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So war es in Bordeaux vor fünf Jahren, so wird es in Marseille nicht sein: Eintracht-Fans feiern sich und die Mannschaft.

Eintracht-Vorstand Axel Hellmann

"Wir fühlen uns betrogen"

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Vorstand Axel Hellmann hadert mit den unschönen Begleitumständen vor dem internationalen Comeback der Eintracht, dennoch spürt er wieder dieses ganz spezielle Fluidum in Frankfurt.

Als Eintracht Frankfurt vor fünf Jahren im Herzen von Europa auf die hell ausgeleuchtete Bühne trat, geschah das mit allerlei Brimborium. Die Vorfreude war in der Stadt zu spüren, dieses spezielle Fluidum hatte sich über den Main gelegt, es knisterte und prickelte. Die Eintracht schlachtete die Rückkehr nach Europa aus, vor dem Auftakt gegen Girondins Bordeaux gab sie die Vertragsverlängerung mit Heribert Bruchhagen bekannt, was damals tatsächlich als gutes Zeichen gewertet wurde; Bernd Hölzenbein erzählte von Heldentaten aus der Vergangenheit und einem ruhmreichen Kopfballtor im Sitzen. Marco Russ setzte alles auf die Karte Sieg: „Egal, ob 5:4 oder 1:0.“ Sportdirektor Bruno Hübner warnte eindringlich: „Die waren immerhin sechsmal Meister“, und Armin Veh schloss mit mächtig viel Stolz in der Stimme ab: „Vor zwei Jahren haben wir gegen Aue in der zweiten Liga gespielt – und jetzt im Europapokal gegen Bordeaux.“

Heute, noch mal fünf Jahre später, verläuft das Europa-Comeback sehr viel geräuschloser, die Eintracht hat sich abgeschottet: Pressetermine gibt es nur in höchst homöopathischen Dosen, nur unter viel Verbiegung ließ sich noch ein Gespräch mit dem netten Abräumer Gelson Fernandes organisieren  – bis zur offiziellen Pressekonferenz am Mittwoch um 17.15 Uhr im Stade Vélodrome in Marseille mit Trainer Adi Hütter und Torwart Kevin Trapp hält sich die Eintracht mit öffentlichen Auftritten zurück. „Wir zelebrieren das jetzt nicht lautstark und mit großer Trompete“, sagt Vorstand Axel Hellmann. Aus gutem Grund: „Ich fühle große Enttäuschung und Bitternis.“

Das liegt einzig und allein an der Tatsache, dass am Donnerstagabend (18.55 Uhr/ live bei DAZN) keine Zuschauer in der mächtigen Arena zugelassen sind. Die Uefa hat Olympique wegen Fehlverhalten der Fans mit dieser drakonischen Strafe belegt, die Eintracht ist daran schuldlos, die Hessen sind Leidtragende. „Wir fühlen uns um einen großen europäischen Auftritt betrogen“, klagt Hellmann an. Dass es ausgerechnet die Eintracht getroffen hat, die den Wettbewerb mit ihrer Vielfalt und ihrer massiven Fanunterstützung, gerade auswärts, aufwertet und der Uefa schöne, bunte Bilder liefert, ist nahezu absurd. „Dass der Verein, der richtig Bock hat und eine große Euphorie ausstrahlt, im ersten Spiel ausgeschlossen wird, das ist grotesk – das ist ja Ironie“, sagt Hellmann.

Doch der Eintracht seien die Hände gebunden gewesen. Nach der Auslosung am 31. August in Monaco seien die Frankfurter „durch verschiedene Faktoren und einen komplexen Schlüssel“ dieser Partie zugeteilt worden. „Da gab es auch nichts zu machen oder zu verteilen.“ Die Uefa selbst war auch nicht erfreut darüber, ein Zugpferd zu beschneiden.

Hellmann schmerzt der Fanausschluss gar sehr. „Wir sind eine schicksalsergebene Gemeinschaft.“ Der Jurist schätzt, dass gut und gerne 10.000 Anhänger den Weg nach Frankreich gefunden hätten – fast so viele wie vor fast fünf Jahren in Bordeaux.

