habe. „Wir haben mehr Vertrauen in unsere Leistungsfähigkeit. Der ökonomische Wert von Eintracht Frankfurt hat sich in den letzten Jahren massiv nach oben entwickelt.“ 

Deshalb habe man sich dazu entschieden, den Klub zukünftig selbst zu vermarkten. „Wir haben mit der Zeit eigene Synapsen in den Markt entwickelt, wir haben Topkontakte zu den Playern am Finanzplatz. Wir sind der Überzeugung: Wir können noch mehr, wir können noch besser sein.“
Hellmann glaubt, dass durch die Emanzipation von Lagardère jährlich rund drei Millionen Euro zusätzlich hängenbleiben werden, aber das soll nicht das Ende der Fahnenstange sein: „Perspektivisch glaube ich an mehr.“ 

Dann nämlich, wenn die Maschinerie erst einmal auf vollen Touren läuft, wenn der neue Vermarktungschef Arnfried Lemmle sein Team, das 30 Mitarbeiter umfassen soll, beisammen hat und losmarschieren kann. Der Schwabe, zuvor bei der TSG Hoffenheim angestellt, hat große Ziele ausgerufen. „Ich denke, Eintracht Frankfurt wird extrem aufhorchen lassen“, hat er bei seiner Vorstellung gesagt. „Einige in der Liga werden mit den Ohren schlackern, was hier geschieht.“

Lemmle hat den Job von der „Pike auf erlernt“ (Hellmann), er selbst sagt: „Ich bin in Hoffenheim mit der Muttermilch auf das Thema Eigenvermarktung sozialisiert worden.“ Er will den Verein nach vorne bringen. „Das ist ein hochspannendes Umfeld, der Finanzplatz, die Metropole Frankfurt, die Power und Dynamik, die von dem Verein ausgehen – das hat mich wahnsinnig gereizt“. Lemmle freut sich darauf, „ein Teil der Eintracht zu sein. Ich hoffe, dass ich mithelfen kann, damit wir den nächsten Schritt machen können.“

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