Die Eintracht hat sich dazu entschlossen, ihr Kontingent an Tickets, nämlich deren 200, zurückzugeben. Zum einen, weil die Auswahl der Personen schon schwer und ungerecht gewesen wäre, vor allem aber aus Solidarität zu den Anhängern. Auch Sponsoren oder wichtige Partner, Geschäftsfreunde und Freunde des Klubs hätten sich dieser Maßnahme verschrieben und stünden bedingungslos dahinter, bekundet der 47-Jährige. „Sie sagten: Wenn unsere Fans nicht fahren dürfen, wollen wir auch nicht fahren.“

Das führt zu der durchaus seltsamen Konstellation, dass die Eintracht an der Côte d’Azur mit einer Schrumpfdelegation auftreten wird: Neben dem dreiköpfigen Vorstand werden noch die Aufsichtsräte Peter Fischer, Philip Holzer und Dieter Burkert dabei sein – und sonst niemand, nicht mal der Chef des Kontrollgremiums, Wolfgang Steubing, wird die Reise antreten. Eine ungewohnte Situation.

Der gesamte Auftritt in Südfrankreich steht unter keinem guten Stern. Der Beschluss der Präfektur Marseille, ein Stadtverbot für Eintracht-Fans zu erlassen, ist nicht nur idiotisch und rechtlich unhaltbar, sondern auch für die Eintracht-Entourage nur schwer zu ertragen. Entsprechend drastisch fiel die Stellungnahme von Axel Hellmann aus: „Ein komplettes Stadtbetretungsverbot für unsere Anhänger zu erlassen, stellt einen völlig unangemessenen und rechtsstaatlich hochgradig bedenklichen, wenn nicht unzulässigen Eingriff in die Rechte eines jeden Einzelnen dar“, sagt er.

Für die Eintracht ist die Rückkehr nach Europa mit diesem undankbaren Auftakt samt Nebengeräuschen und unschönen Begleitumständen denkbar unglücklich. Die große Begeisterung will, sie kann momentan gar nicht aufkommen. Im Grunde beginnt das internationale Abenteuer für die Frankfurter erst nach dem ersten Spiel in Marseille.

Für die Auswärtspartien auf Zypern gegen Limassol (8. November) und in Rom gegen Lazio (13. Dezember) sei das Interesse der Anhänger riesengroß. Allein nach Zypern werde die Eintracht selbst 25 Maschinen bereitstellen. Hellmann aber glaubt, dass die Eintracht ihren großen Auftritt im Dezember in der italienischen Hauptstadt haben wird. „Unsere Völkerwanderung wird es nach Rom geben.“ Mit Lazio stehe man bereits in de Verhandlungen, ob man das Gästekontingent erhöhen könne. Der Vorstand hofft sehr auf ein Entgegenkommen der Kollegen aus Italien. Erste vielversprechende Signale soll es bereits gegeben haben. Hellmann rechnet mit locker 15.000 Frankfurtern in der Ewigen Stadt.

Generell sei die Teilnahme am internationalen Wettbewerb für die Eintracht ein hohes Gut und nicht hoch genug zu bewerten. Die Gruppe sei zwar schwer, aber „super-attraktiv“, die Destinationen seien „Traumreiseziele“. Und er ist sich sicher, dass die Eintracht von allen deutschen Europa-League-Startern am meisten beachtet wird. „Wir haben die meiste Aufmerksamkeit und die größte Reichweite. Auf uns wird geguckt.“ Für den gesamten Verein sei das „herausragend“. Und auch für die Internationalisierung von Bedeutung. „Es hat eine große Qualität, nicht nur im deutschen Fernsehen zu sehen zu sein, sondern auch im internationalen. Unser internationaler Anspruch wird nicht nur unterstrichen, sondern auch gezeigt.“

Sportlich sei es zwar durchaus schwierig, international zu überwintern, doch sicherlich sei die Eintracht nicht chancenlos. „Die Gruppe ist sehr attraktiv, wir haben von den zehn attraktivsten Teams zwei gezogen.“ Das ist schon mal eine Hausnummer. Doch bange machen gilt nicht. „Wenn du den Anspruch hast, europäisch zu spielen, und das war unser Ziel, dann darfst du dich nicht beschweren.“ Die Eintracht habe deshalb Außenseiterchancen, weil die anderen Mannschaften womöglich ihre höchste Priorität nicht auf die Europa-League gelegt haben, Lazio Rom etwa. „Die haben in der Liga Champions-League-Ambitionen.“ Davon ist die Eintracht weit entfernt.

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